
„Beide Fächer haben große gesellschaftliche Relevanz“
1998 „verheiratete“ die Universitätsleitung die Psychologie und Sportwissenschaft zu einem Fachbereich. Eine Liebesheirat sei es nicht gewesen, betonen Dr. Christel Dirksmeier, Fachreferentin für Psychologie, und Prof. Dr. Heiko Wagner, Studiendekan und Bewegungswissenschaftler. Im Interview weisen sie darauf hin, dass jedes Fach in der Lehre zwar eigene Akzente setze. Doch genauso gebe es Gemeinsamkeiten im jeweiligen Selbstverständnis.
Sie koordinieren die Lehre in Ihren Fächern unabhängig voneinander. Doch welche Gemeinsamkeiten gibt es?
Heiko Wagner: Doch, die gibt es. Beide Fächer sind forschungsorientiert mit anwendungsbezogenen Projekten und gesellschaftlicher Relevanz. Wir bilden junge Menschen aus, damit sie anderen Menschen in verschiedenen Bereichen und Phasen des Lebens helfen können.
Christel Dirksmeier: Dabei gehen wir jedoch unterschiedliche Wege. Die meisten Studiengänge in der Psychologie folgen einem stark reglementierten Ablauf, da sie eine berufsrechtliche Anerkennung brauchen. Für den Bachelor- und den Masterstudiengang Psychologie mit Schwerpunkt Klinische Psychologie und Psychotherapie sind die Inhalte durch die Approbationsordnung für Psychotherapeutinnen und Psychotherapeuten vorgegeben. Die unterschiedlichen Strukturen der Fächer lassen es nicht zu, dass wir in Hinblick auf Studium und Lehre Hand in Hand gehen.
Heiko Wagner: Wir sind, zumindest was die fachwissenschaftlichen Studiengänge angeht, freier. Im Bachelor- und vor allem im Masterstudiengang legen wir großen Wert darauf, Methoden und sportwissenschaftliche Kenntnisse zu vermitteln. Es geht darum, inhaltlich tief einzusteigen. Da wir keiner Approbationsordnung unterliegen, können wir in der Lehre freier aufspielen. Generell gilt, dass sich die Psychologie und Sportwissenschaft in ihrem ,Kerngeschäft‘ unterscheiden.
Was meinen Sie damit?
Heiko Wagner: Die Lehramtsstudiengänge machen in den Sportwissenschaften den Großteil aus. Wir bilden also hauptsächlich zukünftige Lehrerinnen und Lehrer aus. Der Bachelor und der Master of Science sind zwar auch beliebt, aber diese Studiengänge sind derzeit auf 30 beziehungsweise 20 Plätze begrenzt.
Christel Dirksmeier: Der Großteil unseres Lehrangebots bezieht sich auf den Bachelorstudiengang und die Masterstudiengänge. Die Psychologie ist darüber hinaus im Rahmen der Bildungswissenschaften an der Lehrkräftebildung beteiligt. Seit dem Wintersemester 23/24 sind die Kolleginnen und Kollegen aus dem Institut für Psychologie in Bildung und Erziehung gemeinsam mit dem Institut für Erziehungswissenschaft verantwortlich für zwei sonderpädagogische Förderschwerpunkte. Und es macht tatsächlich inhaltlich einen großen Unterschied, ob man die Studierenden auf die Schule, die Wissenschaft, einen therapeutischen Beruf oder auf andere Anwendungsbereiche der Psychologie vorbereitet.

Wo liegen die signifikantesten Unterschiede, und wen sprechen Sie jeweils mit ihren Angeboten an?
Heiko Wagner: Junge Menschen, die Sport auf Lehramt studieren wollen, müssen Generalisten sein. Sie arbeiten sich durch eine Reihe an Inhalten aus der Didaktik, Geschichte und Sportsoziologie. Sie tauchen ein in die Biomechanik, Physik, Statistik, Trainingswissenschaft und erarbeiten sich biologisches und sportmedizinisches Wissen. Kurzum: Es geht um tiefe fachwissenschaftliche Kenntnisse in vielen Bereichen.
Christel Dirksmeier: Vor allem in Bezug auf den Bachelorstudiengang gibt es häufig falsche Erwartungen darüber, was Studierende im Studium erwartet. Viele wünschen sich bereits früh im Studium, psychologische Methoden anzuwenden. Tatsächlich braucht es dafür aber zunächst eine breite Wissensvermittlung. Der Fokus der ersten vier Semester liegt auf der Methodenausbildung, sowohl in statistischer als auch in diagnostischer Hinsicht. Hinzu kommen die Grundlagenfächer der Psychologie: die allgemeine und biologische Psychologie sowie Entwicklungs-, Sozial- und Persönlichkeitspsychologie. Diese Breite ist eine große Herausforderung.
Welches Rüstzeug müssen die Psychologiestudierenden dafür mitbringen?
Christel Dirksmeier: Wir wünschen uns junge Menschen, die sich wissenschaftlich mit dem Erleben und Verhalten des Menschen auseinandersetzen wollen, die an psychologischen Methoden, Inhalten und Fragen interessiert sind, die sich immer um den Menschen drehen. Zum Beispiel: Wie funktioniert menschliches Denken, Lernen oder Spracherwerb? Und sie müssen sich mit Literatur, Theorien und Methoden kritisch auseinandersetzen wollen. Ein exzellenter Schulabschluss allein ist kein Garant dafür, diese Voraussetzungen zu erfüllen.
Aber ohne ein Einser-Abitur schafft man es kaum ins Psychologiestudium …
Christel Dirksmeier: Für die Universität Münster stimmt das. Wir haben in unserem Bachelorstudiengang fast ausschließlich Studierende mit einem Numerus clausus von 1,0. Wir nehmen aber zunehmend Überforderung und psychische Belastung wahr. Dies ist auch der Tatsache geschuldet, dass im Bachelor ein hoher Leistungsdruck herrscht, denn es braucht einen sehr guten Abschluss, um einen Masterplatz zu bekommen.
Erleben Sie Ähnliches im Sport?
Heiko Wagner: Für die Studiengänge Bachelor und Master of Science ist die Situation tatsächlich ähnlich. Für die Lehramtsstudiengänge sind andere Kompetenzen gefragt. Für die Arbeit als Sportlehrerin und -lehrer ist es wichtig, verschiedene Aspekte abzudecken: eine hohe Fachkompetenz in verschiedenen Bereichen, besondere sportliche Fähigkeiten. Zudem ist es herausfordernd, in einer Sporthalle 30 aufgeregte Kinder mit all ihren Besonderheiten im Auge zu behalten.
Christel Dirksmeier: Mich beschäftigt zudem das Thema Diversität: Die Quote der Studentinnen lag im Wintersemester 25/26 in fast allen Studiengängen bei über 80 Prozent. Es ist aber bedenklich, wenn es fast nur Psychologinnen oder Therapeutinnen gibt. Für die Berufspraxis wäre es wichtig, dass es auch viele Absolventen gibt.
Wissen Sie, was aus den Absolventinnen und Absolventen wird?
Christel Dirksmeier: Ein Großteil geht in die therapeutische Richtung. Es gibt aber viele andere Optionen, zum Beispiel in Großunternehmen in der Personalauswahl und -entwicklung oder in Beratungsstellen. Andere promovieren oder gehen in Einrichtungen, die sich zum Beispiel mit Data Science beschäftigen. Ein Absolvent ist der Sport-Geschäftsführer des hiesigen Profi-Fußball-clubs Preußen Münster, Ole Kittner.
Heiko Wagner: Die meisten unserer Absolventinnen und Absolventen gehen in den Schuldienst. Andere bleiben an der Uni und promovieren. Ich kenne zudem Absolventen, die sind in Firmen untergekommen, die Bewegungsprofile auf dem Fußballplatz analysieren. Sie liefern also Vereinen Daten, die die Leistung verbessern.
Christel Dirksmeier: Viele Institutionen in Münster und Umgebung profitieren von den Fähigkeiten unserer Absolventinnen und Absolventen – ob an Schulen, in Vereinen oder Unternehmen.
Text: Hanna Dieckmann