Chemie und Pharmazie
Chemie und Pharmazie
Im Analytikpraktikum nutzen Lehrende und Studierende moderne Geräte wie dieses Infrarotmikroskop. Doch auch ein starkes theoretisches Fundament und ein gutes Miteinander sorgen für eine erfolgreiche Lehre.
© Uni MS – Linus Peikenkamp

Theoretisch, praktisch, gut

Wer erleben möchte, wodurch sich die chemisch-pharmazeutische Lehre der Universität Münster auszeichnet, der sollte zum modernen PharmaCampus fahren und sich einen Laborkittel schnappen: Das Analytikpraktikum für Studierende des Masters Chemie zeigt stellvertretend, wie der Fachbereich Chemie und Pharmazie das naturwissenschaftliche Studium zeitgemäß und praxisnah gestaltet.

Theorie und Praxis in Einklang

Mühelos scannt das Infrarotmikroskop im Untergeschoss des PharmaCampus mit 10.000 Pixeln pro Sekunde die Gewebeprobe einer Maus, genauer den Querschnitt einer Aorta. Das Hochleistungsgerät liefert ein hochauflösendes Bild im Mikrometerbereich, das ein menschliches Haar wuchtig wie einen Brückenpfeiler erscheinen ließe. Die Detailschärfe ist wichtig für Promovend David und die von ihm angeleitete vierköpfige Gruppe von Masterstudierenden: Im Projektpraktikum „Analytische Chemie“ untersuchen sie Aortenaneurysmen, also krankhafte Erweiterungen der Hauptschlagader, indem sie die molekulare Zusammensetzung des Gewebes analysieren.

Durch und durch typisch für den praktischen Ansatz am Fachbereich ist die Arbeit der Analytikgruppe. „Ob in der Chemie, der Lebensmittelchemie oder in der Pharmazie: Wir bieten den Studierenden eine breite Auswahl an Studiengängen, die die theoretische Ausbildung eng mit Praxiselementen verzahnen“, betont Studiendekan Prof. Dr. Klaus Langer. Konkret heißt das, dass rund die Hälfte aller Module Praxisanteile beinhaltet, in denen die Studierenden im Labor experimentieren.

Sechs Wochen lang tun dies die insgesamt 64 Studierenden im Analytikpraktikum, verfolgen dabei eigene Forschungsfragen. Alltagsnah geht es in den Gruppen beispielsweise um die Analyse von Tattoofarben, die Eigenschaften von Batterien oder die Untersuchung von Gewässerproben nach dem Einsatz von medizinisch genutztem Kontrastmittel. Dafür braucht es ein theoretisches Fundament, das hier wie in allen anderen Studiengängen vor allem in der Frühphase gelegt wird, etwa durch die Einführung in die Anorganik (Chemie), in die Grundlagen der medizinischen und pharmazeutischen Chemie (Pharmazie) oder in die Mikrobiologie der Lebensmittel (Lebensmittelchemie). Doch auch die Masterstudierenden des Analytikpraktikums besuchen täglich eine von vier wechselnden Vorlesungen, um die Arbeit im Labor theoretisch zu untermauern.

Der Fachbereich vermittelt den Studierenden durch diese Mischung aus Theorie und Praxis zum einen grundlegendes Wissen, zum anderen ermöglicht er ihnen nach und nach mehr Eigenverantwortung und Forschungsnähe. Diese zeigt sich nicht nur im Analytikpraktikum, sondern auch in der „PharMSchool“. Im Hauptstudium, also vier Semester lang, kommen die Pharmaziestudierenden in intensiven Kontakt mit der Wissenschaft. Kreativ und eigenständig beschäftigen sie sich in Gruppenprojekten mit den pharmazeutischen Aspekten verschiedener Erkrankungen und Störungen, etwa von Depressionen, Atemwegsinfektionen oder Adipositas. Krönung dieser starken Verbindung von Forschung und Lehre ist das öffentliche Symposium im achten Semester, auf dem die Studierenden ihre Projekte vorstellen. Die Qualität dieser Abschlussveranstaltung lässt sich auch daran messen, dass sie als Fortbildung für Apothekerinnen und Apotheker anerkannt ist und sich an ein wissenschaftliches Fachpublikum richtet.

Und auch in der Lebensmittelchemie geht es in der Lehre praxisnah-forschend zu: Im Bierbrau-Bachelormodul beschäftigen sich die Studierenden mit der lebensmittelchemischen Theorie und Praxis des Bierbrauens. In Gruppen entstehen so dank einer fundierten theoretischen Einführung vier bis fünf unterschiedliche Biere pro Jahr. Neben den chemisch-analytischen Fähigkeiten erzeugt das Lehrangebot eine tiefe Fachverbundenheit und ein starkes Wir-Gefühl unter den Studierenden.

Fachübergreifende Teamarbeit

Dieses Gemeinschaftsgefühl ist kein zufälliges Nebenprodukt der Lehre, sondern ein wesentlicher Bestandteil. „Forschung findet immer im Team statt – das vermitteln wir den Studierenden jeden Tag“, erklärt Klaus Langer. Vor allem im fortgeschrittenen Studium spielt Kooperation eine wichtige Rolle. Denn während die Einführungspraktika meist innerhalb eines Studiengangs stattfinden, arbeiten die Studierenden in späteren Forschungsprojekten zunehmend mit anderen Fachdisziplinen zusammen.

Anhand realer Alltagsfälle trainieren Tandems aus Allgemeinmedizin- und Pharmaziestudierenden die Zusammenarbeit. Ziel des „SPHERE“ genannten Lehrformats ist es, die Patientenversorgung zu verbessern.
© Hedda Wollbold

Genau so läuft es im Analytikpraktikum. Die Gruppe, die die Mäuse-Aorten untersucht, hat ihre Gewebeproben per Post von einer Nuklearmedizinerin der Berliner Charité erhalten. In Absprache mit der Forscherin wollen die Studierenden herausfinden, wie die Metallionenkonzentration im Gewebe die Bildung eines Aneurysmas beeinflusst. Allein dieses Experiment berührt weit mehr Disziplinen, als im Fachbereichsnamen stehen, konkret die Biologie, Materialwissenschaften, Physik, Informatik und Medizin. Letztere ist auch der pharmazeutischen Lehre besonders nahe, wie die Kooperation „SPHERE“ zeigt. In ihr kommen Studierende der Medizin und Pharmazie im Praktischen Jahr zusammen, um Therapien zu planen und die Versorgung von Patienten zu üben. Eine weitere Disziplin steht dem Fachbereich ebenfalls nahe: die Wirtschaftswissenschaften. Das zeigt unter anderem der englischsprachige Masterstudiengang Business Chemistry, der Management-, Technologie- und Chemie-Module verbindet. Während die Analytikgruppe Kontakt nach Berlin hält, ziehen manche Lehrformate noch größere Kreise. „Die interdisziplinäre Zusammenarbeit überschreitet auch Ländergrenzen“, betont Pharmazieprofessor Klaus Langer. Möglich mache dies der hohe Internationalisierungsgrad der Forschung. „Unsere Lehrenden sind global hervorragend vernetzt – davon profitiert auch unser Nachwuchs. Ein Beispiel: Rund die Hälfte aller Studierenden im Masterstudiengang Chemie sammelt Erfahrungen im Ausland, etwa durch Forschungspraktika in der Industrie oder an Hochschulen – in Japan, China, Italien, Schweden und vielen anderen Ländern.“

Berufsbildung und Perspektiven

Egal ob im In- oder Ausland: Die Erfahrungen und Kontakte bilden eine hervorragende Voraussetzung für eine Promotion oder den Berufseinstieg – in der pharmazeutischen oder chemischen Industrie, in Apotheken oder Forschungseinrichtungen, in Schulen oder Behörden. „Die Möglichkeiten sind vielseitig, und die Einstellungschancen sind gut“, unterstreicht Klaus Langer. Dem Fachbereich ist wichtig, dass die Studierenden fachlich bestens vorbereitet werden. Gleichzeitig möchte er sie dazu befähigen, eigenverantwortlich und kooperativ zu arbeiten, sich zu entfalten und ihrer gesellschaftlichen Verantwortung gerecht zu werden. „Chemie und Pharmazie stehen oft zu Unrecht in der Kritik. Wir bilden die Studierenden aus, damit sie aufklären können und an Lösungen für gesellschaftliche Herausforderungen mitwirken – beispielsweise im Schulunterricht, in der Batterieforschung oder im Kampf gegen Krankheiten“, betont Klaus Langer. Die Analytikgruppe im PharmaCampus setzt diesen Anspruch vorbildlich um: Die Studierenden werten die Infrarotbilder der Aorta aus, bestimmen die Molekülverteilung und leisten damit einen Beitrag zum Promotionsprojekt von Gruppenleiter David. Auf diese Weise bringen sie uns der Heilung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen vielleicht einen kleinen Schritt näher.

Text: André Bednarz

Infos:

  • 2.492 Studierende*
  • 15 Studiengänge
    • 6 Bachelor-, 8 Masterstudiengänge
  • 10 Institute und Seminare
  • 41 Professuren
  • Besonderheiten
    • MExLab Chemie (außerschulischer Lernort für Schülerinnen und Schüler)
    • Arzneipflanzengarten: Nutzung im Pharmaziestudium; öffentlich zugänglich, kostenfreie Führungen
  • Kontakt: prfb12@uni-muenster.de
  • uni.ms/rp2um

 

Stand: Wintersemester 2025/26

* Mit der Zahl der Studierenden sind die sogenannten Studienfälle gemeint. Zum Hintergrund: Studierende, die in mehreren Fächern oder Studiengängen eingeschrieben sind (beispielsweise im Zwei-Fach-Bachelor mit den Fächern Germanistik (FB 9) und Mathe (FB 10)), werden dabei mehrfach gezählt. Die Summe der Studienfälle entspricht daher nicht der Gesamtzahl der Studierenden der Universität; diese wird in den Kopfzahlen erfasst, bei denen jede Person nur einmal gezählt wird (Kopfzahl der Universität Münster im Wintersemester 2025/26 = 41.217).