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Münster (upm)

Historiker Thomas Großbölting über die deutsche Wiedervereinigung

Aufbruch in die entsicherte Gesellschaft – 1989 als deutsch-deutsches Missverständnis
Einen Tag nach der Grenzöffnung feiern tausende Menschen aus Ost- und Westdeutschland gemeinsam auf, vor und hinter der Berliner Mauer am Brandenburger Tor.<address>© Eberhard Klöppel / dpa</address>
Einen Tag nach der Grenzöffnung feiern tausende Menschen aus Ost- und Westdeutschland gemeinsam auf, vor und hinter der Berliner Mauer am Brandenburger Tor.
© Eberhard Klöppel / dpa

Jubelnde und tanzende Menschen auf der Mauer links und rechts des Brandenburger Tors; Trabbis, die sich auf der Fahrt nach Westberlin einen Weg durch Sektflaschen und Fahnen schwenkende Passanten bahnen – wer die Bilder nicht live gesehen hat, war und ist spätestens durch die mediale Berichterstattung mit diesen Szenen hoch vertraut. Diese immer wieder aufgerufene Erinnerung wurde das zentrale Bild der Wiedervereinigung und avancierte zum mythischen Gründungsmoment des wiedervereinigten Deutschlands. Die Öffnung der Mauer als das Ende der SED-Diktatur – das ist eine vor allem in Deutschland-West gängige Erinnerung, die regelmäßig in den Feierstunden zur Deutschen Einheit abgerufen wird: Kein Bundespräsident, der sich diesen Anlass zu einer emotionalen Rede entgehen ließe; keine West-Kommune, die nicht mit einigen Abgesandten aus der ostdeutschen Partnerstadt dieses Ereignis Revue passieren lässt. Mit dem „Fall der Mauer“ wurde das „Endspiel“ (so ein populärer Buchtitel) abgepfiffen, die alten Kader der Macht hatten verloren. Es war das furiose Ende einer Zwangsherrschaft, welches die neue Zeit einläutete.

Wie sich die Jahre des wiedervereinten Deutschlands dann entwickeln sollten, blieb und bleibt in dieser Erzählung offen: Am ehesten waren es noch die von Kanzlerseite versprochenen „blühenden Landschaften“, die ein Zukunftsszenario abgaben. Wider besseres Wissen versprach die Regierung nichts anderes als eine Wiederholung des bundesrepublikanischen Wirtschaftswunders der 1950er-Jahre.

30 Jahre später funktioniert die Geschichte vom „Endspiel“ nicht mehr, der Jubel von damals stellt sich nicht mehr ein. Im Gegenteil. Insbesondere mit Blick auf den größeren Erfolg rechtspopulistischer Parteien wie der selbsterklärten Alternative für Deutschland im Osten scheinen die Differenzen zwischen „alter Bundesrepublik“ und „neuen Ländern“ stärker als zuvor zu sein. Dazu hat wohl nicht nur beigetragen, dass sich die schon damals wider besseres Wissen abgegebenen Versprechen von den „blühenden Landschaften“ nicht oder nur partiell erfüllt haben. Es schiebt sich immer mehr in den Vordergrund, dass 1989 eben nicht nur Zäsur war, sondern auch die Fortsetzung der DDR-Gesellschaft wie auch der Anfang der Wiedervereinigungsgesellschaft mit ihren spezifischen Neuentwicklungen und Problemen. Diese Feststellung ist für sich banal, hat aber für die Ausdeutung sowohl des Revolutionsprozesses, seines Nachlaufs wie auch der kommenden Jahre weitreichende Konsequenzen.

Blicken wir aus der Perspektive der Bevölkerung in Ostdeutschland auf die 1990er-Jahre, dann war das „‚historische Glück‘ der Wiedervereinigung“ untrennbar mit einem radikalen ökonomischen Schock verbunden. Die Regierung Kohl hatte mit gewichtigen Gründen auf eine Politik der raschen nationalen Wiedervereinigung gesetzt – und dafür ökonomische Abwägungen in den Wind geschlagen. Gegen die Meinung der meisten ökonomischen Experten wie auch der Bundesbank war mit der Währungsunion und dem Umtausch D-Mark zu Ostmark im Verhältnis 1:1 eine wirtschaftliche Schocktherapie verordnet worden, die ihren Namen nur zur Hälfte verdient: Schock ja, Therapie nein. Auch im Vergleich zu anderen osteuropäischen, früher staatsozialistischen Ländern wie Polen führte die Wiedervereinigung zu einer tiefgreifenden De-Industrialisierung im Osten Deutschlands, deren Folgen bis heute massiv spürbar sind.

1989/90 verband sich für viele Menschen in den dann neuen Ländern daher mit der Erfahrung des Umbruchs auf dem Arbeitsmarkt. Nur jeder vierte Beschäftigte war 1995 noch auf dem Arbeitsplatz, den er zu Beginn des Jahrzehnts hatte. Viele ostdeutsche Erwerbsbiografien sind von Etappen des Draußenseins gekennzeichnet. Dabei war die Unsicherheit mit Blick auf den Arbeitsplatz nur eine von vielen Unsicherheitserfahrungen. Neben der Arbeit war es das Wohnen, bei dem westdeutsche Eigentumsansprüche mit ostdeutschen Besitzverhältnissen kollidierten. Kurzum: Nahezu alle bisherigen Sicherheiten standen zur Disposition.

Für Ostdeutschland und seine Bewohner veränderte sich mit dem Ende der SED-Diktatur und der Wiedervereinigung das gewohnte Leben drastisch und dramatisch. Innerhalb weniger Monate galten die über viele Jahrzehnte eingeübten Regeln der Lebenspraxis im Alltag wie auch in der Arbeitswelt nicht mehr. Hierarchien in der Politik und auf der Arbeit, Verhaltensweisen in der Freizeit, Praktiken des Einkaufens, des Beschaffens und des Konsums – viele harte und weiche Regeln waren außer Kraft gesetzt und mussten kurzfristig neu gelernt und angeeignet werden. Die Jahre 1989 und 1990 erscheinen aus dieser Perspektive dann vor allem als Startpunkt einer länger anhaltenden Phase des Umbruchs, der Transformation und der Unsicherheit. Diese Entwicklung erklärt, warum in vielen Fällen sich der Abstand zu dem zäsurstiftenden Ereignis friedliche Revolution lebensweltlich und in der Erinnerung vergrößerte. Die biografisch oft bezeugte Euphorie über das Ende von Zwang und Bedrückung in der SED-Diktatur im späten Jahr 1989 stand und steht in eigenartigem Kontrast zum ebenfalls erlebten Kollaps einer gesamten Gesellschaft. Kein Stein blieb mehr auf dem anderen. Für viele war das keine DDR-Erfahrung mehr, sondern eine ostdeutsche, also eine, die man nur noch indirekt mit Erich Honecker und dem Realsozialismus zusammenbrachte, aber dafür sehr direkt mit Helmut Kohl und der gesamtdeutschen Demokratie. In dieser Hinsicht ist „ostdeutsch“ zu sein nur zum Teil eine DDR-Erfahrung. In vielen Aspekten begann sie 1989/1990, zog sich über viele Jahre und Jahrzehnte hin, und reicht zum Teil bis heute.

Der Autor Thomas Großbölting ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte/Zeitgeschichte am Historischen Seminar der WWU. Sein neues Buch „BR D DR. Eine Geschichte der Wiedervereinigungsgesellschaft von ihren Anfängen bis heute“ erscheint voraussichtlich im August 2020.

 

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 6, Oktober 2019.

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