Erasmus-Praktikum in Prag (Januar – April 2019)

Zwischen Spaziergängen an der Moldau, dem Ausweichen von Touristengruppen und der Suche nach guten Bars habe ich in meinem Praktikum in Prag vor allem eins gelernt: Demut.

Fenstersturz – Frühling – Bier. Das sind wohl mit die häufigsten Assoziationen mit Tschechiens Hauptstadt Prag. Zwei davon beschreiben historische Ereignisse: den Prager Fenstersturz 1618, der den 30-jährigen Krieg einläutete und der Prager Frühling 1968, der Versuch (und die Niederschlagung) eines „Sozialismus mit menschlichem Antlitz“.

Am 16. März 2019 jährte sich zum 80. Mal ein weiteres historisches Ereignis, das in Deutschland leider ein wenig in Vergessenheit geraten ist. Am 16.03.1939 wurde das „Protektorat Böhmen Mähren“ errichtet. Hitler und Goebbels hatten in der Nacht zuvor den Präsidenten der Tschecho-Slowakischen Republik, Emil Hácha, massiv unter Druck gesetzt, das entsprechende Papier zu unterzeichnen.

Der Wenzelsplatz. Hinten: Das Nationalmuseum. © Sebastian Stachorra

Warum gehört das in den Eramus-Blog? Im Nationalmuseum am Kopf des Wenzelsplatz (da, wo sich 1968 der Student Jan Palach aus Protest gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings durch die Sowjets selbst anzündete) wird die Geschichte der Tschechoslowakei als Dauerausstellung dargestellt. Gleich im Eingangsraum ist die Urkunde über die Errichtung des Protektorats ausgestellt, auf einer Leinwand laufen historische Aufnahmen. Panzer rollen durch die Straßen, deutsche Militärs betreten historische Gebäude.

Deutsche Vergangenheit im Ausland – auch heute noch begründet sie eine Verantwortung

Dieses Gefühl dürften wohl viele Deutsche im Erasmus-Aufenthalt kennen: nirgendwo kommt man an der deutschen Geschichte vorbei, überall hat das Nazi-Regime auf eigene Weise Gräueltaten verübt.

Es ist wichtig, sich dem auszusetzen, sich das ins Bewusstsein zu rufen und immer wieder darauf hinzuweisen, gerade jetzt. Deutschland hat Europa vor gar nicht allzulanger Zeit mit Krieg und Terror überzogen. In wenigen Tagen findet die Europawahl statt, (Rechts-)Populisten rechnen mit großen Gewinnen. Ja, die Verantwortlichen für diese Gräueltaten sterben langsam aus, es liegen zwei bis drei Generationen zwischen „denen“ und uns. Dennoch ergibt sich aus der Deutschen Geschichte ein Auftrag an uns, die jüngere Generation: Verantwortung zu übernehmen dafür, dass Nationalismus, Rassismus, kurz: menschenverachtende Ideologien nie mehr so stark werden.

Praktikum bei der DTIHK in Prag

Zurück nach Prag. Ich war dort für ein Praktikum in der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer (DTIHK). Das ist die größte bilaterale Kammer Tschechiens, sie vertritt mehr als 650 deutsche und tschechische Unternehmen.
Mein Arbeitsplatz liegt auf dem Wenzelsplatz, fünfter Stock. Wenn ich nach rechts aus dem Fenster gucke, sehe ich das Nationalmuseum. Während meiner (fast) vier Monate Aufenthalt wird auf dem Wenzelsplatz mindestens drei Mal ein Markt auf- und wieder abgebaut, Hotels gegenüber werden renoviert, mindestens einmal wöchentlich wehen die Gesänge einer Ware-Krishna-Gruppe ins Büro.
In der Presse- und Kommunikationsabteilung der DTIHK arbeite ich am Deutsch-Tschechischen Wirtschaftsmagazin der Kammer mit (der Plus), helfe beim Erstellen von Präsentationen, arbeite den Social-Media Kanälen zu. Praktisch kein Praktikanten-Klischee trifft zu, im Gegenteil. Die Mitarbeiter*innen sind extrem freundlich und offen für meine Vorschläge und Ideen. Ich bekomme sinnvolle Aufgaben, die Ergebnisse meiner Arbeit (z.B. Artikel für besagtes Magazin) werden veröffentlicht. Kurz: ich fühle mich sehr schnell wie ein vollwertiges Teil des Teams. Weil ich auch schon andere Praktika hatte, weiß ich, wie wichtig das ist.

Leben in Prag: Vier Monate dort, wo andere ein Wochenende verbringen

Blick vom Letna-Park in Richtung Altstadt. © Sebastian Stachorra

Prag ist schön, Prag ist noch (vergleichsweise) günstig, Prag ist gut zu erreichen. Es gibt sehr viele Touristen in Prag. In den Wintermonaten ergibt sich die Chance, die Stadt mit vergleichsweise wenig Menschen zu bestaunen. Die kommen dann an Valentinstag und mit den ersten warmen Frühlingstagen in die Stadt. Dann sind die Moldau-Touristenboote gut gefüllt, die Touristen-Bars und Restaurants öffnen, die Karlsbrücke ist praktisch nicht passierbar. Ganz ehrlich: von Zeit zu Zeit nervt das.
Andererseits kann ich jede*n verstehen, der*die für ein Wochenende nach Prag fährt – und würde das auch jeder und jedem empfehlen. Denn die Stadt ist wahnsinnig schön.

Einer der schönsten Orte ist der Letna-Park im nördlichen Teil der Stadt. Er liegt leicht erhöht, sodass man von seinem Rand aus gut auf die Altstadt blicken kann. Vor einem liegt dann die Altstadt, links sieht man den Zichkov-Park samt Denkmal, geradeaus in der Ferne ist Vinohrady erkennbar, der alte Arbeiterstadtteil, der inzwischen mächtig gentrifiziert und verhipstert wird. Schweift der Blick nach rechts, über die Moldau hinweg, trifft er die Prager Burg, hinter der abends die Sonne untergeht. Man kann sich Zeit lassen in der Betrachtung, denn praktischerweise gibt es hier oben einen Biergarten. Ein halber Liter Bier für weniger als zwei Euro. Prost und gute Auszeit!

Unbedingt machen: Moldauspaziergänge!

Die Karlsbrücke sieht viel schöner aus, wenn man nicht selbst darüber läuft …© Sebastian Stachorra

Vom Letna-Park aus hat man die Qual der Wahl: Richtung Norden schließt das Letna-Viertel an, hier gibt es einige gute Restaurants und Bistros (und die besten Waffeln bei Waf-Waf!). Auf der anderen Seite lockt die Moldau und die Altstadt. Auf der Altstadtseite lässt es sich sehr angenehm an der Moldau entlang spazieren (mit Ausnahme des Nadelöhrs an der Karlsbrücke). Vom Ablegeufer der Touristenboote geht es entlang am Florentinum, einem der größten Konzertsäle der Stadt – und ein historisches Gebäude. An historischen Gebäuden mangelt es der Stadt jedenfalls nicht, die Geschichte(n) dazu kennt Wikipedia oder die Guides der Free-Walking Touren. In einer Seitenstraße unweit des Florentinums liegt die Studenten-Kneipe „Hany Bany“. Zwischen 15 und 16 Uhr gibt es hier einen Liter Bier für 29 Kronen. Ich überlasse das Umrechnen an diese Stelle der Leserschaft. Aber sagen wir mal so: Wer dort um 15 Uhr mit umgerechnet 10€ hineingeht, kann dort einige Stunden verbringen, trinken, essen und Trinkgeld geben und hat anschließend noch genügend Kleingeld für das ÖPNV-Ticket nach Hause.

Links: das berühmte tanzende Haus. © Sebastian Stachorra
Die anderen Häuser sind aber auch schön. © Sebastian Stachorra

Aber wir waren ja eigentlich noch beim Spaziergang an der Moldau. Hier erwartet uns dann die Karlsbrücke. Pro-Tipp: nicht über die Karlsbrücke gehen, sondern eine Brücke weitergehen. Dann sieht man auf den Selfies nämlich auf die Karlsbrücke im Hintergrund (und als kleinen Bonus sogar noch die Prager Burg!). Außerdem findet sich dort das berühmte „Tanzende Haus“ des Architekten Frank Gehry. Soll wohl etwas ziemlich Besonderes sein, jedenfalls wird es sehr oft fotografiert. Ich persönlich finde die stattlichen alten Häuser, die das Moldauufer zu beiden Seiten säumen, schöner.
Vorm tanzenden Haus dann die Entscheidung: über das Moldauufer in Richtung Petrin-Hügel, mit dem, dem Eiffelturm-nachempfundenen, Aussichtsturm? Oder weiter entlang der Moldau bis zur alten Festung Visehrad? Beide bieten tolle Aussicht, der Weg zu beiden Orten ist toll.

Bedingt empfehlenswert: Kneipen und Bars

Ja, das soll wirklich ein kleiner Eiffelturm sein. © Sebastian Stachorra

Nach so viel Laufen ist es dann auch Zeit für den Abendausklang. Es gibt unzählige Bars und Restaurants in der Altstadt. Es lohnt sich, bei Google Maps oder TripAdvisor nach den besten Lokalen in der Umgebung zu schauen. Trotzdem hilft auch der Blick auf die Speisekarte, die meist aushängt. Denn: Mehr als 250 Kronen für ein Hauptgericht ist ein ziemlich sicheres Zeichen für ein Touristen-Lokal.
Meine Tipps: Hany Bany & Kavárna Velryba.

Und dann ist da noch das tschechische Bier. 10°, 12° und 14° steht aber nicht etwa für die Temperatur, sondern gibt den Gehalt der Stammwürze an. Faustregel: Je höher die Zahl, desto kräftiger das Bier (und desto mehr Alkohol). Und obwohl Tschechien im Vergleich noch extrem niedrige Bierpreise hat, sind diese in letzter Zeit arg gestiegen. Ein guter Richtwert: ein halber Liter Bier sollte zwischen 29 und 49 Kronen kosten. Manchmal ist der Ausblick auf der Terrasse es aber auch Wert, ein wenig mehr zu zahlen.

Jenseits von Bier – Tschechien ist nicht günstiger …

Trotz Touri-Bashing: auf der Moldau schippern ist auch schön. © Sebastian Stachorra

Wer sich länger in Prag aufhält und einkaufen geht, stellt fest: hey, es gibt hier viele Deutsche Märkte. Lidl, DM, Rossmann – alles da. Und: hey, die Preise sind ja eher höher als in Deutschland! Das ist ziemlich erstaunlich, denn im Durchschnitt verdienen Tschechische Angestellte umgerechnet um die 1 000€. Dennoch kosten Lebensmittel ähnlich viel (oder mehr) wie in Deutschland und andere Produkte (Zahncreme, Deo, …) sind sogar deutlich teurer. Trotzdem wird Tschechien von Erasmus in einer der niedrigeren Stufen eingeordnet 😉

Schön war’s – ich würde es wieder tun

Seit Mitte April bin ich wieder zurück in Münster. Vor der Abfahrt saß ich noch einmal im Letna-Park, habe ein letztes Bier für 39 Kronen getrunken und auf die Stadt hinabgeblickt. Zichkov, Vinohrady, die Altstadt, die Moldau, die Prager Burg. Um mich herum saßen Student*innen, rauchten, kifften, tranken Bier und Wein. Ein paar Hunde tollten herum, Kinder spielten auf dem Spielplatz einige Meter weiter.
Ich vermisse Prag. Wenn ich jetzt aus dem Fenster schaue, sehe ich den Münsteraner Nieselregen, in dem ich mich gleich aufs Fahrrad setzen werde. Achja: Fahrradfahren in Prag ist Wahnsinn, lasst das bleiben!

© Sebastian Stachorra

 

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