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Zwischen Tafelberg und Thoraxdrainage – mein PJ in Kapstadt

Zwei Monate Praktisches Jahr in der Allgemeinchirurgie in Kapstadt – das klingt erstmal nach Sonne, Meer, Surfen und Safari. Doch neben alldem haben mir die letzten 2 Monate einen intensiven Einblick in ein Gesundheitssystem erlaubt, das mich täglich zum Nachdenken gebracht hat. Denn der Krankenhausalltag dort hat nur wenig mit der Postkartenidylle des ansonsten wunderschönen Südafrikas zu tun.

Von November bis Dezember durfte ich mein PJ-Tertial im New Somerset Hospital absolvieren, einem öffentlichen Krankenhaus mitten in Kapstadt. Das New Somerset Hospital ist – im Vergleich zu der Universitätsklinik (Groote Schuur Hospital) – eher klein, deckt aber viele Fachrichtungen ab: Orthopädie, Allgemeinchirurgie, Pädiatrie, Gynäkologie, Anästhesie, Innere Medizin, Notaufnahme, HNO und Psychiatrie.


Mein Alltag als Studentin im praktischen Jahr
Mein Tag begann meist um 8:00 Uhr mit der Visite. Danach standen mir viele Optionen offen:

  • Stationsarbeit mit Blutentnahmen, Zugängen, Verbandswechseln oder Assistenz beim Ziehen von Thoraxdrainagen

  • Einsatz im OP, oft sogar als erste Assistenz. Das Spektrum war breit: klassische Allgemeinchirurgie, aber auch Amputationen und Mastektomien (Brustamputation bei Brustkrebs) sowie Schuss- und Stichverletzungen im Bauch oder Becken.

  • Einsätze in der Notaufnahme, mit eigenständiger Patientenaufnahme

  • Mitarbeit in der Ambulanz, inklusive eigenständiger Gespräche mit den Patienten

  • Zuschauen in der Endoskopie bei Gastro- und Koloskopien

Krankheitsbilder in der Allgemeinchirurgie
Die Allgemeinchirurgie in Kapstadt ist inhaltlich breit aufgestellt. Natürlich gibt es die klassischen Krankheitsbilder: Blinddarmentzündungen, Darmverschlüsse, Gallenblasenentzündungen, Darmkrebs usw.
Daneben sieht man jedoch auch Erkrankungen, die in Deutschland nur sehr selten vorkommen: HIV und Tuberkulose sind allgegenwärtig, Südafrika gehört sogar zu einem der Länder mit der höchsten Prävalenz weltweit. Entsprechend wichtig sind Schutzmaßnahmen – zumindest aus europäischer Sicht. Während wir Studenten quasi dauerhaft mit FFP2Maske herumliefen, ist der Umgang vieler lokaler Ärzte deutlich entspannter. Isolation? Wird eher pragmatisch gesehen. Viele Tuberkulose-Patienten liegen ganz normal auf Station, da jeder Südafrikaner früher oder später sowieso mit den Erregern in Kontakt kommen wird.
Teil des chirurgischen Alltags waren außerdem Schuss- und Stichverletzungen, die mir besonders im Gedächtnis geblieben sind. Was in Deutschland eine Rarität ist und vermutlich auch erfahrene Mediziner ins Schwitzen bringen würde, ist bei südafrikanischen Chirurgen Routine – und wird daher auch sehr entspannt und mit viel Ruhe abgearbeitet.

Arzt-Patienten-Kommunikation: Ein kleiner Kulturschock
Einer der größten Kulturschocks für mich war der Umgang mit Patienten. In Deutschland wird Empathie als essenzieller Teil des Arztberufs gelehrt und betont – in Kapstadt ist jedoch die Kommunikation mit Patienten in der Chirurgie häufig minimal. Viele wissen nicht genau, was operiert wurde oder warum. Entscheidungen werden überwiegend allein von den Ärztinnen und Ärzten getroffen, denen die Patienten mit großem Respekt begegnen, manchmal fast mit Ehrfurcht. Ein eher altmodisches, paternalistisches System, das für mich als europäisch geprägte Medizinstudentin manchmal schwer auszuhalten war – und gleichzeitig viel Raum für Reflexion geboten hat, denn es ist im allgemeinen Kontext des Systems zu sehen: hoher Patientendurchsatz, wenig Zeit, strukturelle Überlastung. Trotzdem bleibt dies ein Aspekt, der mich nachdenklich zurückgelassen hat.

Zwischen modernem OP und Zettelwirtschaft
Ein spannender Kontrast war die Infrastruktur: Der OP-Bereich ist modern, gut ausgestattet und technisch auf hohem Niveau. Die Stationen hingegen waren deutlich einfacher, als ich erwartet hatte. Neun Zimmer mit jeweils sechs bis acht Betten, fitte Patienten auf Liegestühlen, wenig Privatsphäre. Dokumentiert wird fast alles papierbasiert – außer den Entlassbriefen. Das Ergebnis: endlose Zettel, Kurven, Notizen und Formulare, die gefühlt ein Eigenleben entwickeln. Die Notaufnahme war ein Kapitel für sich: ein riesiger Raum mit 40–50 Liegen, bei Untersuchungen nur getrennt durch Vorhänge. Wenn es zu voll wurde, saßen Patienten auf Stühlen oder schliefen auf dem Boden. Besonders schwierig war die Situation für psychiatrische Patienten – oft fehlten Kapazitäten, sodass manche tagelang fixiert in der Notaufnahme lagen.

Das Gesundheitssystem in Kapstadt
Südafrika hat ein zweigeteiltes Gesundheitssystem: Wer es sich leisten kann, hat eine private Krankenversicherung und wird meist auch in privaten Kliniken behandelt – mit moderner Ausstattung und in der Regel sehr guter Versorgung nach westlichem Standard. Wer sich das nicht leisten kann, landet im öffentlichen System, zu dem auch das New Somerset Hospital gehört. Was mich jedoch positiv überrascht hat: Niemandem wird eine Behandlung verweigert, egal ob versichert oder nicht. Der Preis ist jedoch oft eine spürbare Ressourcenknappheit – ein Beispiel: Ein MRT gibt es im New Somerset nicht – dafür müssen Patienten an die Uniklinik überwiesen werden. Auch personell gibt es Engpässe: Bestimmte Verfahren – etwa die Wiedereröffnung von Gefäßen durch Katheter bei peripherer arterieller Verschlusskrankheit – beherrschen nur wenige Ärzte in Kapstadt und stehen meist nur den Patienten im privaten Sektor zu. Für viele Patienten im öffentlichen System folgt bei dieser Erkrankung daher nicht eine Intervention, sondern eine Amputation. Das sind Entscheidungen, die in Deutschland kaum noch vorstellbar sind – dort aber Realität.

Arzt sein in Südafrika – ein deutlich längerer Weg
Auch das ärztliche Ausbildungssystem unterscheidet sich stark von dem in Deutschland. Nach dem Studium rotieren die Ärztinnen und Ärzte zunächst als Interns durch alle Fachabteilungen und übernehmen hauptsächlich Stationsarbeit. Danach folgt der Community Service, anschließend mehrere Jahre als Medical Officer. Erst dann darf man als Registrar  mit der eigentlichen Facharztausbildung beginnen. Ganz am Ende steht der Consultant. Kurz gesagt: Der Weg bis zur fachärztlichen Selbstständigkeit ist lang. Dafür sind die praktischen Fähigkeiten und das breite Wissen vieler Ärztinnen und Ärzte beeindruckend.

Fazit
Dieses Tertial hat mich fachlich und persönlich enorm geprägt. Ich habe Krankheitsbilder gesehen, die in Deutschland selten sind, habe gelernt, unter ganz anderen Bedingungen zu arbeiten, und täglich vor Augen geführt bekommen, wie und mit welchen Gefahren die Menschen in den Townships Kapstadts leben. Neben medizinischem Wissen habe ich vor allem Lebenserfahrung gesammelt. Südafrika bietet viel für Medizinstudierende: Man lernt Erkrankungen kennen, die vor allem in Low-Income-Countries relevant sind, arbeitet aber in einem vergleichsweise gut funktionierenden System und profitiert von der hohen fachlichen Kompetenz der Ärzte. Alles in allem hatte ich eine wundervolle Zeit in Kapstadt – ich habe viel gelernt, sehr intime Eindrücke in die Kultur und Lebensverhältnisse der Südafrikaner erhalten und auch außerhalb des Krankenhauses viel von diesem wunderschönen Land gesehen.
Ich sehne mich schon jetzt nach der Zeit zurück und kann jedem ein Praktikum in Südafrika nur empfehlen!

Marie

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