Hola,
bevor ich mich um mein Praktikum in Costa Rica beworben habe, hatte ich sehr wenig Wissen über das Land. Dementsprechend habe ich eine Menge gelernt in meinem sechswöchigen Praktikum. Ein Praktikum im Verfassungssenat erscheint mir ideal, um mit Personen in Kontakt zu kommen, die sich sehr gut mit dem Staat, seinem politischen System, seinen Beziehungen zu anderen Staaten und auch mit seinen Problemen auskennen.
Costa Rica ist seit vielen Jahren eine stabile Demokratie und hat seit dem Erlass seiner Verfassung im Jahr 1949 kein Militär mehr. Auch ist in der Verfassung ein Recht auf Frieden verankert, welches es verbietet, dass sich Costa Rica an militärischen Konflikten beteiligt. Unter anderem deshalb wird Costa Rica auch als die Schweiz von Mittelamerika bezeichnet. Aber auch die teuren Preise und die bergige Geographie könnten zu diesem Namen beitragen. Die starke Kaufkraft führt zu so manchem Phänomen, das mit Stereotypen über lateinamerikanische Staaten bricht. Ein sehr ansehnliches Beispiel kann man im Padel betrachten, ein tennisähnlicher Sport, der in Spanien höchste Popularität genießt und auch in Costa Rica in den letzten Jahren erheblich an Beliebtheit gewonnen hat. So gibt es spanische Padeltrainer, die nach Costa Rica migrieren, weil sie hier deutlich höhere Löhne (bis zu 10.000 $) ausgezahlt bekommen, als in Spanien. Eine solche Entwicklung überrascht doch sehr, wenn man sich vor Augen führt, dass Spanien ehemals Kolonialherr Costa Ricas war. Insgesamt konnte ich feststellen, dass – zu meinem Überraschen – die eigene Kolonialvergangenheit nicht so negativ betrachtet wird, wie das in anderen ehemaligen Kolonien wohl der Fall ist. An dieser Stelle sei allerdings erwähnt, dass eine solche Einordnung sehr subjektiv ist und mein Eindruck dementsprechend stark von den Perspektiven der Person geprägt wird, mit der ich mich über dieses Thema unterhalten habe. Sofern ich das beurteilen kann liegt diese Wahrnehmung daran, dass Costa Rica als Kolonie von sehr geringer Relevanz blieb und dementsprechend weniger Ausbeutung erfahren hat und, dass Costa Rica sich wirtschaftlich und politisch in einer Weise stabilisiert hat, wie es nur in wenigen ehemaligen Kolonien gelungen ist, sodass hier möglicherweise eine Art Survivorship Bias eingetreten ist. Bei aller gesamtwirtschaftlichen Stabilität und starker Kaufkraft ist allerdings nicht zu verschweigen, dass Costa Rica nach dem Gini-Index weltweit eines der Länder mit der größten Verteilungsungleichheit ist.
Mein geschätzter Kollege und bester Freund hier in Costa Rica sagte zu mir: “wenn man eine Volksabstimmung darüber halten würde, ob Costa Rica ein Teil der USA werden sollte, würden die Leute wahrscheinlich ja sagen.” Die Kultur und die Strukturen des Landes sind von einer großen USA-Faszination geprägt. So findet man im Großraum San José eine große Anzahl an Malls, es ist üblich sich mehrmals am Tag essen zu bestellen, US-amerikanische Ketten wie Starbucks, KFC, Burger King, Walmart erfreuen sich großer Beliebtheit und werden als Zeichen des Fortschritts des Landes betrachtet und das Auto ist mit weitem Abstand das beliebteste Transportmittel. Dies schlägt sich auch in den vielen Staus wieder, welche beachtliche Ausmaße angenommen haben. Häufig verdrei- oder vervierfachen sie die Länge des Arbeitswegs vieler Menschen und auch noch spät Abends kann man in einen Stau geraten. Aus diesem Grund bevorzugen viele meiner Kollegen und Kolleginnen die Arbeit im Homeoffice, anstatt ins Büro zu fahren. Dies hat dazu geführt, dass ich während meines Praktikums die einzige Person war, die jeden Tag ins Büro gegangen ist, während ich meine Mitarbeitenden nur ein oder zweimal pro Woche bei der Arbeit gesehen habe. Das Ausmaß der Stauproblematik ist auch eng damit verknüpft, dass es nur wenige und wenn, dann meist sehr unzuverlässige öffentliche Transportmittel gibt und die Menschen somit auf das Auto als Transportmittel angewiesen sind. Insbesondere Fußgängerüberwege sind kaum ausgebaut, sodass man Straßen an einer beliebigen Stelle überqueren muss. Vor dem Hintergrund, dass viele hier nicht sonderlich gut und nicht selten auch rücksichtslos Auto fahren, muss man als Fußgänger dementsprechend vorsichtig sein. Fahrräder sind hier vor allem in Form von Mountainbikes und Rennrädern zum Sport beliebt, allerdings weniger zu Fortbewegung. Kulinarisch hat Costa Rica aus meiner Sicht durchaus das ein oder andere zu bieten, wenngleich viele Ticos (Selbstbezeichnung für Costa RicanerInnen) dies nicht als außergewöhnlich erachten. Es gibt leckere Reisgerichte zu egal welcher Mahlzeit. Zum Frühstück gibt es traditionell Gallo Pinto, das ist Reis mit Bohnen, Zwiebel, Paprika und beliebigen weiteren Zutaten. Rice and Beans, das aus der Karibik-Region stammt wird hier häufig genannt, wenn man nach dem Lieblingsessen fragt. Im Vergleich zu typischen Deutschen Mahlzeiten wie Brot oder auch Müsli ist mit den traditionellen costa-ricanischen Reisgerichten auch ein erheblicher Kochmehraufwand verbunden, allerdings auch für ein leckereres Endprodukt. Im Kontext Essen hat mich besonders die Kultur um das Zähneputzen überrascht. Üblicherweise wird sich hier nach jeder Mahlzeit die Zähne geputzt. Es ist daher nicht ungewöhnlich sein Zahnputzset überall mit hinzunehmen und auch bei der Arbeit auf zähneputzende Personen zu treffen. Sogar im Restaurant habe ich mal einen Kellner gesehen, der sich im Bad zwischendurch die Zähne geputzt hat. Besonders hervorheben möchte ich noch, mit welcher ausgesprochenen Offenheit und Herzlichkeit ich in diesem Land empfangen wurde. Von gleich mehreren KollegInnen wurde ich zu Ausflügen, Wochenendtrips, Stadionbesuchen, in Restaurants, zum Fußballspielen mit Freunden, Partys und vielen weiteren Freizeitaktivitäten eingeladen. Vor dem Praktikum war meine größte Sorge, dass es schwer werden würde Leute kennenzulernen und, dass ich kein Sozialleben haben würde. Diese Sorge wurde durch die Offenheit meiner KollegInnen geradezu pulverisiert. Dies hat mir die Möglichkeit gegeben weitreichende kulturelle Einblicke in die Kultur zu bekommen und große Teile des Landes kennenzulernen. Nicht zuletzt, war das für mich das ideale Szenario, um weiter an meinen sprachlichen Fertigkeiten zu arbeiten. Für diese Erfahrungen bin ich unendlich dankbar, sie haben meinen Aufenthalt zu etwas sehr besonderem gemacht.
Die zahlreichen Ausflüge und Wochenendtrips haben mir die Möglichkeit gegeben, innerhalb meines achtwöchigen Aufenthaltes alle sieben Provinzen des Landes kennenzulernen. Dadurch, dass Costa Rica ein kleines Land ist und die Metropolregion um San José, welche mehr als die Hälfte der Einwohner des Landes beherbergt, genau in der Mitte des Landes liegt, ist es möglich ein Leben in der Großstadt zu führen und am Wochenende Nationalparks, Vulkane oder Strände wahlweise am Pazifik oder an der Karibik zu besuchen. Dies ist sehr willkommen, da San José als Stadt leider nur wenig zu bieten hat. Dafür verleiht die Mischung aus Vulkanen, Bergen, Regenwäldern und Strand dem Land eine sehr besondere Geographie, welche einen Besuch sehr lohnenswert macht. Funfact: trotz seiner Größe verfügt Costa Rica über 5 % der weltweiten Biodiversität. Wenn man eine Reise hierhin plant, sollte man allerdings die Regenzeit beachten. In meinen sechs Wochen in San José hat es knapp drei Mal geregnet, gleichzeitig ist Costa Rica eines der Länder mit dem höchsten relativen Gesamtniederschlag. Was das für die Regenzeit bedeutet bedarf wohl keiner weiteren Ausführung.
Pura Vida! (das kann man hier zu allem Möglichen sagen, insbesondere als Dank, Beschreibung des Gemütszustandes oder Verabschiedung)
(links: Vulkan Irazú; rechts: Blick aus dem Büro auf den südlichen Teil der Stadt)






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