Winter in Münster: Grau, nass und kalt. Januar in Kapstadt: Strahlender Sonnenschein, der „South Easter“-Wind und die imposante Silhouette des Tafelbergs und Lions Head. Im Dezember 2025 trat ich mein zweimonatiges Chirurgie-Tertial in Südafrika an. Meine Erwartungen waren eine Mischung aus Abenteuerlust und Respekt. Man hört viel über die Kriminalität, die „Cape Town Bubble“ und die krasse Schere zwischen Arm und Reich. Mit diesen Vorurteilen im Gepäck – der Sorge um die Sicherheit einerseits und der Vorfreude auf Weltklasse-Natur und einer weltoffenen Millionenstadt andererseits – landete ich in der „Mother City“.
Was mich beim ersten Sonnenuntergang faszinierte, war das Wetterphänomen des „Tablecloth“. Wenn die Wolken wie eine weiße Tischdecke über die Kante des Tafelbergs quellen, während der Rest der Stadt im orangen Sonnenlicht liegt, ist das ein Anblick, an den man sich nie gewöhnt. Doch Kapstadt ist kein Postkarten-Idyll. Die größte Umstellung zum Alltag in Deutschland waren die Geschichten über Diebstähle und Gewaltverbrechen. Das Thema der persönlichen Sicherheit ist hier kein abstraktes Problem, sondern Teil der täglichen Routine. Unser Stadtviertel hatte einen privaten Security-Dienst und jedes Zimmer hatte einen sog. “panic button” , ein Alarmknopf, der direkt diese besagte Security alarmiert. Man lernt schnell, welche Straßenzüge man meidet, das Handy nicht überall offen in der Hand zu halten und nach Einbruch der Dunkelheit nur noch per Uber von A nach B zu fahren. Man begreift schnell, dass Südafrika ein Land mit besonderer Geschichte ist, die durch ihre positiven wie negativen Wendungen eine unmittelbar sichtbare Bedeutung für die Gegenwart kreiert.
Überrascht hat mich jedoch, wie schnell diese Vorsicht zur Normalität wird und den Blick auf die Schönheit der Stadt nicht trübt. Mein Bild vom Gastland hat sich dahingehend verändert, dass ich Südafrika nicht mehr nur als „gefährlich“ oder „schön“ wahrnehme, sondern als ein Land mit einer unglaublichen Energie mit einem ehrlichen Kern. Die Menschen begegnen den täglichen Herausforderungen mit größeren einer Gelassenheit, die bei gleichen Bedingungen in Deutschland eher weniger denkbar wäre. Ich kam mit dem Bild eines krisengeschüttelten Landes und gehe mit der Erkenntnis, dass die Lebensfreude hier trotz (oder gerade wegen) der Widrigkeiten ansteckend ist.
Mein Arbeitsalltag in Kapstadt unterscheidet sich fundamental von dem, was ich aus deutschen Universitätskliniken kenne. Ich arbeitete im Tygerberg Hospital, einem staatlichen Krankenhaus, das die primäre Anlaufstelle für einen riesigen Einzugsbereich ist. Das System ist, gelinde gesagt, „resourcengestresst“. Es fehlt oft an grundlegenden Dingen: Verbandsmaterial und andere medizinische Utensilien sind knapp, Betten sind Mangelware, ein in die Jahre gekommener Krankenhauskomplex, und die Wartezeiten für elektive Eingriffe sind lang. Doch genau dieser Mangel bringt eine medizinische Qualität hervor, die beeindruckend war. Die südafrikanischen Ärzt*innen sind klinisch hervorragend ausgebildet. Da sie oft ohne den sofortigen Einsatz von teurer Apparate-Medizin (wie CT oder MRT) entscheiden müssen, ist ihr klinischer Blick – das Abtasten, Auskultieren und die Anamnese – extrem geschärft. Die praktische Ausbildung und das Übernehmen von Verantwortung beginnt etwas früher als in Deutschland, da Medizinstudierenden einen wesentlichen Anteil an der Patientenversorgung haben. Ich durfte hier mehr über chirurgische Basics und klinische Entscheidungsfindung lernen als in den vorangegangenen Jahren meines Studiums.
Was den Alltag aber wirklich besonders machte, ist das Miteinander. Ich wurde von den südafrikanischen Medizinstudierenden mit einer Offenheit empfangen, die ich so nicht erwartet hätte. Sie sind nicht nur fachlich fit, sondern unglaublich hilfsbereit und integrativ. Vom ersten Tag an war ich Teil des Teams, wurde zu „After-Work“-Braais (dem obligatorischen südafrikanischen Grillen) eingeladen und in die komplexen Abläufe der Station eingewiesen.
Mein zweimonatiger Aufenthalt in Kapstadt war eine Grenzerfahrung im besten Sinne. Medizinisch nehme ich eine neue Sicherheit im Umgang mit Akutsituationen und Traumata mit. Gleichzeitig konnte ich neue praktische Fähigkeiten erlernen, die ich so in Deutschland noch nicht Durchführen konnte. Doch viel wichtiger sind die menschlichen Lehren: Die Professionalität und Empathie der Kolleg*innen im Angesicht der bestehenden struktureller Probleme im Gesundheitssystem haben mein Verständnis vom Arztberuf nachhaltig geprägt.
Meine Perspektive auf das deutsche Gesundheitssystem hat sich verschoben. Wenn wir uns in Deutschland über lange Dokumentationswege oder die Qualität des Kantinenessens beschweren, denke ich nun an die Patient*innen in Kapstadt, die stundenlang auf einer Pritsche im Flur warten und dennoch dankbar für jede Behandlung sind. Es hat mich gelehrt, Privilegien nicht als selbstverständlich anzusehen.
Was ich aus Südafrika mitnehme, prägt meinen Blick auf mein Studium und meinen späteren Beruf nachhaltig. Ich sehe meine Ausbildung in Deutschland nun mit ganz anderen Augen und schätze die Privilegien, die dort oft als selbstverständlich gelten. Kapstadt war eine Lektion darin, wie massiv gesellschaftliche Rahmenbedingungen den klinischen Alltag diktieren. Ich kehre nicht nur fachlich versierter zurück, sondern auch mit einer neuen, globalen Perspektive auf die Herausforderungen moderner Gesundheitsversorgung.
Das PJ-Tertial in Südafrika war eine intensive Phase des Lernens, die weit über den klinischen Alltag hinausging. Die Kombination aus der Arbeit in einem herausfordernden Gesundheitssystem und der beeindruckenden Kulisse Kapstadts hat diese Zeit zu einem Meilenstein meiner Ausbildung gemacht. Kapstadt hat mir neue Horizonte eröffnet und mein Verständnis für gesellschaftliche Zusammenhänge in der Medizin geschärft. Ich bin sehr dankbar für die finanzielle Unterstützung durch das PROMOS-Stipendium, die diesen Aufenthalt ermöglicht hat. Ich kehre mit wertvollen Erkenntnissen und vielen guten Erinnerungen zurück nach Münster.




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