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Zwischen Laborarbeit und Alltag in Qingdao

Mein Praktikum fand im zentralchemischen Labor des Standorts Qingdao statt, genauer gesagt in der Abteilung Forschung und Entwicklung. In der ersten Hälfte des Praktikums ging ich zu Fuß zur Firma, da die Busanbindung ebenfalls 45 Minuten gedauert hätte. Später wurde es allerdings zu kalt zum Laufen.

Die Niederlassung beschäftigt etwa 500 Mitarbeiter. Am ersten Tag kam ich mir etwas lost im Eingangsbereich vor. Niemand sprach Englisch. Nachdem ich kurz warten sollte, kam meine Ansprechpartnerin, die Leiterin des Segments Agrarkultur und Lebensmittel-Service. Diese konnte glücklicherweise Englisch. Mir wurde ein Büroplatz mit eigenem Laptop zugewiesen. Dann lernte ich meine vierköpfige Laborgruppe kennen, mit der ich mein Praktikum zusammen verbringen sollte. Meine direkte Betreuerin in der Gruppe konnte ebenfalls Englisch sprechen. Neben den beiden genannten Personen sind mir jedoch in der gesamten Zeit keine anderen „Englisch-Sprecher“ begegnet. In China können vor allem die jüngeren Leute Englisch gut lesen und gebrochen sprechen. Der Grund dafür liegt darin, dass in den chinesischen Schulen der Fokus auf dem Lesen und Schreiben, weniger auf dem Sprechen und Hören liegt. In internationalen Metropolen wie Shanghai und Peking liegt der Anteil der Englischsprechenden noch einmal wesentlich höher. Ich sah diesen Umstand jedoch als Chance, mein Chinesisch zu verbessern. In den ersten Tagen und Wochen wurde noch viel Englisch, später fast nur Chinesisch gesprochen.

In der ersten Mittagspause lud einer der neuen Kollegen die gesamte Gruppe zum Essen in einem Restaurant ein. Typisch für Restaurantbesuche in China ist, dass nur eine Person bezahlt und nicht, wie in Deutschland oft üblich, untereinander aufgeteilt wird. Unter Jugendlichen in China ist es jedoch normal, erst einmal alles zusammen zu bezahlen und im Nachhinein die Rechnung doch noch zu teilen. Als Ausländer wird man nicht selten eingeladen. Wenn ich jedoch mal einladen wollte, wurde das ungerne gesehen. Als Empfehlung würde ich hier ganz klar sagen, dass man sich zwar gerne einladen lassen sollte, jedoch dies auf keinen Fall erwarten darf. Dies ist sehr abhängig von der Gruppendynamik.

Nach der Pause wurde mir die Firma vorgestellt. Ich erntete viele Blicke, da es für viele Chinesen nicht alltäglich ist, einen Ausländer zu sehen, noch weniger vermutlich im eigenen Betrieb. In den ersten Tagen fand eine Einarbeitung in den Laboralltag statt. In dieser Zeit wurde ich von meiner Betreuerin begleitet und unterstützte sie und andere Kollegen bei alltäglichen Aufgaben wie dem Ansetzten von Lösungen und Fließmitteln oder pH-Wert-Bestimmungen. Anschließend wurde mir nach Rücksprache mit dem Abteilungsleiter ein Projekt zugewiesen, an welchem ich mitarbeiten sollte. Dieses bestand in der Verifizierung einer Methode aus einem nationalen Standard zur Bestimmung von Acrylamid in Lebensmitteln. In China existieren nationale Standards (sogenannte GB-Standards, vergleichbar mit der DIN in Deutschland) zur Sicherstellung von Produkttests. Für viele lebensmittelanalytische Methoden sind Analyseverfahren vorgeschrieben. Diese sind bereits national validiert und müssen in den jeweiligen Testlaboren verifiziert werden. Acrylamid ist ein krebserregender Stoff, der bei Erhitzung von stärkehaltigen Produkten entstehen kann.

Beim Studium der Unterlagen für die Methodenverifizierung wie auch der Versuchsvorschrift, musste ich einen Großteil davon übersetzen, da nahezu alle Materialien auf Chinesisch verfasst waren. Vieles davon war mir durch das Studium jedoch bereits bekannt.

Arbeitsplatz im modernen Labor.

Nebenbei musste ich mich noch um meinen Aufenthaltstitel kümmern, der spätestens 30 Tage nach der Einreise beantragt werden muss. Seinen Reisepass (das Wichtigste Dokument als Ausländer in China) muss man dabei für einige Tage abgeben. Da man den Pass für sehr viele Sachen wie z.B. Bahnfahren, einige Touristenattraktionen etc. braucht, wird einem ein Ersatzschein gegeben.

Und jetzt muss ich mal kurz vom chinesischen Essen berichten, was bis jetzt viel zu kurz kam, aber einer der Hauptgründe für meine Begeisterung an dem Land ist. Als Pescetarier ist es durchaus schwieriger als für Allesesser. Glücklicherweise bot die lokale Küche aufgrund der naheliegenden Küste eine große Vielfalt an Fisch, Meeresfrüchten und Algen.

Lanzhou-Nudelsuppe mit Ei und Gemüse (Preis: 1,5€).
Zubereitung frischer Lauch-Ei-Taschen (40 Cent pro Stk.).
Nachtisch mit Mango, süßem Klebreis und Soja-Milch.

 

Aussicht aus dem Labor am Nachmittag.

Nicht so gut wie mit dem Essen lief es leider mit dem Projekt auf der Arbeit. Zwar hatte ich die ersten Anpassungen erledigt, jedoch schon bei der ersten richtigen Versuchsdurchführung zeigten sich erhebliche Abweichungen von den erwarteten Ergebnissen. Übrigens nahm eine Versuchsdurchführung etwa einen ganzen Arbeitstag in Anspruch. Zunächst ging ich davon aus, dass mir bei der Durchführung Fehler unterlaufen waren. Nach erneuter Durchführung waren die Daten dennoch stark fehlerhaft. Eine Kontamination der Lösungsmittel konnte durch Tests ausgeschlossen werden. Daraufhin überprüfte ich jeden einzelnen Arbeitsschritt separat. Eine Aufspaltung der Arbeitsschritte ergab, dass nach der Verwendung eines Reinigungsröhrchens die Werte deutlich erhöht waren. Also prüfte ich dieses Röhrchen separat. Dabei traten jedoch keine erhöhten Gehalte auf; sämtliche Daten lagen im tolerierbaren Bereich. Auch die übrigen Schritte wurden der Vollständigkeit halber überprüft, ohne dass sich die Fehlerquelle identifizieren ließ. Ein erneuter Gesamtanlauf führte wiederum zu deutlich zu hohen Analyt-Gehalten. Daraufhin sollte ich zunächst an einem anderen Projekt arbeiten.

Abseits der Arbeit entwickelte sich jedoch auch mein soziales Leben in Qingdao weiter. Ungefähr zu dieser Zeit lernte ich auf der Straße einen Jungen kennen. Wir freundeten uns an und gingen oft zusammen etwas trinken oder machten Tagestrips in andere Orte. Auch er konnte kein Englisch, sprach aber dafür ohne Dialekt und mit leicht zu verstehendem Vokabular. Neben meiner Betreuerin war er der beste Freund, den ich während meiner Praktikumszeit kennengelernt habe. Während Halloween kam mich noch ein anderer Freund aus Shanghai besuchen. Da unter der Woche wenig Freizeit übrig war (zum Feierabend war es bereits dunkel), war an den Wochenenden Sightseeing angesagt. Neben dem Biermuseum sollte man in Qingdao definitiv an den Strand gehen, um die Skyline zu sehen und im Laoshan-Gebirge wandern.

Kleiner Hafen am Rande des Laoshan-Gebirgs.
Laoshan-Gebirge.
Halloween-Veranstaltung in Einkaufsmall.

 

Robin

Hallo! Ich heiße Robin, bin 22 Jahre alt und studiere im 3. Mastersemester Lebensmittelchemie. Im Rahmen meines Studiums ist ein Pflichtpraktikum vorgesehen. Dieses habe ich für knapp 2 Monate bei dem international tätigen Analytikdienstleister SGS in Qingdao (China) absolviert.

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