Evangelisch-Theologische Fakultät
Evangelisch-Theologische Fakultät
Die Übung „Liturgisches Sprechen und Singen“ in der Universitätskirche gehört zum Lehrangebot der evangelischen Theologie.
© Uni MS – Linus Peikenkamp

Kritisches Denken fördern und Verantwortung übernehmen

Die Arbeit mit der Bibel als dem „Buch der Bücher“ steht im Zentrum der Lehre. Neben den klassischen Disziplinen gibt es viele Möglichkeiten der individuellen Spezialisierung und der internationalen Zusammenarbeit. Mit einem Abschluss bieten sich hervorragende Berufschancen.

Es sind zwar bereits mehr als 500 Jahre vergangen, seit Martin Luther sich auf dem Wormser Reichstag weigerte, seine Schriften und Thesen zu widerrufen – er beharrte gegenüber Kaiser Karl V. darauf, dass es geradezu „beschwerlich, unheilsam und gefehrlich“ wäre, gegen sein Gewissen, vor allem aber gegen die Heilige Schrift zu handeln. Diese Haltung des Ur-Reformators hat allerdings auch über die Jahrhunderte nichts an Relevanz verloren. Im Gegenteil: Luthers Gesinnung ist bis heute ein wesentlicher Bestandteil der evangelischen Lehre, sie ist Teil der protestantischen DNA. Für Martin Luther war die Bibel als das Wort Gottes wie eine Straße, die zum Leben führt. Gott rede in der Bibel wie ein „Mensch mit seinem Freunde“. Sein Fazit lautete: „Die Bibel ist nicht antik, auch nicht modern, sie ist ewig.“

Und so liegt es auf der Hand, dass das „Buch der Bücher“ noch immer im Mittelpunkt eines jeden evangelischen Theologiestudiums steht – auch in Münster als einer der größten Lehreinrichtungen für evangelische Theologie in Europa. Während in der katholischen Kirche die Tradition und die Lehrmeinungen der Päpste und Bischöfe neben der Schrift als gleichrangige Quellen gelten, ist die Bibel in der evangelischen Theologie die alleinige Grundlage allen Handelns und Denkens: „sola scriptura“ („allein durch die Schrift“). „Wir pflegen eine sehr intensive Textarbeit, das ist unsere entscheidende Basis“, betont die Geschäftsführerin des Fachbereichs, Dr. Sarah Riegert. Das Lehrangebot umfasst zunächst die fünf klassischen Hauptdisziplinen: Altes Testament einschließlich der biblischen Archäologie, Neues Testament, Kirchen-geschichte, systematische Theologie (Dogmatik und Ethik) sowie die praktische Theologie inklusive der Religionspädagogik. Für die 14 Studiengänge müssen dabei unterschiedliche Sprachen nachgewiesen werden. Wer beispielsweise einen „Magister Theologiae“ beziehungsweise ein kirchliches Examen anstrebt, muss bis zur Zwischenprüfung ein großes Latinum, ein Graecum und ein Hebraicum nachweisen. Für das Studienziel des Lehramts gilt ein Graecum, das kleine Latinum oder das Hebraicum als Voraussetzung.

Neben diesem unverzichtbaren „Standard“ bieten sich den Studierenden in Münster viele Möglichkeiten der Spezialisierung. Mit dem Institut für Neutestamentliche Textforschung, dem Bibelmuseum, dem Institut für Ethik und angrenzende Sozialwissenschaften, dem Institutum Judaicum Delitzschianum, dem Institut für ökumenische Theologie, dem Seminar für Reformierte Theologie sowie dem Seminar für Religionswissenschaft und interkulturelle Theologie „kann man innerhalb seines Studiums vielfältige Schwerpunkte setzen“, unterstreicht Studiendekan Prof. Dr. Christophe Nihan. Eine weitere Besonderheit ist seit einigen Jahren der Masterstudiengang „Spiritual Care“, der den Absolventen „neue Wege in der ganzheitlichen Begleitung und Beratung von Menschen in Krankheit, Krise und Leid“ aufzeigen soll.

Im Bibelmuseum der Universität lernen die Gäste die Geschichte der Bibel von ihren handschriftlichen Anfängen bis heute kennen.
© Uni MS - Heiner Witte

Für alle Studiengänge stellt die Fakultät drei „Schlüssel-aspekte“ heraus. Erstens: kritische Pluralismuskompetenzen. Die Studierenden sollen sich ein eigenes, fundiertes Urteil bilden und gleichzeitig einen Perspektivwechsel zulassen. „Bei uns steht das Individuum im Mittelpunkt“, sagt Christophe Nihan. „Wir wollen das kritische Denken fördern und gleichzeitig die Theorie und Praxis im Sinne unserer gesellschaftlichen Verantwortung eng miteinander verknüpfen.“

Zweitens: Zusammenarbeit mit anderen Disziplinen, Transfer in die Gesellschaft und Förderung von „Soft Skills“. Die theologische Lehre decke von der Antike bis zur Gegenwart einen breiten historischen und systematischen Rahmen ab, fördere den Austausch mit anderen Disziplinen und Fächern sowie die Entwicklung allgemein wichtiger Fähigkeiten wie das wissenschaftliche Schreiben, die öffentliche Rede und das fundierte Argumentieren.

Dritter Schlüsselaspekt: „Methodologie der Materialität der Religionen“. Demnach erwerben die Studierenden Kompetenzen im Umgang mit materiellen Ausdrucksformen von Religionen wie Handschriften und Rituale. Wichtig sei dabei die Bereitschaft, „vom Fremden zu lernen“. „In einer globalisierten Arbeitswelt und in kulturell gemischten Teams ist dies unerlässlich“, hebt Sarah Riegert hervor.

Das Theologie-Studium sei eine „sehr gute Grundlage“ für den Einstieg in unterschiedliche Berufsfelder – auch außerhalb des Pfarramts. Hilfreich seien dabei auch die vielfältigen Möglichkeiten, einen Teil des Studiums im Ausland zu verbringen. Die evangelisch-theologische Fakultät unterhält über das Erasmus-Programm hinaus zahlreiche Kooperationsvereinbarungen mit internationalen Partnerhochschulen, beispielsweise in Zimbabwe, Jerusalem, Rom, Wien und Hongkong. In enger Abstimmung mit dem Career Service der Universität hält die Fakultät zudem ein großes Beratungs- und Seminarangebot zur individuellen Berufsorientierung und Profilbildung vor; auch zum Selbstmanagement, zum Aufbau von Netzwerken, zu professioneller Kommunikation sowie zum Bewerbungstraining. Die Chance, nach dem Studium einen Beruf zu finden, liegt nach Beobachtung der Fakultät bei 100 Prozent.

Die Universität Münster hat seit ihrer Gründung traditionell einen starken Fokus auf die Theologien. Prägend hierfür wird in den kommenden Jahren auch der neue „Campus der Theologien und Religionswissenschaft“ sein. Die katholisch- und die evangelisch-theologische Fakultät werden mit der „Islamisch-Theologischen Fakultät“ an einem Standort vereint werden. Dank der Zusammenlegung entsteht die größte theologische Bibliothek Europas. „Durch die Zusammenführung alter und neuer institutioneller Strukturen“, betont das Rektorat, „stärkt die Universität Münster die interdisziplinären Kooperationen und setzt ein Zeichen für den Umgang mit religiöser Vielfalt und Gleichberechtigung.“ Das dürfte auch für alle künftigen Theologie-Studierenden von großem Interesse und Wert sein.

Text: Norbert Robers

Infos:

 

Stand: Wintersemester 2025/26

* Mit der Zahl der Studierenden sind die sogenannten Studienfälle gemeint. Zum Hintergrund: Studierende, die in mehreren Fächern oder Studiengängen eingeschrieben sind (beispielsweise im Zwei-Fach-Bachelor mit den Fächern Germanistik (FB 9) und Mathe (FB 10)), werden dabei mehrfach gezählt. Die Summe der Studienfälle entspricht daher nicht der Gesamtzahl der Studierenden der Universität; diese wird in den Kopfzahlen erfasst, bei denen jede Person nur einmal gezählt wird (Kopfzahl der Universität Münster im Wintersemester 2025/26 = 41.217).