Ein ehrliches Fazit

Nachdem ich drei Monate voller Höhen und Tiefen in Ungarn verbracht habe, bin ich nun seit etwas mehr als einer Woche zurück auf deutschem Boden. Wie ich mich fühle? Innerlich schon ein bisschen zerrissen.

Einerseits bin ich unendlich glücklich, endlich wieder meine Freunde und Familie um mich zu haben (und ja, der Hundeentzug war mit am schlimmsten), andererseits würde ich am allerliebsten sofort ein Flugticket zurück nach Budapest buchen. Und das, obwohl meine Anfangszeit alles andere als einfach war.

Die Kettenbrücke

Ich will ehrlich sein. Der Anfang war furchtbar. Am ersten Tag ging alles schief, was irgendwie hätte schief gehen können. Mein Vermieter, der mich eigentlich vom Busbahnhof abholen wollte, hat mich sitzen lassen. Mein Internet wollte nicht funktionieren – ja ich weiß, das ist ein Luxusproblem, aber wenn man nach 19 Stunden Dosenheringsdasein in einem Bus ohne funktionierende Toilette übermüdet und mit Rückenschmerzen in einem fremden Land ankommt und sich dank Internetmangel überhaupt nicht zurechtfindet, dreht man schonmal durch. Glücklicherweise habe ich relativ schnell einen freundlichen Taxifahrer gefunden, der mich aus Nächstenliebe zu meiner Wohnung gefahren und finanziell massiv über den Tisch gezogen hat.

Dort angekommen, musste ich feststellen, dass mein Vermieter überhaupt nicht da war. Der Code für die elektronische Sicherung an dem Eingangsportal funktionierte erst beim vierten Anlauf, da dieses Gerät schon bessere Zeiten gesehen hatte und die Kontakte ganz nach ihrem Gusto reagierten. Die Haustür selbst konnte ich nur mit einer merkwürdigen Ziehschiebdrück-Technik öffnen, die ich im Laufe der Monate perfektionierte. Einmal in der Wohnung, schlug mir direkt ein extremer Gasgeruch entgegen. Gut, dass niemand heimlich versucht hat, in der Küche zu rauchen, sonst hätte ich diese Zeilen niemals schreiben können. Mein Zimmer selbst war ein kleiner, dunkler Raum mit riesigem Bett und einem winzigen, über eine Leiter zu erreichendem Badezimmer. Das hatte an sich viel Potential, es wäre allerdings schön gewesen, wenn die Spülung der Toilette vernünftig funktioniert hätte. Kaum fünf Minuten „zuhause“, versuchte ich verzweifelt eine Verstopfung zu beseitigen, voller Angst mein Zimmer zu fluten. Das war der Punkt, an dem ich am liebsten sofort zurück nach Deutschland gekommen wäre. Aber nö.

Ich hatte mir das so ausgesucht und zurechtgespart, jetzt wollte ich es auch durchziehen. Dummerweise hatte ich den Mietvertrag so abgeschlossen, dass ich vorab bereits für alle drei Monate bezahlt hatte, damit ich mich mit diesen Zahlungen nicht weiter stressen musste. Falscher hätte eine Entscheidung nie sein können. Aber damals wusste ich auch nicht, dass mir Chemiekrieg mit Silberfischchen, Fliegenschwärmen und das Spülbecken kolonialisierenden Ameisen bevorstehen würde. Schöner war nur der Kampf mit unserem Heizsystem, das teilweise bis zu dreimal täglich von mir und meinen Mitbewohnern notdürftig repariert werden musste, da wir andernfalls kein heißes Wasser gehabt hätten. Trotz hochtrabender Reden und Versprechungen meines Vermieters im August, den Boiler sowie meine Toilette zu reparieren, waren diese Einrichtungen bei meinem Auszug genauso defekt wie am Anfang. Danke dafür. Nichtsdestotrotz versuchte ich mich irgendwie mit den herrschenden Verhältnissen zu arrangieren, ein Ende war ja absehbar.

Blick auf Budapest vom Elisabeth-Aussichtsturm

Was mich härter getroffen hat als ich jemals erwartet hätte, war die Einsamkeit. Budapest mag zwar eine riesige Metropole voller Menschen sein, jedoch waren die Rahmenumstände am Anfang alles andere als ideal. Die übrigen drei Zimmer in meiner zentral gelegenen Bruchbude wurden bis Mitte September an ständig wechselnde Touristen vermietet. Manchmal hatte ich Glück und für zwei, drei Tage einen Mitbewohner, mit dem ich auf einer Wellenlänge lag und Unternehmungen starten konnte, teilweise wusste ich aber auch überhaupt nicht, wer eigentlich grade im Nebenraum vor sich hin existierte.

Sauberkeitstechnisch war es die reinste Katastrophe, da die meisten Gäste nach dem Leitsatz „nach mir die Sintflut“ hausten und mit ihrem Auszug ein Chaos hinterließen, das ich gezwungenermaßen beseitigen musste, wenn ich mich weiterhin halbwegs in der Wohnung wohlfühlen wollte. Folglich waren die intensiven sozialen Kontakte an dieser Front schwer begrenzt. Da ich all meine Arbeitsaufgaben via Home Office erledigte, sah ich auch meine kurzzeitig vorhandene Mitpraktikantin und Chefs nur einmal die Woche, und meistens auch nur meinen direkten Mentor Dom. Dementsprechend bin ich in meinen ersten anderthalb Monaten fast ausschließlich auf eigene Faust losgezogen, was insofern ganz praktisch war, als dass ich meine Pläne komplett auf mich maßschneidern konnte und somit extrem flexibel war.

So fing ich doch an, das Alleinsein ein Stück weit zu genießen und die Freiheit, die es mir brachte, wertzuschätzen. Sich den Widrigkeiten des Lebens komplett allein zu stellen ist nervenaufreibend, vor allem für einen hypersozialen Menschen wie mich, die sich am wohlsten im Kreise ihrer Liebsten fühlt und keine drei Tage alleine in ihrem Zimmer hocken kann, ohne einen Lagerkoller zu bekommen. Dennoch wächst man immens an dieser Herausforderung, man wird stärker und belächelt irgendwann die anfänglichen Probleme.

Sightseeing mit meinem liebsten Mitbewohner

Mitte September hat sich das Blatt dann endlich gewendet – ich bekam meinen ersten dauerhaften Mitbewohner, Diego aus Venezuela. Die Chemie stimmte zu 100 Prozent, wir wurden unzertrennlich. Schnell wurde ich in seinen Freundeskreis integriert und die Anzahl meiner sozialen Kontakte schoss in die Höhe. Darüber hinaus wurden auch die letzten beiden Zimmer in der Casa Chaos mit Langzeitbewohnern belegt, Hanna aus Polen und David aus Österreich, der sich Diego und mir häufig anschloss, sei es bei einem Ausflug nach Győr oder einem unserer allwöchentlichen Besuche in unserem liebsten Café.

Dort kommt man in den Genuss der besten heißen Schokolade der Welt, während einen die kalten, toten Augen hunderter Teddybären beobachten. Mir gefiel dieser spezielle Charme, andere waren dezent verstört. Über Diego lernte ich auch Ariane kennen, eine taffe Frankokanadierin, die mich des Öfteren unbewusst aus meiner Komfortzone gerissen und zu Leistungen angespornt hat, die ich mir niemals zugetraut hätte. Dank dieser Frau bin ich, einer der größten Sportmuffel auf diesem Planeten, tatsächlich offtrack über diverse verschlungene und steile Pfade, auf denen ich mich mehr als einmal beinahe unfreiwillig hingesetzt und das Steißbein geprellt hätte, bis zum Elisabeth-Aussichtsturm gekraxelt. Die Aussicht war definitiv eine angemessene Entschädigung, die Lasagne danach sogar noch angemessener.

Ariane und ich auf dem Elisabeth-Aussichtsturm

Denke ich jetzt an meine Zeit in Ungarn zurück, ist das Chaos am Anfang ein grandioser Aufhänger für unterhaltsame Geschichten, doch kein Grund, meinen Auslandsaufenthalt zu bereuen. Ich habe so viel gelernt, so viel gesehen, so viel mitgenommen. Ich fühle mich gefestigter in der Planung meiner Zukunft, weiß, dass der Reisejournalismus mein Steckenpferd ist und werde auf eine passende Karriere hinarbeiten. Ich weiß, dass ich irgendwann noch einmal für eine gewisse Zeit aus Deutschland raus will, um ein weiteres Land aus der Perspektive der Ortsansässigen zu erleben. Ich weiß, dass ich stärker geworden bin und mich gewisse Dinge nicht mehr so schnell aus der Ruhe bringen werden. Und ich weiß, dass ich großartige Menschen kennengelernt habe, die ich nicht mehr in meinem Leben missen möchte, auch wenn sie noch so weit weg sind.

Annie

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