Mein Chirurgietertial verbringe ich am NHS Grampian, dem regionalen Gesundheitsverbund für den Nordosten Schottlands. Anders als in Deutschland sind die Krankenhäuser hier stärker nach Versorgungsstufen organisiert, fast wie ein Pyramidensystem. Das Aberdeen Royal Infirmary ist dabei das größte und zentrale Akut- und Lehrkrankenhaus der Region, an das viele komplexe Fälle überwiesen werden. Das bedeutet ein unglaublich breites Spektrum an Patientinnen, von alltäglichen Verletzungen bis hin zu schweren Traumata. Teilweise wurden die Patient*innen von Inseln eingeflogen. Man merkt schnell, dass man hier in einem medizinischen Zentrum arbeitet, das für eine riesige geografische Region zuständig ist.
Rotationen
Ich rotiere durch verschiedene chirurgische Bereiche, darunter Adult Trauma, Child Trauma, Foot and Ankle, Spine und Handchirurgie. Von Anfang an werde ich als Teil des Teams wahrgenommen und aktiv eingebunden. Besonders auffällig ist die offene Atmosphäre: Fragen stellen ist ausdrücklich erwünscht, und man bekommt viel erklärt.
Hierarchie ist zwar vorhanden, aber deutlich weniger spürbar als ich es aus Deutschland kenne. Der Umgang ist respektvoll, direkt und gleichzeitig sehr unterstützend. Besonders deutlich wird das im OP: Vor jeder Operation werden die einzelnen Schritte gemeinsam durchgegangen. Der Consultant übernimmt dabei ganz selbstverständlich die Rolle als Ausbilder seines Registrars, sodass zunächst der Plan besprochen wird und dann (je nach Weiterbildungsstand) einzelne Schritte abgegeben werden. Häufig wird auch während der Operation noch einmal pausiert um Dinge zu erklären oder gemeinsam zu besprechen.
Ein Moment, der mir besonders in Erinnerung geblieben ist: Ein Chirurg hat sich tatsächlich die Zeit genommen, mir die gesamte relevante Anatomie aufzuzeichnen und Schritt für Schritt zu erklären. Solche Situationen zeigen sehr eindrücklich, wie groß hier der Stellenwert von Ausbildung und Teaching ist.
Ein typischer Arbeitstag
Der Tag beginnt meist mit dem Morning Meeting, in dem neue Fälle die in der Nacht über die Notaufnahme gekommen sind vorgestellt und der OP-Plan besprochen wird.
Je nach Rotation verbringe ich den Vormittag im OP, in der Notaufnahme oder auf Station. Besonders im OP fällt auf, wie konsequent Sicherheitsbriefings durchgeführt werden und wie selbstverständlich alle Teammitglieder einbezogen werden. Dabei stellt sich jedes Teammitglied reihum mit Name und Funktion vor. Anschließend wird noch einmal genau besprochen, welches Material benötigt wird, ob alles vorhanden ist und ob es irgendwelche Einschränkungen gibt, und zwar bevor der Patient überhaupt in den OP-Saal kommt und begonnen wird. Diese strukturierte Vorbereitung vermittelt ein starkes Gefühl von Sicherheit und zeigt, wie ernst Patientensicherheit im klinischen Alltag genommen wird.
Wenn ich nicht im OP bin, verbringe ich den Tag meist mit dem Registrar, der an diesem Tag on call ist. Das bedeutet, dass er oder sie sich um alle Neuaufnahmen aus der Notaufnahme kümmert, im gesamten Krankenhaus für Konsile angepiept wird und auch für die Schockräume zuständig ist.




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