Abisko – ein Dorf (oder eine Seifenblase?) in der letzten Wildnis Europas

Hier absolviere ich also mein dreimonatiges Praktikum bei der Forschungsgruppe CIRC.

Ich nenne das Leben hier die „Abisko-Bubble“, denn irgendwie lebt es sich wie in einer Seifenblase. Eine Seifenblase aus Wissenschaft, Einfachheit und vor allem ganz viel Natur. Obwohl ich mich in Europa befinde (Abisko liegt in schwedisch Lappland, 200 km nördlich des Polarkreises) kommt nur sehr wenig von „außerhalb“ an. Alles ist irgendwie ein bisschen absurd…

So liegt die „Abisko-Bubble“ wie gesagt in Schweden. In der Kommune Kiruna, Region Norrbottens Iän, um genauer zu sein. Schweden trifft man hier allerdings kaum welche. Abisko zählt gerade einmal 85 bis 120 Einwohner. So genau weiß das niemand, denn es ist ein ständiges Kommen und Gehen. Wesentlich mehr Menschen kommen aus dem Rest der Welt (v.a. übrigens aus Deutschland – typisch, oder?), um in Absiko entweder Urlaub zu machen oder Forschung zu betreiben.

Entsprechend ist das Zentrum in Abisko Östra (dem eigentlichen Ort) der Supermarkt. Denn Essen müssen schließlich alle, Touris, Wissenschaftler und die paar wenigen Ansässigen, die hier tatsächlich das ganze Jahr verbringen. Viel mehr gibt es in Abisko Östra auch eigentlich nicht. Abgesehen von einem Hubschrauberplatz, einem Bahnhof, einer Bushalte- und Tankstelle und vor allem viele kleine, typisch schwedische, falunrot gestrichene Holzhäuschen mit weißen Gartenmöbeln und einer schier unendlichen Blütenpracht auf der Wiese davor…

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Idylle pur, bis man dann von der nächsten Welle Touristen überrollt wird, die aus der etwa zwei Kilometer westlich gelegenen Abisko Tourist Station rüberschwappt. Glücklicherweise sind es nur kleine Wellen und die meiste Zeit liegt Abisko Östra ruhig und friedlich zwischen dem Fuße der Lapporten (dem sogenannten Tor nach Lappland: ein u-förmiges Trogtal zwischen zwei Spitz aufragenden Bergen, seinerzeit durch Gletschereis geformt) und dem riesigen Torneträsk (ein See, mehr als acht Mal so groß wie der Aasee in Münster).

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Zwischen Tourist Station und Östra befindet sich eine weitere kleine Seifenblase, nämlich die Abisko Scientific Research Station. Hier ist CIRC (Climate Impacts Research Centre) ansässig. Neben den Büros und zahlreichen Laboren finden sich hier auch eine Bibliothek, eine Lecture Hall, gleich drei Saunen und vor allem jede Menge Wohnraum für Forscher aus aller Welt.

Und die findet man hier auch. Wer erwartet, man wäre hier oben im Norden alleine – weit gefehlt! Viele, immer wieder neue und vor allem auch junge Menschen trifft man hier. Englisch, nicht Schwedisch ist die gesprochene Sprache. Aber eigentlich in ganz Abisko.

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Absurd ist auch das Zeitgefühl hier. Ich bin nun seit mehr als einem Monat vor Ort und habe letzte Woche das erste Mal die Sonne untergehen sehen. Das heißt allerdings nicht, dass es hier wirklich dunkel werden würde. Das dauert wohl noch etwas… Die Mitternachtssonne lässt einem in einem seltsamen Zustand zwischen aufgeregter Aktivität und totaler Erschöpfung. Aber nicht nur das Licht spielt einem einen Streich in der üblichen Zeitwahrnehmung. Auch wird man durch die Reduziertheit hier sehr entschleunigt. Weniger Menschen, weniger Dinge, einfach weniger…

Das wahre Erwachen allerdings erwartet einen dann abseits der Wege, nämlich in der wahren Wildnis, im hohen, schneebedeckten Fjäll, im dichten Birkenwald, in den unberührten Tälern und an den reißenden Flüssen und klarsten Seen… Wie schön, dass man das als Ökologin seinen Arbeitsplatz nennen darf! Eine Seifenblase, die hoffentlich nicht so bald zerplatzt.

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Ein Gedanke zu „Abisko – ein Dorf (oder eine Seifenblase?) in der letzten Wildnis Europas

  1. Hej! Hochinteressant, wie bist du nach Abisko gekommen, mit Auto oder Zug? Nicht, nein, oder? In einer Seifenblase? Immer, wenn ich nach Abisko fahre, bin ich stundenlang entlang des Torneträsk unterwegs. Weil der doch etwas größer als der Aasee ist, nicht nur acht-, sondern mehr als 820 mal. Seifenfrei versteht sich. Viele Grüße! 🙂

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