Auf Wiedersehen, Seoul – Fazit nach vier Monaten Menschenrechts-NGO

Die Zeit ist wie im Fluge vergangen und ich habe mein Praktikum bei PSCORE mittlerweile abgeschlossen. Während ich nun wieder in meiner Wohnung in Münster sitze, fühlen sich die vergangenen Monate verhältnismäßig lang an – sowohl ich fachlicher als auch in persönlicher Hinsicht habe ich viele neue Erfahren machen und Umengen lernen können.

Menschenrechtsberichte verfassen bei PSCORE

Bereits vor Beginn meines Politikwissenschaft-Studiums war es der Fall Nordkorea, der mein Interesse in besonderem Maße weckte. Als sich mir nach dem Abitur die Frage stellte, in welche Richtung es beruflich für mich gehen sollte, stolperte ich über den COI-Report der UN über die Menschenrechtslage in Nordkorea und fühlte mich unmittelbar dazu inspiriert, später etwas Ähnliches zu machen: Irgendwann einmal an einem Menschenrechtsbericht mitzuarbeiten, das wäre doch wahnsinnig spannend! Die Chance, nach Seoul zu fliegen und eben dies zu tun, fühlt sich daher an, als würde sich der Kreis, der sich damals noch als vage Vorstellung vor mir auftat, endlich schließen. Gerade deshalb sind die Erfahrungen der letzten Monate unfassbar wertvoll für mich und ich schätze mich sehr glücklich darüber, dass mir diese Möglichkeit zuteil wurde.

Von April bis Ende Juli dieses Jahres habe ich bei PSCORE spannende Einblicke in die Arbeit bei einer kleinen Menschenrechts-NGO erhalten dürfen, welche mir zusätzlich Orientierung gegeben und mir neue Perspektiven auf meine Jobvorstellungen eröffnet haben. Insgesamt hat mir mein Praktikum sehr gut gefallen und ich habe für mich selbst erkannt, dass ich nicht nur gerne und mit großem Interesse in diesem Bereich arbeiten würde, sondern dass mich der Beitrag, den ich dort zu leisten vermag, auch erfüllt. Aus diesem Grund haben mich die vergangenen Monate darin bestärkt, weiter nach Möglichkeiten zu suchen, mich bezüglich Nordkorea und der Menschenrechtsarbeit weiterzubilden. Da die Strukturen bei PSCORE sehr stark auf Eigenverantwortlichkeit und selbstorganisiertes Arbeiten ausgerichtet sind, gilt hier vor allen Dingen eines: Man nimmt das aus dem Praktikum mit, was man mitnehmen möchte. In solchen Strukturen gibt es stets die Praktikant:innen, die schnell wieder verschwinden und sich nur wenig selbst einbringen, worunter vor allen Dingen die eigene Praktikumserfahrung leidet. Persönlich hatte ich jedoch eine sehr positive und bereichernde Praktikumszeit. Wer gewillt ist, die Initiative zu ergreifen und aktiv bei verschiedenen Projekten mitzuwirken, wird bei PSCORE auf jeden Fall etwas lernen können. Vor allem aber war es die Arbeit mit internationalen Studierenden, die einer der schönsten Aspekte des Praktikums war – ich habe viele tolle und intelligente Menschen kennengelernt, mit denen ich mich nicht nur in der Mittagspause durch die Speisekarten probieren, sondern auch abends direkt weiter zum Han-Ufer fahren konnte, um in warmen Vorsommernächten gemeinsam zu picknicken.

Insbesondere dadurch, dass ich dieses Praktikum in Seoul absolvieren konnte, war ich in der Lage, Einblicke in die Lebensrealität von Nordkoreaner:innen und in den Diskurs um Menschenrechte und Wiedervereinigung auf der koreanischen Halbinsel zu erhalten, die ich zuvor nie für möglich gehalten habe. Durch den Kontakt mit nordkoreanischen Geflüchteten, die für Interviews im Büro ein- und ausgingen, konnte ich neue Perspektiven auf das Leben der Geflüchteten in Nordkorea und Südkorea  gewinnen, was höchst bewegend war. In besonderem Maße unterstützte mich der Aufenthalt auch dabei, Koreanisch zu lernen, sowohl hinsichtlich meiner tatsächlichen Sprachfähigkeit als auch hinsichtlich meines Willens, diese Fähigkeit weiter auszubauen, um die Zeugenberichte und gesellschaftlichen Diskurse eines Tages in ihrer ungefilterten Form verstehen zu können.

Meine Erfahrung in Seoul

Mein Interesse an Nordkorea war zunächst mein einziger Bezugspunkt zur koreanischen Halbinsel, bis ich Anfang des letzten Jahres begann, mir aus einer Laune heraus selbst Koreanisch beizubringen. Erst dann nahm die Vorstellung, in Seoul selbst bei einer Menschenrechtsorganisation ein Praktikum zu machen, konkretere Züge an. Als ich sah, dass PSCORE den Special Consultative Status des UN ECOSOCs hält, war meine Entscheidung gefallen. Das wahre Abenteuer begann jedoch erst, nachdem ich die Zusage für den Praktikumsplatz erhalten hatte.

Zu dem Zeitpunkt, zu dem ich nach Seoul reiste, war es nicht gerade einfach, dorthin zu kommen. Zum einen sind sowohl die Reise als auch die Lebensunterhaltskosten in Seoul recht hoch und zum anderen war auch die Corona-Situation Ende März noch sehr unübersichtlich und instabil. Meine persönliche Erfahrung war daher mit sehr viel Chaos und Unsicherheit verbunden – bekomme ich überhaupt ein Visum (eine visumsfreie Einreise ist nur mit einem K-ETA für einen Aufenthalt von maximal 90 Tagen möglich)? Welche Coronatest- und Impfnachweise benötige ich und wie kann ich meine Quarantäne absolvieren? Da sich die Regelungen im März nahezu täglich änderten, bestand sehr viel Unklarheit über die korrekte Vorgehensweise und ich musste mich auf verschiedene Szenarien vorbereiten. Nach massenweise Papierkram, nur mäßig verständlichen koreanischen Websites und langem Bangen saß ich dann aber letztendlich im Flugzeug und konnte mich für die nächsten 14 Stunden zurücklehnen. Die Ankunft war erst noch einmal etwas stressig, da ich genau vor Wegfall der Quarantänepflicht ankam, als die Strukturen für Individuen, die überhaupt noch in Quarantäne mussten, bereist sehr reduziert waren und vor allem nicht mit Anweisungen in englischer Sprache einher kamen. Zur Beruhigung aber: Alle Leute, die nach mir gekommen sind, erzählten jedoch von deutlich positiveren Erfahrungen, weshalb ich denke, dass ich da selbst eher einen unglücklichen Ausnahmefall erlebt habe!

Für alle, die daran interessiert sind, ebenfalls ein Praktikum in Südkorea zu machen, kann ich sagen, dass die Reise zwar durchaus organisationsaufwändig ist, sich aber auf jeden Fall lohnt. Bevor ihr fliegt, ist es wichtig zu klären, ob ihr ein Visum beantragen müsst oder nur ein K-ETA braucht, welches ihr online beantragen könnt, und welche coronabezogenen Regulierungen zu einem jeweiligen Zeitpunkt herrschen (Südkorea war über meinen gesamten Aufenthaltszeitraum diesbezüglich noch recht streng). Ich würde diesbezüglich immer die Website der Botschaft im Auge behalten. Eine koreanische Kontaktperson bzw. jemanden mit einer koreanischen Handynummer, die ihr auf Dokumenten angeben könnt, zu kennen, ist auf jeden Fall klar von Vorteil (ich musste hier zum Beispiel zu Beginn meine Vermieterin um Hilfe bitten). Was die Preise betrifft, sind Wohnungen recht teuer (dies hängt jedoch von der Wohnlage und auch davon ab, wo man sucht), während draußen zu essen im Durchschnitt günstiger ist als in Deutschland, so lange es nicht ausschließlich westliches Essen sein muss. Im Gegensatz dazu sind die Lebensmittel in den Läden jedoch nicht unbedingt günstig – insbesondere bei den Preisen für Obst und manche Gemüsesorten fällt man manchmal schon ein wenig aus allen Wolken. Und ja – die Warnungen bezüglich des Sommerwetters waren berechtigt. Ich wusste nicht, dass ich in der Lage dazu bin, so zu schwitzen, wie ich es getan habe. Da ich Hitze an sich ganz gut abkann, war es letztendlich jedoch definitiv erträglich und sogar ganz schön, Nachtspaziergänge bei 30 Grad zu machen, um ein bisschen Abkühlung vom Tag zu erhalten. Es kühlte jedoch in den letzten Monaten nie wirklich ab, weil die Luft selbst einfach sehr heiß und feucht war. Darüber hinaus ist der Regen keineswegs zu unterschätzen, weil es teilweise schon sehr, sehr starken Platzregen geben kann, der einen platschenden Schrittes und mit nassen Füßen durch die Straßen schwimmen lässt. Herbst und Frühling sollen wohl die besten Zeiten sein, um sich in Südkorea aufzuhalten. Von meiner Erfahrung eines traumhaft sonnigen Frühlings und Vorsommers im April und Juni kann ich zumindest letzteres bestätigen.

Ist man einmal angekommen, muss man nur noch die Haustüre öffnen und sich hinaus in die vielen, vielen Abenteuer wagen, die sich in Seoul vor einem auftun. Bis zu meinem Abreisetag hatte ich nicht das Gefühl, Seoul durchdrungen zu haben. Dies würde sicherlich Jahre dauern. Ich habe jedoch gelernt, mich in meinem Alltag in Südkorea gut zurecht zu finden und mich immer mehr einzuleben. Seoul ist eine wahnsinnig intensive Stadt, die nur so vor Leben brodelt und ich habe mich in ihr wohler gefühlt, als ich ursprünglich erwartet hatte. Es war schmerzlich, mich zumindest vorerst von ihr zu verabschieden. Nach knapp fünf Monaten in Südkorea tut es jedoch auch gut, wieder in Deutschland anzukommen und die Ruhe zu genießen. Ich bin unglaublich dankbar dafür, auch dank der Unterstützung des Career Services, mein Praktikum in Seoul absolviert haben zu können. Es war ausgesprochen gewinnbringend, das Thema der nordkoreanischen Menschenrechte und der Wiedervereinigung aus der südkoreanischen Gesellschaft heraus kennenlernen zu dürfen und ich kann mir definitiv vorstellen, auch später auf meinen Erfahrungen aufzubauen und nach Spezialisierungs- und Jobmöglichkeiten in diesem Bereich zu suchen. Deshalb habe ich auch die Hoffnung, dass mich mein Weg eines Tages nochmal nach Seoul führen wird. Die letzten Monate haben in mir eine große Begeisterung geweckt und mir gezeigt, auf welche Weisen ich einen Beitrag leisten kann – ich bin motiviert, mich auch hier in Deutschland intensiv mit dem Thema Menschenrechte in Nordkorea auseinanderzusetzen, um auch weiterhin in die von mir angestrebte Rolle hineinzuwachsen.

 

                 

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