Islamisch-Theologische Fakultät
Islamisch-Theologische Fakultät
Im „Koran-Lab“ steht die heilige Schrift der Muslime im Mittelpunkt der Arbeit der Dozenten und Studierenden.
© Uni MS – Linus Peikenkamp

„Unsere Absolventen sollen einen weltoffenen Islam vertreten“

Die Islamisch-Theologische Fakultät ist der jüngste Fachbereich an der Universität Münster. Der „FB 16“ wird Teil des neuen „Campus der Theologien und Religionswissenschaften“ sein, zu dem auch die evangelisch- und die katholisch-theologische Fakultät gehören werden. Auch in der Lehre möchte die erste Islam-Fakultät Westeuropas Eindruck hinterlassen, wie Gründungsdekan Prof. Dr. Mouhanad Khorchide und der wissenschaftliche Mitarbeiter Faris Mansouri im Interview erklären.

Ist der Umzug auf den Campus nur ein erneuter Ortswechsel?

Mouhanad Khorchide: Sicher nicht, es ist weit mehr. Dieses Miteinander ist ein starkes Symbol und zugleich Ausdruck einer konkreten gemeinsamen Praxis. Die geografische Nähe wird eine inhaltliche und geistige mit sich bringen, von der auch die Studierenden profitieren werden. Wir planen interdisziplinäre Ringvorlesungen, wir werden uns mit der evangelischen und der katholischen Theologie über ein gemeinsames Profil Gedanken machen. Fest steht schon heute: Wir wollen zusammen für die Gesellschaft Verantwortung übernehmen – auch mithilfe unserer Lehre.

Gibt es in der islamischen Theologie typische Lehrformate?

Mouhanad Khorchide: Bei uns stehen Vorlesungen und Seminare im Mittelpunkt. Wenn es zu Beginn eines Studiums darum geht, Grundlegendes zu vermitteln, beispielsweise den Begriff der islamischen Religionspädagogik mit Inhalt zu füllen, ist das Format der Vorlesung die erste Wahl …

Faris Mansouri: … wobei wir unsere Vorlesungen und Seminare oft miteinander kombinieren. Die Vorlesung über die Religionspädagogik ergänzen wir beispielsweise mit einem Seminar zum gleichen Thema, das deutlich interaktiver ist.

Mouhanad Khorchide: Wir legen ohnehin großen Wert darauf, dass es nicht nur Frontalunterricht gibt, sondern dass die jungen Menschen zum Nachdenken und Diskutieren angeregt werden.

Diesen Anspruch haben allerdings viele Fakultäten und Institute …

Mouhanad Khorchide: Das stimmt. Aber in der islamischen Theologie gibt es eine Besonderheit: Unsere Studierenden sind sehr oft stark religiös sozialisiert, beispielsweise durch ihre Moscheegemeinden und Familien. Viele von ihnen kommen daher mit einer klaren Positionierung zum Islam zu uns. Auch Social-Media-Kanäle, wo viele Positionen vertreten werden, die nicht zu unseren demokratischen Grundwerten passen, üben einen starken Einfluss aus.

Sie stellen also die oft festen Meinungen der Studierenden bewusst infrage?

Mouhanad Khorchide: So ist es meist. Denn viele sind fest davon überzeugt, dass es den Islam gibt. Wir zeigen ihnen Gegenpositionen auf, zum Beispiel dass ihre Haltung zu Geschlechterrollen oder das Verhältnis zum Judentum keineswegs so eindeutig sind, wie sie glauben. Das provoziert und irritiert sie anfangs oft, aber es hilft ihnen.

Wobei denn konkret?

Mouhanad Khorchide: Viele Muslime müssen sich darauf einstellen, dass man ihnen im Alltag kritische Fragen zum Islam stellt. In welchem Verhältnis steht der Islam zur Demokratie? Was sagt der Koran zum Thema Gewalt? Mit solchen und weiteren Fragen müssen heutzutage sogar Erstsemester rechnen. Darauf bereiten wir sie vor.

Faris Mansouri: Auch weil 70 Prozent unserer Studierenden auf Lehramt studieren. Die muslimischen Schüler und das Kollegium werden ihnen später ebenfalls solche Fragen stellen. Wir vermitteln unseren Studierenden, dass sie bei ihren Antworten nicht nur das fachliche, sondern auch das gesellschaftliche Umfeld beachten sollten. Mit unserer Lehre simulieren wir diese Lebensrealität.

Mouhanad Khorchide: Und zu ihr gehört die für junge Menschen wichtigste Informationsquelle, also die sozialen Medien. Auch muslimische Schüler und Studierende sind dort extremen Positionen von sogenannten Autoritäten ausgesetzt, mit denen sie kritisch umgehen müssen. Sie müssen lernen, radikale Theorien zu entlarven und eigene Inhalte zu kreieren. Medienkompetenz bedeutet, Selbstsicherheit und Mündigkeit zu entwickeln.

Prof. Dr. Mouhanad Khorchide (l.) und Faris Mansouri
© Uni MS – Linus Peikenkamp/Norbert Robers

Gibt es eine Leitidee für die Lehre am Fachbereich?

Mouhanad Khorchide: Unsere Überschrift lautet ,Verantwortete islamische Theologie für Europa‘. Wir stehen für einen Islam, der unseren Kontinent bereichert und der die freiheitliche demokratische Grundordnung unterstützt. Dieses Grundprinzip teilen wir in der Lehre in mehrere Themenfelder auf – beispielsweise Barmherzigkeit, Menschenrechte, Gott-Mensch-Beziehung sowie die Vielfalt der Religionen und Weltanschauungen. Unsere Absolventen sollen einen weltoffenen und friedfertigen Islam vertreten.

Und dabei steht der Koran im Mittelpunkt?

Faris Mansouri: Ja, denn das Arabische als Sprache des Korans bildet das Fundament unserer Arbeit. Diese langjährige Expertise führen wir nun im neuen Zentrum für Arabische Sprache zusammen, über das wir unter anderem die viersemestrige Sprachvermittlung für das Lehramt koordinieren.

Mouhanad Khorchide: Es geht dabei allerdings nicht darum, das für den Alltag typische Arabisch zu vermitteln. Wir nennen unser Angebot ,Islam-’ oder ,Koran-Arabisch‘. Es gibt viele Fachbegriffe und spezielle Ausdrücke, deren Bedeutung man kennen muss, um die islamischen Primärtexte zu verstehen.

Inwieweit kooperiert der Fachbereich mit anderen Fakultäten?

Faris Mansouri: Seit der Gründung des Zentrums für Islamische Theologie im Jahr 2012 als Vorläufereinrichtung des Fachbereichs kooperieren wir mit den christlichen Theologien durch gemeinsame Lehrformate sowie mit der Religionswissenschaft durch die wechselseitige Öffnung von Modulen. Zudem ist unser Modul ‚Islam in Deutschland‘ fest im Curriculum der Erziehungswissenschaft verankert.

Gibt es für die Studierenden denn auch die Möglichkeit, all diese Erfahrungen im Ausland zu vertiefen?

Mouhanad Khorchide: Wir pflegen bereits einen Austausch mit Hochschulen in Marokko, Ägypten und der Türkei. Ab September 2026 planen wir zudem eine jährliche Exkursion in die bosnische Hauptstadt Sarajevo. In Europa gibt es neben Münster nur an der dortigen Universität eine islamische Fakultät. Zudem ist Sarajevo eine Stadt, in der die Religionen vorbildlich miteinander kooperieren und wo man einander mit Toleranz begegnet. Viele Studierende wissen nicht, dass nur anderthalb Flugstunden von uns entfernt ein europäischer Islam gelebt wird, der sich von dem in der Türkei oder den arabischen Ländern deutlich unterscheidet. Wenn sie sich darüber mit muslimischen Studierenden vor Ort austauschen, löst das bei vielen einen Aha-Effekt aus. Mittel- und langfristig wollen wir unsere Kontakte nach Indonesien als dem bevölkerungsreichsten islamischen Staat der Erde intensivieren.

Sie haben gesagt, dass 70 Prozent der Studierenden am Fachbereich in den Schuldienst wollen. Welche Pläne verfolgen die anderen Studierenden?

Mouhanad Khorchide: Viele wollen in der Wissenschaft bleiben, für Stiftungen und in der Politik arbeiten oder sich in Gemeinden engagieren. Es gibt aber auch Jobs in der Wohlfahrt oder in sozialen Einrichtungen.

Faris Mansouri: Die angehenden Lehrer für islamischen Religionsunterricht haben eine sehr gute Perspektive. In Deutschland brauchen wir etwa 6.000 von ihnen, allein in Nordrhein-Westfalen mit seinen rund 600.000 muslimischen Schülerinnen und Schülern liegt der Bedarf bei etwa 3.500. Es bieten sich also in vielerlei Hinsicht lohnenswerte Perspektiven, wenn man an unserer Fakultät studiert.

Text: Norbert Robers

Infos:

 

Stand: Wintersemester 2025/26

* Mit der Zahl der Studierenden sind die sogenannten Studienfälle gemeint. Zum Hintergrund: Studierende, die in mehreren Fächern oder Studiengängen eingeschrieben sind (beispielsweise im Zwei-Fach-Bachelor mit den Fächern Germanistik (FB 9) und Mathe (FB 10)), werden dabei mehrfach gezählt. Die Summe der Studienfälle entspricht daher nicht der Gesamtzahl der Studierenden der Universität; diese wird in den Kopfzahlen erfasst, bei denen jede Person nur einmal gezählt wird (Kopfzahl der Universität Münster im Wintersemester 2025/26 = 41.217).