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Mein Fazit: sechs Monate Praktikum in Südafrika

Ich muss sagen, ich habe die Aufgabe, einen Bericht über meinen Auslandsaufenthalt in Südafrika zu schreiben, unterschätzt. Hinter mir liegen sechs Monate Abenteuer, neue Menschen, so viele schöne und aufregende Erlebnisse, die sich mit Worten kaum beschreiben lassen. Hinzu kommt, dass ich vieles davon selbst noch nicht einmal verarbeiten und reflektieren konnte, weil die Eindrücke nur so auf mich einprasselten. Um diesen Eindruck nicht in meinen Blogeintrag zu übernehmen, habe ich anhand einiger Reflektionsfragen versucht, Ordnung in meine Erlebnisse und Erkenntnisse zu bringen. Ich hoffe das hat funktioniert. 

 

Was waren die Höhepunkte meines Auslandsaufenthalts?

Ein Highlight meiner Zeit in Südafrika waren all die großartigen Freundinnen, die mir während meiner Zeit hier viel Halt und gemeinsame Momente geschenkt haben, die ich niemals vergessen werde. Anfangs habe ich mich noch nicht getraut, sie als Freundinnen zu bezeichnen. Denn obwohl wir das größte Abenteuer unseres Lebens gemeinsam verbringen, wusste ich noch so wenig über sie. Trotzdem fühlte es sich an, als wären wir befreundet, obwohl sich keine von uns jemals aktiv dazu entschieden hat. Die Freundschaft ergab sich vielmehr aus dem Umstand, dass wir von unseren Freundinnen und Freunden in unseren Heimatstädten weit entfernt und so gegenseitig aufeinander angewiesen waren. Mit der Zeit wurden wir alle sicherer im Umgang miteinander und jede hatte mindesteins einmal eine Situation, in der sie auf die Hilfe und Unterstützung der anderen angewiesen war. Am Wochenende erkundeten wir gemeinsam Kapstadt, gingen morgens Joggen oder Surfen. Ohne sie wäre die Zeit hier nur halb so schön gewesen und ich bin mir sicher, dass wir uns auch nach unserem großen Abenteuer noch einmal sehen werden und weiterhin in Kontakt bleiben.

Ein weiteres Highlight war mein Praktikum. Sowohl die Arbeit und Aufgaben, aber auch die gemeinsame Zeit bei Antje und Alex. Ich habe von Antje nicht nur in beruflicher Hinsicht, sondern auch für mein persönliches Leben viel mitnehmen können und bewundere sie sehr. Antje arbeitet mit großer Leidenschaft an live&learn und steckt den Großteil ihrer Zeit in die Organisation und die Einsatzstellen. Sie ist im konstanten Austausch mit Teilnehmenden, die bereits abgereist, gerade in Südafrika oder vor 10 Jahren dort waren. Antje kann schon nach dem ersten Kennenlerngespräch mit Teilnehmenden einschätzen, wer am besten in welches Projekt passt und bei wem welche Herausforderungen während des Aufenthalts auftreten werden. Sie ist hier definitiv zu einem Vorbild für mich geworden. In persönlicher Hinsicht zeigen Antje und Alex mir Alternativen zu den doch sehr konventionellen und homogenen Lebensentwürfen, die ich in Deutschland sehe. Vor, während und nach der Arbeit hatte ich mit den beiden so interessante und inspirierende Gespräche über Südafrikas Kultur, Bücher, Feminismus, Liebesbeziehungen und Familien und ihr breit gestreutes Wissen finde ich sehr beeindruckend. Ich schätze es sehr, dass sie so viel mit mir geteilt haben, interessiert an meiner Meinung zu Themen und an meiner Person waren und mich als Erwachsene und Praktikantin respektiert haben. Und vor allem, dass ich durch die beiden die Möglichkeit hatte, sechs Monate hier zu arbeiten.

Was habe ich in Südafrika Neues probiert?

Gleich in meiner ersten Woche hatte ich meine erste Surfstunde. Denn in Muizenberg ist der perfekte Surfsport für Anfängerinnen. Als ich gleich beim ersten Versuch für mehrere Sekunden auf dem Board stehen konnte, war ich selbst überrascht. Nach der ersten Surfstunde war ich begeistert und konnte es kaum abwarten wieder auf das Board zu steigen. Leider ist das Warten ein großer Teil des Surfens. Man wartet, bis die Bedingungen gut werde, das heißt, der Wind aus der richtigen Richtung kommt und die Wellen die richtige Höhe haben. Wenn man dann im Wasser ist, muss man auf die richtige Welle warten und die muss man erst einmal lesen lernen. Vor allem als Anfängerin ist es ein langer Weg. Da ich seit dem Kindergarten eine Sportart gewählt habe und keine weitere ernsthaft ausprobiert habe, war mir der Status als Anfängerin in einer Sportart neu. Es war ungewohnt nicht zu wissen, ob ich mich gerade gut oder schlecht als Anfängerin schlage. Als ich die ersten Male allein losgegangen bin, war ich sehr unsicher, ich wusste nicht einmal, was ich alles falsch gemacht habe. Um mich herum konnten die anderen Surferinnen und Surfer eine Welle nach der anderen nehmen, während ich paddelte und paddelte und trotzdem keine Welle bekam. Doch immer wieder wurde mir gesagt, dass ich einfach weiter versuchen soll rauszugehen, zu paddeln und irgendwann würde es funktionieren. Am liebsten ging ich trotzdem mit Freundinnen oder mit Antje und Alex und sammelte mir so Feedback und Tipps. Im Dezember war ich dann noch eine Woche in einem Surfcamp und konnte dort mein Surflevel erheblich verbessern.

Was habe ich über mich selbst gelernt?

Ich glaube meine Erkenntnisse werden erst richtig greifbar, wenn ich wieder in meinem gewohnten Umfeld bin. Im Hinblick auf meine Planung, was nach der Reise passieren soll, machen sich aber bereits Veränderungen bemerkbar. Ich habe ich das Gefühl auf ein größeres Repertoire an Möglichkeiten zu blicken als bei vorherigen Entscheidungen. Vielleicht weil ich mutiger geworden bin oder weiß, dass ich mich in einem fremden Land zurechtfinden kann und dass es Spaß mach sich in unbekannte Abenteuer zu stürzen.

Was habe ich in der Zeit in Südafrika gelernt, dass ich auch in meinen Alltag in Deutschland integrieren möchte?

Kurz vor Ende meiner Reise habe ich lange überlegt was mich hier so glücklich gemacht hat und welche Dinge ich mit nach Hause nehmen kann, um dort genauso glücklich zu sein, auch wenn manche Faktoren wahrscheinlich nur temporär möglich sind, beispielsweise wenig Verpflichtungen und keine langfristigen Bekanntschaften. Andere, wie zum Beispiel das Meer direkt vor der Haustür, die erst mit einem Umzug möglich werden. Ein großer Teil meiner Freizeitbeschäftigung bestand aus Aktivitäten in der Natur: Surfen, Wandern, Joggen oder Schwimmen. Das möchte ich auch in Deutschland beibehalten, auch wenn die geografischen Gegebenheiten des Münsterlands die Auswahl auf ein paar Optionen beschränken. Insgesamt ist es aber die Abenteuerlust, die all das möglich gemacht hat und mich dazu ermutigt hat, immer weiter neue Dinge auszuprobieren.

Aber auch das Gefühl, unglaublich privilegiert zu sein und die eigenen Privilegien dafür zu nutzen, anderen Menschen dasselbe zu ermöglichen. Ich habe in Südafrika an vielen Stellen gesehen, wie das funktionieren kann und wie der gesellschaftliche Zusammenhalt dadurch gestärkt werden kann. Dieser Aktivismus ist auch hilfreich, um sich nicht machtlos zu fühlen und mit dem Leid umzugehen, das einem jeden Tag begegnet. Diese Erfahrungen überschatten meine positiven Erfahrungen in dem Land und machen mein Schwärmen ein bisschen leiser. Denn dass ich dorthin reisen konnte und so eine schöne Zeit hatte während andere Menschen jeden Tag ums Überleben kämpfen und alles dafür tun würden, um aus Südafrika zu reisen hat allein mit meinen Privilegien und finanziellen Möglichkeiten zutun. Um nicht in einen White-Saviorism zu rutschen, muss man der lokalen Bevölkerung zuhören und an den Schnittstellen helfen, bei denen man seine eigenen Fähigkeiten einsetzen kann oder da wo nach Hilfe gefragt wird. Der Umgang mit diesen moralischen Grauzonen, den ganzen Widersprüchen und Vorurteilen war womöglich die größte Herausforderung meines Aufenthalts. Auch, wenn ich vieles falsch gemacht habe und noch nicht alles weiß, bin ich bereit weiter zu lernen, zu sprechen und Verbindungen zu schaffen. Dafür möchte ich mich auch von Deutschland aus weiter einsetzen.

Lilli

Ich bin Lilli, 23 Jahre alt und studiere Kommunikationswissenschaft und Philosophie an der Uni Münster. Von Oktober 2025 bis April 2026 habe ich ein Auslandspraktikum bei live&learn in Südafrika gemacht.

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