Medizinische Fakultät
Medizinische Fakultät
Seit 2007 ist das Studienhospital Münster ein realistisches Lernlabor: Medizinstudierende üben mit Schauspielerinnen und Schauspielern praktische Fertigkeiten und stärken damit ihre Sicherheit im Umgang mit Patienten. Während des Trainings werden sie von den Dozentinnen und Dozenten und ihren Kommilitonen beobachtet und bewertet.
© Uni MS – Peter Wattendorff

Ein Studium, das fachlich und menschlich trägt

An der Medizinischen Fakultät lernen Studierende früh, Verantwortung zu übernehmen – praxisnah, wissenschaftlich fundiert und dicht dran an den Menschen.

Als Sophia an diesem Morgen das Behandlungszimmer im „Studienhospital Münster“ betritt, wartet „Rafael Mendes“ bereits auf sie. Er ist nervös, tastet mit den Fingern über die Armlehne und sucht Blickkontakt. Gleich soll sie mit ihm ein Gespräch über eine bevorstehende Operation führen. Behutsam, klar, professionell. Rafael Mendes lautet der Name des heutigen Patienten, der von einem geübten Laienschauspieler dargestellt wird. Doch die Situation fühlt sich echt an – und genau das ist gewollt. Die Studierenden sollen lernen, Nähe zuzulassen und gleichzeitig Distanz zu wahren. Sie sollen Sicherheit gewinnen; nicht nur in Bezug auf ihr medizinisches Wissen, sondern auch in ihrer Rolle als Ärztin oder Arzt.

Diese Erfahrung ist typisch für das Studium der Humanmedizin, Zahnmedizin und Hebammenwissenschaft an der Universität Münster. Das Ziel der Fakultät besteht darin, wissenschaftlich fundierte und praktisch kompetente Ärztinnen und Ärzte sowie Hebammen auszubilden, die eigenverantwortlich handeln, sich weiterqualifizieren und selbstständig wissenschaftlich arbeiten können. Dabei werden neben Kenntnissen über Körperfunktionen und Krankheiten auch diagnostische, therapeutische und präventive Kompetenzen, ethische Orientierung, kommunikative Fähigkeiten sowie ein fächerübergreifendes Verständnis von Medizin vermittelt. Die Fakultät versteht das Studium als wichtigen Teil der Identitätsentwicklung, der sogenannten Professional Identity Formation. „Das Ziel ist nicht, dass unsere Absolventinnen und Absolventen denken, fühlen und handeln wie Ärztinnen und Ärzte, sondern als Ärztinnen und Ärzte“, sagt Studiendekan Prof. Dr. Bernhard Marschall.

Der Weg dorthin ist klar strukturiert und praxisorientiert. Das Medizinstudium dauert mindestens sechseinhalb Jahre und gliedert sich in einen vier Semester langen vorklinischen und einen acht Semester langen klinischen Studienabschnitt. Letzterer schließt das Praktische Jahr ein. Das Curriculum wird durch eine Erste-Hilfe-Ausbildung, einen Krankenpflegedienst, Pflichtpraktika – Famulaturen genannt – und die dreiteilige ärztliche Prüfung ergänzt. Dieser bundesweit gültige Rahmen gibt Orientierung und ermöglicht es zugleich, individuelle Schwerpunkte zu setzen. Das Medizinstudium in Münster ist besonders, da die Lehrveranstaltungen nicht unabhängig voneinander stattfinden, sondern in thematisch nahestehenden Modulen wie „Herz-Kreislauf” oder „Bewegungsapparat” eingebettet sind. Dadurch wird es möglich, Vorwissen besser einzubeziehen, das Gelernte zu verknüpfen und so lebenslanges Lernen zu ermöglichen.

Im Studienhospital wird diese Struktur für Studierende wie Sophia mit Leben gefüllt. Unter simuliertem Verkehrslärm trainieren sie Notfalluntersuchungen, führen Aufklärungsgespräche durch und üben das Nähen von Wunden an einem Hautersatz im „SkillsLab“. Zunächst lernen sie am gesunden Menschen, später am Patienten. Fehler sind ausdrücklich erlaubt, denn Lernen bedeutet Ausprobieren, Scheitern und Verbessern. Die unterschiedlichen Lehrformate – wie der Unterricht am Krankenbett, Seminare in Kleingruppen, problemorientiertes Lernen in Tutorien sowie praktische Kurse und Blockpraktika – greifen ineinander.

Das „Lernzentrum für individuelles medizinisches Tätigkeits-Training und Entwicklung“, kurz LIMETTE, verfügt über zwölf kleine Behandlungskabinen mit verspiegelten Scheiben, die ein realitätsnahes klinisches Training ermöglichen.
© Uni MS – IfAS

Die Verbindung von Praxis und Theorie setzt sich im wissenschaftlichen Teil des Studiums fort. Bis 2026 entsteht neben realitätsnahen Trainingsräumen wie dem Studienhospital und dem Lernzentrum „LIMETTE” ein modernes „Studienlabor“. Diese in Deutschland einmalige Einrichtung vertieft den wissenschaftlichen Anteil des Studiums: Zahlreiche Forschungsprojekte und -schulen sowie Promotionsprogramme werden hier den Studienalltag prägen. Auf diese Weise kommt der medizinische Nachwuchs früh mit aktuellen Themen in Kontakt – von molekularen Mechanismen über innovative bildgebende Verfahren bis hin zu klinischen Studien. Dabei wird Forschung nicht als Nebensache, sondern als integraler Bestandteil ärztlichen Handelns vermittelt. Besonders engagierte Studierende haben die Möglichkeit, bereits während des Studiums am promotionsbegleitenden Medizinerkolleg „MedK” teilzunehmen. Dieses verbindet experimentelle Forschung systematisch mit dem klinischen Kontext.

Dieser klinische Kontext wird von einem breiten medizinischen Umfeld getragen: Das Universitätsklinikum Münster mit seinen zahlreichen spezialisierten Kliniken und Zentren deckt nahezu das gesamte Spektrum der modernen Medizin ab. Die klinische Breite spiegelt sich unmittelbar in der Lehre wider. Hinzu kommen enge Kooperationen mit den Fächern Biologie, Chemie, Pharmazie, Physik, Mathematik und Informatik sowie Psychologie der Universität. Das Medizinstudium findet somit in einem wissenschaftlichen Umfeld statt, das Grundlagenforschung, klinische Anwendung und technologische Innovation vereint.

Vor diesem Hintergrund ist auch der Einsatz digitaler Werkzeuge zu verstehen. Sie ergänzen die patientennahe Ausbildung, indem sie das Lernen vertiefen und überlegtes Handeln fördern. Die Vorlesungen werden hybrid angeboten, das heißt, sie finden parallel zur Präsenzveranstaltung auch online statt. Eine im Fachbereich selbst entwickelte App gibt den Studierenden beispielsweise Zugriff auf ihre Stundenpläne und Leistungsnachweise. Künstliche Intelligenz unterstützt die Studierenden bei Gesprächstrainings und Simulationen, während Virtual-Reality-Anwendungen das Üben sonst nicht trainierbarer Szenarien ermöglichen, etwa die Diagnostik des Hirntods.

Ein weiterer Faktor, der das Studium in Münster prägt, ist die persönliche Atmosphäre. Als eine der wenigen Hochschulen in Deutschland können Studierende sowohl im Sommer- als auch im Wintersemester ein Studium beginnen. Dadurch sind die Kohorten relativ klein, was eine individuelle Betreuung, einen regen Austausch zwischen Lehrenden und Studierenden sowie Raum für wissenschaftliche Neugier – auch mit Blick auf akademische Karrierewege – ermöglicht.

Am Ende des Übungstags berichtet Sophia im Seminar von ihrem Gespräch mit Rafael Mendes. Sie schildert einige Situationen, die sie gerne anders gelöst hätte. Die Dozentin hört ihr aufmerksam zu, stellt Fragen und ermutigt sie. Wissen ist zwar die Grundlage, doch erst der bewusste Umgang damit befähigt Studierende dazu, Verantwortung zu übernehmen. Dies gilt sowohl in der Patientenversorgung als auch in der Wissenschaft. Genau das lernen die Studierenden in Münster: Schritt für Schritt, Gespräch für Gespräch, Erfahrung für Erfahrung.

Text: Dr. Kathrin Kottke

Infos:

  • 4.416 Studierende*
  • 4 Studiengänge
    • 2 Staatsexamensstudiengänge, 1 Bachelor-, 1 Masterstudiengang
  • 131 Professuren
  • 43 Institute
  • Besonderheit: Institut für Ausbildung und Studienangelegenheiten
  • Kontakt: curriculum@uni-muenster.de
  • uni.ms/r6neq
     

Stand: Wintersemester 2025/26

* Mit der Zahl der Studierenden sind die sogenannten Studienfälle gemeint. Zum Hintergrund: Studierende, die in mehreren Fächern oder Studiengängen eingeschrieben sind (beispielsweise im Zwei-Fach-Bachelor mit den Fächern Germanistik (FB 9) und Mathe (FB 10)), werden dabei mehrfach gezählt. Die Summe der Studienfälle entspricht daher nicht der Gesamtzahl der Studierenden der Universität; diese wird in den Kopfzahlen erfasst, bei denen jede Person nur einmal gezählt wird (Kopfzahl der Universität Münster im Wintersemester 2025/26 = 41.217).