Ein normaler Arbeitstag bestand aus ein bisschen Bürozeit am Morgen und kurz vor Feierabend. Dazwischen war ich fast nur im Labor, wertete Daten aus und führte Versuche durch. Die Arbeitskultur entsprach grundsätzlich europäischen Standards (40-Stunden-Woche). Für jeden zusätzlichen Arbeitstag konnte ein Tag frei genommen werden. Von mir wurde nicht erwartet, Überstunden zu leisten.
Dennoch arbeitete ich gelegentlich länger oder auch mal am Wochenende, beispielsweise aufgrund eines Lecks in einem Gerät oder wegen des Wartens auf Messdaten. Weiterhin ist bezüglich der Arbeitsatmosphäre anzumerken, dass ich als ausländischer Praktikant von Vorgesetzten in höheren Positionen deutlich bevorzugt behandelt wurde als die einheimischen Kollegen. Dies äußerte sich beispielsweise darin, dass kleinere Regelverstöße meinerseits oder von anderen in meiner Anwesenheit nicht ermahnt wurden, während dies sonst Konsequenzen gehabt hätte. Außerdem wurde ich ca. alle zwei Wochen von Vorgesetzten zum Essen (meist mit der gesamten Laborgruppe nach Feierabend) eingeladen.

Natürlich geht man in der Mittagspause nicht jedes Mal wie am ersten Tag im Restaurant essen. Bei dieser Firma war es normaler Usus, sich etwas zum Eingangstor bestellen zu lassen. Es gab verschiedene Wechat-Gruppen, in denen aus täglich wechselnden Speiseplänen bestellt werden konnte, je

nach Gusto. Auch üblich war es, in nahe gelegene Restaurants zu gehen. Dabei bestellte und bezahlte jedoch jeder für sich selbst und nahm das Essen mit zum Tisch. Außerdem wurde im Büro das Licht gedimmt und die meisten Angestellten schliefen die zweite Hälfte der Pausenzeit.
In den letzten zwei Wochen nahm ich die Arbeiten am Acrylamid-Projekt wieder auf. Eine neue Charge von Reinigungsröhrchen wurde getestet, allerdings wieder mit zu hohen Ergebnissen. Auch meine Betreuerin, die das Projekt weiterführte, erhielt fehlerhafte Daten. So verblieb dieses Projekt bedauerlicherweise bis zum Ende meines Praktikums unbeendet. Im Nachhinein stellte sich heraus, dass das Problem in den Rückständen von Wasser in der Lösungsmittel-Phase lag, welche ins Röhrchen gegeben wurde. Wenn reines Wasser ins Röhrchen gegeben wurde, war der Gehalt extrem erhöht, bei reinem Lösungsmittel nicht. Deshalb konnte ich den Fehler beim separaten Testen nicht bemerken. Der Hersteller wurde daraufhin kontaktiert, da die Materialien eigentlich genau für diese Methode vorgesehen sind.
In der letzten Woche bereitete ich eine Präsentation über die Lebensmittelsicherheit in der Europäischen Union vor. Dabei erläuterte ich beispielsweise den groben Aufbau des europäischen Netzwerks zur Lebensmittelsicherheit, wo und wie auf EU-Regularien zugegriffen werden kann oder welche Labore eine Akkreditierung benötigen. Die chinesischen Kollegen wollten auch wissen, welche Firma in der EU die größte bezüglich Lebensmittelanalysen sei. Meine Betreuerin sagte, dass Chinesen Rankings lieben. Der Vergleich zu anderen wird in China als wichtig angesehen, was sich beispielsweise in Universitäts-Rankings zeigt.
Am letzten Tag gab es nach dem Vortrag noch ein Abschlussessen. Am nächsten Tag musste ich bereits nach Peking zurück, um für mein Bruder der Tourguide zu sein. Zu diesem Zeitpunkt merkte ich einmal mehr, wie sehr sich mein spontanes Chinesisch und das Verständnis des Landes verbessert hatte.
Durch das Praktikum bei SGS in China konnte ich wertvolle Erfahrungen in einem international tätigen Unternehmen im Bereich Lebensmittelanalytik gewinnen. Besonders interessant war die Mitarbeit an der Methodenverifizierung der Acrylamid-Bestimmung. Dadurch konnte ich sowohl theoretisches Wissen bezüglich Methodenentwicklung auffrischen als auch praktische Erfahrungen sammeln. Obschon das Projekt aufgrund unerwarteter Materialfehler nicht so weit vorangekommen ist wie erhofft, konnte ich durch systematische Problemlösung wichtige Erfahrungen im Bereich Forschung und Entwicklung zugewinnen.
Abgesehen von der fachlichen Komponente brachte mich das Praktikum durch den Umstand, dass die meisten Kollegen kein Englisch verstanden, im Erlernen der chinesischen Sprache weit voran. Gleichzeitig lernte ich auch viele Aspekte der chinesischen Kultur kennen. In Anbetracht des extrem hohen organisatorischen Aufwands bezüglich Visumsangelegenheiten und Wohnungssuche empfand ich die selbst gewählte Zeit von 7 Wochen als deutlich zu kurz.
Über die Eindrücke von Chinareisenden gibt es eine Weisheit, die mir ein Deutsch-Dozent in China mal sagte: Nach dem ersten China-Besuch kann man ein ganzes Buch schreiben, nach dem zweiten ein Heftchen und nach dem dritten Besuch nichts mehr.
Für mich war es das vierte Mal. An viele Kulturunterschiede habe ich mich schon gewöhnt. Hoffentlich konnte ich mit diesem Erfahrungsbericht trotzdem den Horizont erweitern.








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