Meine ersten Tage in Torino

Vor genau einem Jahr bewarb ich mich für das Erasmus+-Praktikum im Bereich DaF an der Università di Torino. In Münster setzte zu dieser Zeit der typische Herbstregen ein, es wurde allmählich kalt und mir erschien die Vorstellung wunderbar, in einem Jahr die Masterarbeit abgegeben zu haben, die Wärme Italiens zu genießen und ein Eis zu essen: Ich wollte mein Lehramtsstudium an der WWU mit einer einzigartigen Erfahrung und viel Sonnenschein abschließen.

Dass ich bis dato kein Wort Italienisch konnte, empfand ich eher als nebensächlich. Ich schrieb meine Bewerbung, setzte mich auf die Liste für einen Anfänger-Kurs in Italienisch – und konnte mein Glück kaum fassen, als ich im Frühjahr tatsächlich von meiner betreuenden Dozentin eine Zusage bekam.

Bis zu meiner Abreise im September stand einiges an: Die Masterarbeit und die hohen Temperaturen in Deutschland lenkten mich ab und es wurde mir erst beim Verlassen meiner Wohnung in Münster so richtig bewusst, dass ich nun wirklich nach Turin gehen, an der Universität Deutsch unterrichten und Ende Dezember einen Koffer voller neuer Erfahrungen mit nach Hause bringen würde. Dieser wurde zunächst einmal mit zahlreichen Sommersachen gefüllt, was sich, in Turin angekommen, schnell als Fehler herausstellte. Das Wetter war tatsächlich das erste, was mich vor eine kleine Herausforderung stellte: Ist es morgens und abends noch recht kalt, trüb und neblig, so passiert es nachmittags nicht selten, dass ich doch noch schnell Sonnencreme heraushole, um nicht in der Sonne zu verbrennen.

Bereits während meiner ersten Tage in Turin ist mir bewusst geworden, dass vieles etwas anders abläuft als in Deutschland. Ein typischer Tag startet hier nicht mit einer hippen, veganen Bowl, einem Käse-Schinken Brot mit Remoulade oder einem coffee to go, sondern mit einem buttrigen, mit Marmelade oder crema gefüllten Croissant und einem caffè, der entweder im Stehen an der Bar oder im Sitzen bei einer Zeitung genossen wird. Dem Anschein nach hat jede/r TurinerIn ihr/sein morgendliches Stammcafé. Anhand der Gespräche konnte ich dies anfangs jedoch kaum schlussfolgern – ich verstand nämlich rein gar nichts von dem, was die Leute mir lächelnd erzählten oder auf dem Gehweg zuriefen. War ich zuhause noch einigermaßen stolz gewesen, den Sprachtest mit der Bestätigung eines A2-Niveaus abgeschlossen zu haben, wird mir nun klar, dass ich diesbezüglich ein wenig zu optimistisch gedacht habe. Organisatorisches für die Universität, ein Arztbesuch, der Austausch mit meinen zukünftigen SchülerInnen und als i-Tüpfelchen ein Grammatiktest zu Beginn meines Sprachkurses, bei dem ich irgendwann nur noch auf das Zufallsprinzip zurückgreifen konnte, lehrten mich schließlich, öfter einfach mal zu schweigen und lediglich „wissend“ zu lächeln, ganz nach dem Prinzip: Freundlichkeit kennt keine Sprachbarrieren. Den Alltag stattdessen einfach auf Englisch zu meistern hat ebenfalls seine Grenzen. Während die jüngeren Turiner durchaus bereit sind, es auf Englisch zu versuchen, bleibt mir bei der älteren Generation meist nur das Lächeln und/oder wilde Gestikulation. Zumindest auf dem Markt ist dies äußerst hilfreich und den sollte man hier nicht nur aufgrund der recht teuren Lebensmittel in den Supermärkten unbedingt besuchen: Auf dem Mercato di Porta Palazzo findet man alles nur Erdenkliche: Von Käse und Fleisch, bis hin zu Töpfen, Kosmetika und Steckdosenadaptern, ist für jeden Bedarf etwas dabei.

Trotz der sprachlichen Barrieren oder gerade deswegen ist mir aufgefallen, dass die TurinerInnen unheimlich zuvorkommend, freundlich und hilfsbereit sind. Ich unterhalte mich (oder gestikuliere) jeden Tag mit den verschiedensten Menschen, die sich für meine Herkunft und meinen Aufenthalt in Turin interessieren. Ob im Kiosk, im Supermarkt, im Bus, im Café, in der Universität oder einfach mitten auf der Straße – die Leute sind größtenteils einfach nur herzlich. Es passiert nicht selten, dass ich mich dadurch um einige Minuten verspäte, was wiederum auch kein großes Problem darstellt. Die Tugend, immer und überall pünktlich zu sein, wird hier gemütlich übergangen. Die Prüfungen sind um zehn Uhr angesetzt und es ist 9:57? Das heißt es ist noch genug Zeit für einen cafè und ein brioche.

Im Grunde hatte ich vor meiner Ankunft keinerlei Vorstellungen von der Stadt. Es handle sich um eine Industriestadt und die Meinungen zum Stadtbild seien geteilt, wurde mir gesagt. Tatsächlich ist Turin nicht nur die Geburtsstadt von Fiat, Lavazza und den Köstlichkeiten Gianduiotto und Bicerin, sondern auch die des Aperitivo. Nirgendwo wird diese Tradition so zelebriert wie in Turin. Schon ab drei Uhr am Nachmittag wandern über die Theken der Bars und Cafés zahlreiche Aperol Spritz und andere alkoholische Getränke, dazu werden sogenannte Appetitmacher serviert: Kleine, meist salzige Speisen, die in der Menge jedoch bereits sehr sättigen. Es beginnt bei einer kleinen Schale und kann mit einem bis an den Rand bedeckten Tisch enden, wie wir es in einer Bar in der Nähe des Porta Palazzo staunend erlebt haben.

Das Leben in Italien ist anders als in Deutschland – vieles ist unkomplizierter und die Dinge werden gelassener genommen. Leider sehen es aber auch die Hundebesitzer mit den Hinterlassenschaften ihrer Lieblinge auf den Gehwegen nicht ganz so eng. Heißt es über MünsteranerInnen, dass jeder/m mindestens einmal im Leben ein Fahrrad gestohlen wird, so kann man für die TurinerInnen wohl sagen, dass wahrscheinlich jeder/m einmal in ihrem/seinem Leben ein Malheur passiert, wenn der Blick nicht stetig auf den Gehweg gerichtet ist.

Dabei lohnt es sich durchaus einmal nach oben zu schauen, denn in Turin gibt es einiges zu sehen. Da ist zum einen das Wahrzeichen der Stadt, die Mole Antonelliana, die einst als Synagoge gedacht, nun das Museo Nazionale del Cinema beherbergt. Des Weiteren finden sich in der ganzen Stadt zahlreiche Bauten im Barock-Stil. Von der Piazza Vittorio Veneto hat man zudem einen wunderschönen Blick auf den Po, der durch Turin fließt sowie auf die andere Uferseite mit dem Monte dei Cappuccini, der Villa della Regina und der Basilica di Superga. Letztere bietet einen einzigartigen Blick über die Alpen. Es fährt sogar jeden Tag (außer mittwochs) eine alte Tram zu der Superga, was ich nach einem zweistündigen Aufstieg und dreistündigen Abstieg durch ein Naturschutzgebiet, in dem an jedem zweiten Baum ein Warnschild aufgrund von Großviehherden hing (dem Google-Übersetzer sei Dank!), an einem Mittwoch erfahren habe. Doch auch der etwas weniger aufwendig zu erreichende Monte dei Cappuccini bietet einen wunderbaren Ausblick auf die Stadt und wird nachts, vom Ufer aus zu sehen, angestrahlt.

Ich bin nun seit fast drei Wochen hier und die ersten Tage waren bereits ein Erlebnis, obwohl mein Praktikum noch nicht einmal richtig angefangen hat. Ich bin sehr gespannt, was mich an der Universität erwartet und freue mich auf die Kurse und die kommende Arbeit mit den LektorInnen und den StudentInnen.

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