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China – zwischen Fremdheit und Vertrautheit

Bevor ich nach China gereist bin, hatte ich großen Respekt vor den bevorstehenden acht Wochen. Kulturell, so dachte ich, kann es kaum ein Land geben, das uns fremder ist. Wenn es irgendwo auf der Welt einen Ort gibt, an dem wirklich alles anders ist als bei uns – Essen, Sprache, politisches System, Wohlstand, Kultur, Technologie, offizielle Regeln und ungeschriebene Gesetze –, dann musste es China sein.

Entsprechend habe ich versucht, mich vorzubereiten. Ich habe gegoogelt, YouTube-Videos geschaut und mich innerlich auf das ein oder andere Fettnäpfchen eingestellt. In ein paar wenigen Situationen war das tatsächlich hilfreich. Für die meisten alltäglichen Begegnungen war es aber rückblickend ziemlich unnötig. Denn im Laufe meiner acht Wochen in China war ich häufig in Situationen, in denen ich die gesprochene Sprache nicht verstanden habe – und trotzdem sehr gut einschätzen konnte, wie Menschen zueinanderstehen, wer wem mit Respekt begegnet und wie eine Situation sozial funktioniert. Ich habe in China gelernt, dass Respekt eine universelle Sprache ist. Man muss nicht dieselbe Sprache sprechen und auch nicht jedes kulturelle Detail kennen, um seinem Gegenüber wertschätzend zu begegnen. Sich anzuschauen, zuzuhören, freundlich zu bleiben, nicht laut zu werden, zu lächeln – all das funktioniert in China genauso wie in Deutschland.

Genau davor hatte ich vor meiner Abreise die größte Sorge: aus kulturellem Unwissen heraus unhöflich zu wirken oder den Menschen nicht den Respekt entgegenzubringen, den sie verdienen. Als sich diese Sorge schneller als erwartet relativierte, konnte ich die vielen Unterschiede mit deutlich mehr Gelassenheit und Neugier beobachten.

Im Folgenden möchte ich deshalb einige Eindrücke teilen – über Mobilität, Essen, Sicherheit und das öffentliche Miteinander. Dabei geht es ausdrücklich nicht um eine vollständige Analyse Chinas, sondern um meine persönlichen Beobachtungen aus acht Wochen vor Ort.

Unterwegs in China: schnell, günstig und erstaunlich flexibel

Innerhalb von Taicang habe ich mich überwiegend mit dem Taxi fortbewegt. Wenn ich nach Shanghai gefahren bin, habe ich meistens den High-Speed-Train genommen. Von Taicang bis zum Shanghai Hauptbahnhof dauerte die Fahrt etwa eine halbe Stunde.

Ein großer Unterschied zu Deutschland war dabei die Verlässlichkeit. Die Züge waren immer pünktlich – was wahrscheinlich niemanden überrascht, der sich schon einmal mit China beschäftigt hat. Noch beeindruckender fand ich aber die Flexibilität. Ob man ein Ticket eine Woche vorher oder fünf Minuten vor Abfahrt bucht, macht preislich kaum einen Unterschied. Auch Stornierungen sind bis kurz vor Abfahrt möglich und kosten meist nur wenige Cent. Die Fahrt von Taicang nach Shanghai hat ungefähr vier Euro gekostet.

In den Großstädten, die ich besucht habe – Shanghai, Peking, Shenzhen, Chongqing und Hongkong –, konnte man sich hervorragend mit der U-Bahn bewegen. Auch das lief unkompliziert und der Prozess war in den Städten sehr ähnlich. Eine Fahrt von etwa 30 Minuten kostete meistens rund einen Euro.

In Shanghai und Peking bin ich außerdem Fahrrad gefahren.  Fahrradfahren in chinesischen Großstädten kostet am Anfang etwas Überwindung, gibt einem aber eine ganz neue Perspektive auf die Stadt. Gerade für kürzere Strecken ist es oft sogar schneller als die U-Bahn.

Für Wochenendtrips nach Chongqing oder Peking bin ich geflogen, weil die Zugfahrt trotz High-Speed-Train deutlich länger gedauert hätte. Inlandsflüge zwischen den chinesischen Megametropolen lassen sich sehr spontan buchen und kosteten in meinem Fall ungefähr 150 Euro. Insgesamt hatte ich das Gefühl, dass Mobilität in China nicht nur sehr gut funktioniert, sondern auch unglaublich einfach ist.

Essen: Stäbchen, Reis und mehr Vielfalt

Beim Essen gibt es selbstverständlich große Unterschiede zu Deutschland. Fast alles wird mit Stäbchen gegessen, Reis ist bei vielen Mahlzeiten dabei, und warm gegessen wird nicht nur mittags oder abends, sondern oft auch morgens.

Besonders ungewohnt war für mich am Anfang, dass Essen viel stärker geteilt wird. Während man in Deutschland meistens „sein“ Gericht bestellt, stehen in China häufig mehrere verschiedene Gerichte auf dem Tisch, an denen sich alle bedienen. Vergleichbar mit spanischen Tapas. Dadurch wirkt Essen automatisch geselliger. Man probiert mehr, spricht über die verschiedenen Speisen und teilt die Erfahrung.

Auch die Geräuschkulisse ist eine andere. Schmatzen oder Schlürfen wird deutlich weniger kritisch gesehen als bei uns und kann als Ausdruck von Genuss verstanden werden. Anfangs war das für mich ungewohnt, nach ein paar Mahlzeiten hat es sich allerdings normalisiert und irgendwie auch Spaß gemacht.

Ich kann rückblickend stolz sagen, dass ich in acht Wochen nur zweimal westlich gegessen habe – und das war beim deutschen Stammtisch, bei dem sich eine Gruppe deutscher Auswanderer einmal im Monat in einem deutschen Restaurant getroffen hat. Dort gab es Spargel, Schnitzel und deutsches Bier. Nach einigen Wochen chinesischem Essen war das eine willkommene Abwechslung – besonders zum sonst eher fruchtigen chinesischen Bier.

Sicherheit und Kameras: ein ambivalenter Eindruck

Ein Thema, bei dem ich lange überlegt habe, ob ich es überhaupt mit aufnehmen soll, ist Sicherheit und Überwachung. Mit ein paar Zeilen wird man der Komplexität dieses Themas sicher nicht gerecht. Trotzdem möchte ich einen persönlichen Eindruck teilen, weil er für mein Bild von China wichtig war.

Aus deutscher Perspektive wird China häufig sehr stark mit Überwachung verbunden. Auch ich bin mit der Erwartung angereist, dass Kameras im öffentlichen Raum sehr präsent sein würden. Diese Erwartung hat sich bestätigt: Kameras sieht man in China tatsächlich überall – an Kreuzungen, Bahnhöfen, öffentlichen Plätzen, in Verkehrsmitteln und selbst in kleineren Gassen und Ecken, wo man sie nicht erwarten würde.

Was sich für mich vor Ort aber differenzierter dargestellt hat, war die Bewertung dieser Tatsache. In westlichen Diskussionen wird daraus häufig direkt abgeleitet, dass die Bevölkerung ständig in Angst lebt oder jede kleine Abweichung durch ein allumfassendes Social-Credit-System sanktioniert wird. Diesen Eindruck konnte ich in meinen persönlichen Gesprächen und Beobachtungen so nicht bestätigen.

Was ich nicht erwartet hätte: Niemand, mit dem ich gesprochen habe, konnte mit dem Begriff „Social Credit Score“ oder meiner Erklärung dieses vermeintlich allgegenwärtigen Systems wirklich etwas anfangen. Ich war vor meiner Reise davon ausgegangen, dass es sich dabei um ein zentrales und im Alltag sehr präsentes Instrument handelt. In meinen Gesprächen vor Ort hat sich dieses Bild jedoch nicht bestätigt. Das, was dem am nächsten kam, war eher ein System zur Bewertung von Kreditwürdigkeit – also etwas, das in seiner Grundfunktion mit der deutschen Schufa vergleichbar ist. Dabei geht es nach meinem Verständnis aber um finanzielle Verlässlichkeit und nicht um eine pauschale Bewertung des Sozialverhaltens, womit ich zum Schluss gekommen bin, dass es sich bei meiner Erwartung an ein “Social Credit System” eher um einen Mythos als die Realität handelt.

Auch die Kameras selbst wurden von vielen Menschen, die ich kennengelernt habe, eher mit Sicherheit und Ordnung verbunden. Gerade in einem Land mit rund 1,4 Milliarden Menschen scheint Ordnung im öffentlichen Raum eine enorme Bedeutung zu haben. Für mich war spürbar, dass diese Ordnung im Alltag auch Vorteile hat: Bahnhöfe, Straßen und öffentliche Verkehrsmittel wirkten sehr sicher. Ich habe mich nachts am Bahnsteig, auf dem Heimweg durch kleinere Straßen oder beim Einsteigen in ein Taxi zu keinem Zeitpunkt unsicher gefühlt.

Gleichzeitig ist mir bewusst, dass eine flächendeckende Erfassung des öffentlichen Raums auch problematische Seiten hat und aus europäischer Perspektive viele berechtigte Fragen aufwirft. Mir geht es daher nicht darum, dieses System pauschal zu bewerten oder zu rechtfertigen. Meine Beobachtung war vielmehr: Die starke Präsenz von Kameras wird vor Ort nicht ausschließlich negativ wahrgenommen, sondern erfüllt im Alltag für viele Menschen eine Funktion – insbesondere in Bezug auf Sicherheit, Ordnung und Kriminalitätsprävention. Diese Ambivalenz hatte ich vor meiner Reise so nicht erwartet.

Familie, Freundschaft und öffentliches Leben

Während sich meine Erwartungen an Kameras und digitale Infrastruktur teilweise bestätigt haben, hat sich eine andere Erwartung überhaupt nicht bestätigt: mein Bild vom öffentlichen Miteinander.

In meiner von Vorurteilen geprägten Vorstellung waren Chinesinnen und Chinesen eher nüchtern, effizient, immer am Arbeiten und wenig auf Erholung oder Genuss fokussiert. Umso positiver war ich überrascht davon, wie lebendig, warm und familiär ich viele öffentliche Situationen erlebt habe.

Ich habe häufig Väter gesehen, die sehr liebevoll mit ihren Kindern umgegangen sind. Junge Paare, die sich gegenseitig geneckt haben. Mütter, die versucht haben, ihre in der Bahn herumtobenden Kinder einzufangen. Gruppen älterer Menschen, die gemeinsam getanzt, geredet oder gespielt haben. Vieles davon wirkte plötzlich gar nicht mehr fremd, sondern sehr vertraut.

Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein Spaziergang an einem warmen Sonntag in einem Park in Taicang. Der Park war voller spielender Kinder, picknickender Familien, Erwachsener in Hängematten, junger Mädchen, die gemeinsam TikToks drehten, und Hunde, die zwischen allem herumrannten. Es war ein buntes, lautes und fröhliches Treiben.

Dieser Moment hat mir gezeigt, wie stark meine eigenen Vorannahmen waren. Natürlich gibt es zwischen Deutschland und China viele Unterschiede. Manche sind offensichtlich, manche subtiler. Aber gleichzeitig wurde mir bewusst, wie viel wir gemeinsam haben. Menschen wollen Zeit mit ihrer Familie verbringen, lachen, essen, sich sicher fühlen, sich erholen, arbeiten, stolz auf ihre Kinder sein und ein gutes Leben führen.

Vielleicht war das meine wichtigste Erkenntnis aus den acht Wochen: China war für mich fremder als viele Länder, die ich vorher bereist hatte. Gleichzeitig waren mir die Menschen dort viel vertrauter, als ich erwartet hatte. Hinter all den kulturellen, sprachlichen und politischen Unterschieden bleiben viele Bedürfnisse erstaunlich ähnlich: Zeit mit Familie und Freunden, Sicherheit im Alltag, gutes Essen, Arbeit, Erholung und das Gefühl, respektvoll behandelt zu werden. Am Ende bleibt für mich deshalb vor allem ein Gedanke: Respekt ist eine universelle Sprache.

 

Laurenz

Ich bin 24 Jahre alt und studiere im zweiten Semester des Masters in Business Administration mit dem Major in Management und Minor in Entrepreneurship. Vor dem Studium habe ich bereits zwei Jahre Vollzeit im internationalen Vertrieb eines Maschinenbau Unternehmens gearbeitet und habe mit meinem achtwöchigen Praktikum im Maschinenbau in China weitere spannende internationale Erfahrungen gesammelt.

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