
Erde verstehen, Zukunft gestalten
Ob im Hörsaal, Feld oder Labor: Studierende des Fachbereichs Geowissenschaften beschäftigen sich mit den komplexen Wechselwirkungen zwischen Erde, Gesellschaft und Umwelt.
An einem frühen Sommermorgen untersuchen Studierende die Vogelwelt in den Rieselfeldern nördlich von Münster. Andere kartieren Gesteinsschichten in den Alpen, analysieren in Argentinien ökologische Muster zwischen patagonischer Steppe und Andenrand oder experimentieren im Labor mit Eispartikeln zur Entstehung des Sonnensystems. Wieder andere erforschen in Großstädten Kioske oder Kompost als soziale und ökologische Knotenpunkte oder erheben mit selbst entwickelten Sensorstationen Umweltdaten mit der Öffentlichkeit. Ob vor der eigenen Haustür oder auf einem anderen Kontinent: Studium und Lehre am Fachbereich Geowissenschaften sind eng mit der Welt außerhalb des Hörsaals verbunden. Beobachten, messen, befragen und auswerten – die praktische Arbeit im Gelände ist über alle Fächer hinweg ein prägendes Element und fördert Neugier, Ausdauer und eine gewisse Bereitschaft zum Abenteuer.
In den Studiengängen geht es vorrangig um das System Erde, denn ein umfassendes Verständnis seiner erdgeschichtlichen, planetaren, ökologischen und humangeografischen Grundlagen ist entscheidend, um aktuelle Krisen zu bewältigen und die Zukunft zu gestalten. Die Studierenden untersuchen beispielsweise geologische Prozesse und Mensch-Umwelt-Beziehungen und entwickeln in Reallaboren unter anderem nachhaltige Szenarien. Betrachtet werden Zeiträume von sehr frühen Erdzeitaltern bis heute sowie Maßstabsebenen vom Mikroskop über Biotope, Städte, Landschaften, Kontinente bis zur Erdatmosphäre und zum Weltall. Digitale Methoden spielen dabei eine zentrale Rolle: Satellitenbilder, Drohnen- und Sensordaten werden genutzt, um etwa Hochwasserrisiken zu berechnen oder Klimaszenarien darzustellen. Diese Bandbreite prägt das Studium und ermöglicht es, früh eigene Interessen zu entwickeln – im Labor, Gelände, Seminarraum oder am Computer.
Mit seinen sieben Instituten verbindet der Fachbereich die Planeten-, Geo- und Umweltwissenschaften mit der Ökologie, Humangeografie, den Planungswissenschaften und der Geoinformatik. Natur- und sozialwissenschaftliche Perspektiven sowie analoge und digitale Methoden greifen dabei ineinander. „Diese Kombination ist in Deutschland vergleichsweise selten und ein zentrales Profilmerkmal des Standorts Münster“, betont die Prodekanin für Lehre und studentische Angelegenheiten, Privatdozentin Dr. Patricia Göbel. Im Studienalltag zeigt sich diese Stärke konkret: So werden Grundlagen in der Vorlesung vermittelt und Daten bei einer Geländeübung erhoben, statistisch ausgewertet und beispielsweise mit sozioökonomischen Informationen verknüpft. Studierende lernen dadurch, Nutzungskonflikte oder Umweltfolgen besser zu verstehen.

Das Studienangebot umfasst fachwissenschaftliche Bachelor- und Masterstudiengänge sowie Studiengänge für das Lehramt. In der Regel beginnt das Studium mit gemeinsamen Grundlagen, die schrittweise durch vertiefende Module ergänzt werden. Feldpraktika, Laborübungen, Exkursionen und projektorientierte Lehrformate sind fester Bestandteil der Curricula und werden zunehmend durch daten- und modellgestützte Arbeitsweisen ergänzt. So analysieren die Studierenden beispielsweise im Rahmen einer einwöchigen Exkursion Stadtstrukturen vor Ort. „In Genua haben wir untersucht, wie sich die historische Hafenstadt vom Industriehafen zum Kreuzfahrtstandort verändert hat“, berichtet Geografiestudentin Maj-Britt Wilbrand. „Wir haben mit lokalen Initiativen gesprochen, soziale Unterschiede zwischen Stadtteilen betrachtet und gemerkt, wie wichtig es ist, verschiedene Perspektiven einzubeziehen.“ Solche Erfahrungen prägen den Studienalltag und zeigen, wie theoretische Konzepte der Stadt- und Sozialgeografie vor Ort angewendet werden. Für international interessierte Studierende gibt es zudem die Möglichkeit, im Rahmen des Erasmus-Mundus-Masters „Geospatial Technologies“ oder über das Erasmus-Austauschprogramm an einer der zahlreichen Partneruniversitäten zu studieren.
Auch die Qualifizierung künftiger Lehrerinnen und Lehrer hat am Fachbereich einen hohen Stellenwert. Die Fachwissenschaften und Fachdidaktik sind eng miteinander verbunden und greifen aktuelle gesellschaftliche Fragestellungen auf. „In meinem Schulpraktikum habe ich gemerkt, dass Themen wie Globalisierung und Klimawandel einen guten Zugang bieten, um das Interesse der Schülerinnen und Schüler zu wecken“, berichtet Lehramtsstudent Oskar Ehmann, „denn sie betreffen ihre Lebenswelt direkt und eröffnen viele Anknüpfungspunkte.“ Das Ziel besteht darin, die Lehrkräfte von morgen auf einen praxisnahen Unterricht vorzubereiten, in dem geowissenschaftliche Inhalte mit gesellschaftlicher Relevanz vermittelt werden.
Die berufliche Perspektive spielt bereits früh im Studium eine wichtige Rolle. Praxisphasen, Praktika und forschungsorientierte Lehrveranstaltungen unterstützen die Studierenden bei ihrer beruflichen Orientierung. Neben fachlichen Qualifikationen erwerben sie Kompetenzen in Teamarbeit, Kommunikation und im Umgang mit digitalen Werkzeugen. In Berufspraktika, beispielsweise bei Umweltbehörden, arbeiten sie etwa an Stellungnahmen zu Bauvorhaben mit und lernen dabei, wie wichtig eine präzise Analyse, eine verständliche Aufbereitung der Inhalte und die Abstimmung mit den verschiedenen Akteurinnen und Akteuren ist. Das Studium eröffnet verschiedene berufliche Perspektiven: von Umwelt- und Raumplanung über Verwaltung, Forschung und Entwicklung bis hin zu Consulting und Bildungsvermittlung.
Ein zentrales Querschnittsthema aller Studiengänge ist die Nachhaltigkeit. Patricia Göbel betont, dass das Studium durchgängig von Bildung für nachhaltige Entwicklung geprägt sei und die Fächer als Zukunftswissenschaften verstanden würden. Durch vielseitige Kooperationen mit Organisationen wie dem Zentrum für Interdisziplinäre Nachhaltigkeitsforschung (ZIN) ist der Austausch zwischen Forschung und Lehre eng, sodass nachhaltigkeitsbezogene Themen direkt in Seminare und Projekte einfließen.
Darüber hinaus profitieren die Studierenden von der Nähe zur Forschung, einer leistungsfähigen Infrastruktur mit modernen Laboren und Gerätezentren sowie von Einblicken in aktuelle nationale und internationale Forschungsprojekte. Ergänzt wird dies durch den Austausch mit Praxispartnern aus Behörden, der Land- und Forstwirtschaft, Nichtregierungsorganisationen oder der Raumfahrt, etwa in Kooperationen mit der Europäischen Weltraumorganisation.
Das Studium und die Lehre am Fachbereich Geowissenschaften sind geprägt von der engen Verbindung zur Erde – im wörtlichen und im übertragenen Sinne. Sie reagieren auf sich wandelnde Rahmenbedingungen und greifen Fragen auf, die für die Zukunft von Umwelt und Gesellschaft von zentraler Bedeutung sind. Wer hier studiert, bewegt sich zwischen Hörsaal, Feld und Labor sowie zwischen Natur- und Gesellschaftswissenschaften. Dabei spannt sich der Bogen von der lokalen Beobachtung bis hin zur globalen Perspektive.
Text: Dr. Kathrin Kottke