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Meine ersten Wochen in Südafrika:

Auch, wenn ich mich für diese Reise entschieden habe, hatte ich in meinem letzten Monat vor der Abreise große Zweifel an meiner Entscheidung. Ich steckte mitten in den Reisevorbereitungen und sah nur, was ich alles hinter mir lassen würde und das für eine große Unbekanntheit. Ich verabschiedete mich von meinen Freundinnen und Freunden, von meiner Familie, von meiner Wohnung und meinem Alltag in Deutschland. Die Reise erschien mir als großes Risiko, denn was, wenn mir meine Wg, mein Praktikum oder Südafrika als vorübergehende Heimat nicht gefallen würde?

Durch meine Angst stellte sich auch ein schlechtes Gewissen ein, denn ich hatte das Gefühl mein Privileg, diese Reise überhaupt unternehmen zu können dadurch zu verleugnen. Wenn ich gefragt wurde, worauf ich mich am meisten in Südafrika freute, antwortete ich meistens auf das Wetter, denn trotz zwei durchgearbeiteten Reiseführern konnte ich mir mein Leben dort einfach nicht vorstellen. Aber ich wusste, dem europäischen Winter würde ich auf jeden Fall entkommen. An einem Abend, an dem meine Ängste und Sorgen sehr groß waren, schrieb ich eine Liste mit all den Dingen, vor denen ich Angst hatte und suchte für jeden Punkt eine Lösung. Danach ging es mir besser. Ich habe die Liste in mein Tagebuch geklebt und mir nach drei Wochen in Südafrika angeschaut. Beim Lesen musste ich lächeln, denn keine meiner Sorgen hatte sich bestätigt. Ich hatte meinen Flug nicht verpasst, meine Wg war nett, mein Praktikum hat mich erfüllt und ich hatte auch kein Heimweh.

Mein Zuhause in Südafrika: 

Ich wohne in einer Wg Muizenberg, das ist ein Vorort von Kapstadt, ungefähr eine halbe Stunde entfernt. Die Wg besteht aus Sarah, Morgan, Selina und Marco. Sarah ist die Vermieterin, sie ist High School Lehrerin in Fishhoek, einem Nachbarort. Morgan kommt aus Johannesburg und arbeitet bei einer Marketingagentur für Safaris, nebenbei betreibt sie einen erfolgreichen Instagram über nachhaltigen Wildlife-Tourismus . Selina kommt aus der Schweiz und macht einen Freiwilligendienst über live&learn bei einem Surfprojekt, das Surfen mit Jugendarbeit verbindet. Marco ist der Freund von Sarah, er hat Gelegenheitsjobs, hauptsächlich ist er Zimmermann. Unter der Woche passt Morgan auf Poppy auf, das ist der Hund ihrer Cousine. Poppy war ursprünglich mal ein Straßenhund und ist daher sehr sensibel. An meinem ersten Tag mussten wir daher extra ein Kennenlernen durchführen. Das war sehr erfolgreich und seither gehen Morgan und ich nachmittags eine Runde mit ihr. Ich genieße sehr, wie unterschiedlich jedes einzelne Wg Mitglied ist und wie unterschiedlich unsere Leben aussehen. Trotzdem sind wir keine Zweckwg, auch wenn die eine Person um 18 Uhr zu Abend isst und andere um 22 Uhr.

Mein Praktikum bei live&learn: 

Mein Praktikum in Südafrika ist bei der Organisation live&learn im Bereich Marketing und Kommunikation. Die Organisation wird von Antje und Alex geführt. Beide sind vor 30 Jahren von Deutschland nach Kapstadt ausgewandert. Die Organisation vermittelt Freiwilligendienste, Praktika, Sabbaticals und Sprachreisen nach Südafrika. Die Reisen werden für Abiturienten, Studierende und Arbeitnehmende angeboten. Dabei können die Teilnehmenden in dem großen Angebot der Einsatzstellen auswählen, welches Projekt am besten zu ihren eigenen Fähigkeiten und Ansprüchen an den Auslandsaufenthalt passt. Antje begleitet den Auswahlprozess und hat durch ihre langjährige Erfahrung auch ein gutes Gespür dafür, wer am besten in welches Projekt passt. Sie kennt jede Einsatzstelle, die zugehörigen Unterkünfte sowie Ansprechpartnerinnen und -partner und weiß daher genau, auf was sich Teilnehmende einstellen müssen oder mit welchen Erwartungen sie anreisen sollten.

Das live&learn-Büro ist bei Antje und Alex, den Gründern, zuhause. Ich werde meist von Luzie, der Hündin von Antje und Alex begrüßt. Manchmal gehen wir gemeinsam vor der Arbeit Surfen. Durch das Homeoffice und auch den Kontext der Reise ist das Arbeitsverhältnis sehr persönlich. Antje und Alex sind sehr bemüht, dass man sich dort wohlfühlt und nicht wie ein Eindringling.

Um 9 Uhr gehe ich zur Arbeit. Das Büro ist nur 10 Minuten von meinem Zuhause entfernt. Mit Antje bespreche ich meine Aufgaben für den Tag. Die Aufgaben kommen entweder von Antje oder von mir. Oftmals werde ich von Antje auch nach meiner Einschätzung oder Meinung zu Posts, Strategien oder Texten gefragt. Das finde ich ungewöhnlich, aber auch richtig schön, weil ich das erste Mal bei einem Praktikum als Expertin behandelt werde und nicht nur in der Position des Lernens bin. Bei der Umsetzung meiner Aufgaben lerne ich dennoch viel dazu, zum Beispiel, wie neue Designprogramme funktionieren oder, wie man bestimmte Blogeinstellungen auf WordPress einsetzt. Hauptsächlich bin ich für neue Blogbeiträge, den Newsletter, die Spendenkampagne für die live&learn Stiftung und für die Social-Media-Kanäle zuständig. In den ersten Wochen habe ich mir die Hauptkonkurrenten von live&learn angesehen und eine Analyse gemacht, dabei konnte ich verstehen, was live&learn so besonders macht, welche Zielgruppen noch konkreter angesprochen werden müssen und wie sich live&learn durch seine Öffentlichkeitskommunikation am besten von den anderen Anbietern absetzen kann. Die Umsetzung der Ergebnisse dauerte meine gesamte Zeit bei live&learn an. Nachmittags gehe ich meistens an den Strand, lese oder erkunde die Gegend. Es gibt einen kleinen Weg direkt am Meer entlang, den gehe ich meist bis nach St. James oder Kalk Bay. Dort gibt es kleine Geschäfte, Tidal Pools und Bäckereien.

Durch meine Arbeit mit Einsatzstellen für Freiwillige komme ich regelmäßig mit den Themen Voluntourismus und White Saviorism in Berührung. Im Folgenden möchte ich die Erkenntnisse teilen, die ich während meines Praktikums im Umgang mit diesen beiden Phänomenen gewonnen habe. Dabei soll keine Werbung für live&learn gemacht werden. Dennoch halte ich fest, dass die Organisation engagierte Arbeit leistet und sich sowohl der genannten Problematiken als auch ihrer Überschneidungen bewusst ist. Da live&learn bislang meine einzige praktische Erfahrungsstelle im Zusammenhang mit Voluntourismus und White Saviorism darstellt, stützt sich meine Darstellung ausschließlich auf persönliche Eindrücke und erhebt keinen Anspruch auf Objektivität. Gleichzeitig befinde ich mich als Praktikantin in einer besonderen Zwischenposition: Einerseits bin ich für einen begrenzten Zeitraum Teil der Organisation, andererseits noch neu und ausreichend distanziert, um Beobachtungen aus einer eher externen Perspektive zu machen.

Der Begriff Voluntourismus bezeichnet die Verbindung von Reisen und freiwilligem Engagement und beschreibt den Versuch, während eines Auslandsaufenthalts etwas „Gutes“ zu tun. Idealerweise steht dabei das Ziel im Vordergrund, die Lebensbedingungen der Menschen in den Projektländern nachhaltig zu verbessern.

White Saviorism beschreibt das Phänomen, bei dem weiße Menschen aus dem globalen Norden das Bedürfnis verspüren, Menschen im globalen Süden „helfen“ zu müssen. Hinter dieser gut gemeinten Haltung verbirgt sich jedoch häufig eine paternalistische Machtstruktur, die bestehende Ungleichheiten verstärkt und neue Abhängigkeiten schafft.

Da live&learn neben Praktika auch internationale Freiwilligendienste vermittelt, lässt sich der Vorwurf des Voluntourismus nicht vollständig ausschließen. Die Organisation ist sich dieser Problematik jedoch bewusst und legt großen Wert auf nachhaltige sowie langfristig angelegte Kooperationen mit lokalen Projektpartnern. Vor allem in den Einführungsgesprächen mit Antje prüft sie, welche Fähigkeiten und Kenntnisse Praktikanten oder Freiwillige mitbringen, um diese optimal in Projekten einzusetzen. Eine der Einsatzstellen von live&learn kann beispielsweise keine Ergotherapeutin anstellen, weil dazu die Gelder fehlen. Live&learn kann dann gezielt Ergotherapeutinnen in dem Projekt einsetzen und so einen Mehrwert für die Organisation bringen.

Die Mehrheit der Freiwilligen kommt aus Europa, insbesondere aus Deutschland oder der Schweiz, und verfügt über die finanziellen Ressourcen, um Reisekosten, Versicherungen und Projektbeiträge selbst zu tragen. Auch dies kann bestehende globale Ungleichheiten widerspiegeln. Gleichzeitig wird im organisatorischen Vorgehen deutlich, dass live&learn bemüht ist, diesen Machtverhältnissen reflektiert und verantwortungsvoll zu begegnen.

Zum einen versucht live&learn durch den Mindestaufenthalt von 6 Wochen die Ressourcen der Einsatzstellen zu schonen. Teilnehmende müssen nur einmal eingearbeitet werden und können spätestens nach drei Wochen eigenständig arbeiten. Teilweise werden im Volunteer-Business Projekte angeboten, bei denen die Freiwilligen nur eine Woche in einer Einsatzstelle sind, sodass sich die Einarbeitung nicht wirklich lohnt und mehr Ressourcen verbraucht als Arbeitskraft hinzugibt.

Außerdem gehen alle live&learn Teilnehmer:innen zu Beginn ihres Aufenthalts auf eine eintägige Stadttour, in denen ihnen die Geschichte Kapstadts, kulturelle Unterschiede und Einblicke in das politische System Südafrikas gegeben wird. Antje und Alex treffen sich jeden Monat mit den Freiwilligen, um sich auszutauschen, Tipps zu geben oder bei Herausforderungen zu helfen.

Freundschaften: 

Durch das Netzwerk meines Praktikums habe ich direkt in den ersten Wochen Freundinnen gefunden. Das war erst etwas einschüchternd, weil sie bereits vor einer Woche angereist waren und ich zu der Gruppe hinzugekommen bin. Aber ich wurde direkt aufgenommen und jedes Wochenende unternehmen wir gemeinsam etwas. Die Freundschaft hatte zunächst eine ungewohnte Struktur, denn obwohl wir womöglich das größte Abenteuer unseres Lebens gemeinsam bestreiten, wussten wir so wenig voneinander. Die Freundschaft brauchte noch mehr Zeit und Gespräche übereinander, um der Intensität, die sie durch die Reise hatte, gerecht zu werden. Doch das hat sich mittlerweile ausgeglichen.

Lilli

Ich bin Lilli, 23 Jahre alt und studiere Kommunikationswissenschaft und Philosophie an der Uni Münster. Von Oktober 2025 bis April 2026 habe ich ein Auslandspraktikum bei live&learn in Südafrika gemacht.

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