Ich habe ein siebenwöchiges Industriepraktikum im chinesischen Qingdao bei dem Analytikdienstleister SGS gemacht. Im Folgenden schildere ich meine Erfahrungen vor und während dieses Praktikums.
Es war nicht das erste Mal, dass ich nach China flog. Dennoch war das Gefühl ein anderes. Auch hatte ich deutlich mehr Gepäck dabei, denn ich blieb knapp 3 Monate. Nervös war ich nicht, zumindest so lange nicht, bis ich am Flughafen in Peking meinen Trolley vom Band holte. Der Reißverschluss war aufgeplatzt… Da in Peking nur ein Umstieg nach Qingdao stattfand, nahm ich den Koffer lieber mit in die Kabine. Am Anfang fand ich es dumm, dass das Gepäck nicht einfach direkt weitertransportiert werden konnte, wie sonst ja auch üblich. Aber dann hatte ich eher Glück, denn nichts war rausgefallen. Bei der Sicherheitskontrolle wurde leider noch das deutsche Bier einbehalten, was ich als Mitbringsel angedacht hatte… Aber gut.
Glücklicherweise wurde ich am Zielflughafen empfangen. Und zwar von einem chinesischen Freund, dem ich über meine Praktikumsdauer mein Zimmer in Deutschland untervermietet hatte; er flog wenige Tage später nach Deutschland. In den ersten Tagen kam ich im Hotel unter. Jedoch hatte ich mich dazu entschieden, eine eigene Wohnung zu mieten, um dem normalen Alltag hier näherzukommen. Im Nachhinein betrachtet bedeutete das jedoch einen großen Verlust an Lebensqualität. Alleine die Wohnungssuche gestaltete sich sehr schwierig, da die meisten weder für Kurzzeitmiete noch für Ausländer bestimmt waren. Besonders deutlich wurde dies, als ich mit meinem Untermieter eine perfekte Wohnung besichtigte: Kurzmiete, sehr sauber, günstig, gute Lage. Der Vermieter hatte dem Makler schon den Vertrag aufs Handy geschickt; ich musste nur noch unterschreiben. Dann fragte ich, ob ich mit meinem vollen Namen unterschreiben soll
oder in Schnörkelschrift (wie es in Deutschland ja üblich ist). Daraufhin rief der Makler den Vermieter an. Als dieser hörte, dass ein Ausländer die Wohnung mieten wollte, wurde er wütend und lehnte dies ab. Der Makler zeigte noch weitere Wohnungen, die jedoch alle sehr chaotisch waren. Der letzten stimmte ich widerwillig zu, da es ansonsten in diesem Stadtteil keine weiteren geeigneten Wohnungen gäbe. Das Zimmer war richtig dreckig, besonders das Bad. Also putzte ich in den nächsten Tagen das Zimmer, so gut es ging. Auch interessant war, dass die Maklergebühr in Qingdao, anders als in den meisten anderen Städten, bei einer Monatsmiete anstelle einer halben liegt. Für das Zimmer hieß das knapp 200 Euro. Auf diesen Schreck reiste ich erst mal nach Peking, der Hauptstadt Chinas, um deutsche Kommilitonen zu treffen und vor dem Praktikumsbeginn noch ein bisschen vom Land zu sehen.

In China läuft der Ticketkauf, wie auch alle anderen alltäglichen Dinge (Bezahlen von Einkäufen und Restaurantbesuchen, Mietvertrag unterschreiben usw.), online ab. Deshalb darf man auf keinen Fall unvorbereitet nach China reisen. Eine Kreditkarte zum Koppeln mit den chinesischen Apps ist unerlässlich. Übrigens: Auch im Restaurant oder Bubbletea-Laden wird online bestellt. Als Ausländer kann man natürlich auch auf das Gericht auf der Karte zeigen. Die meisten Chinesen gehen aber in den Laden, scannen den QR-Code und bestellen online, ohne ein Wort mit der Person hinter der Theke zu wechseln.
Auch das Bahnfahren in China kann sich kaum stärker als zu dem in Deutschland unterscheiden. Nicht nur, dass die Züge so gut wie immer pünktlich sind, sondern auch die überdimensional großen Bahnhöfe, die fast schon auf einen Flughafen schließen lassen. Es gibt an sämtlichen Bahnhöfen (und auch Metro-Stationen) einen Sicherheitscheck mit Röntgenscanner für Gepäck. Die Ticketpreise ändern sich meist nicht stark, auch wenn man am selben Tag bucht. Und generell sind die Preise günstiger.
Der Südbahnhof in Peking gehört zu den größten Chinas und besitzt 24 Gleise, alle parallel zueinander.

Peking kenne ich nun schon ein wenig und konnte dementsprechend die Touri-Basics auslassen. Interessant hingegen war es, zusammen mit älteren Chinesen am Sommerpalast im Kanal schwimmen zu gehen. Da fühlt man sich fast schon wie ein Local. Leider habe ich nicht beachtet, dass aufgrund des Mondfestes die Hotelpreise extrem angestiegen waren. Also ging ich per Hochgeschwindigkeitszug ins deutlich günstigere Jinan. Diese Stadt ist für ihre vielen natürlichen Quellen bekannt. Wenn man in der „Nähe“ ist, sollte man auf jeden Fall mal vorbeischauen. Weil ich noch eine andere Stadt sehen wollte, ging ich spontan zum Bahnhof und sprach eine Gruppe Gleichaltriger für eine Empfehlung an. Daraufhin fuhr ich in die „Nachbarstadt“ (100 km entfernt) Zibo und suchte auf chinesischem Social Media ein Tagestrip-Programm.
In China sind die meisten ausländischen Social-Media-Dienste (Insta, WhatsApp, YouTube etc.) gesperrt. Dies zu umgehen ist nicht erlaubt, wird aber trotzdem von sehr vielen Chinesen und Reisenden gemacht. Aus Gründen, die mir bis heute ein Rätsel sind, kann ich mit meiner alten SIM-Karte auf WhatsApp Textnachrichten und Anrufe tätigen, Bilder und Audios klappen aber nicht. Als wichtigste Begleiter im Alltag dienen die chinesischen Apps Alipay (zum Bezahlen und Buchen), Gaode (Karten-App, auch Taxis buchbar) und Wechat. Mit letzterer kann man aufgrund sogenannter Mini-Apps, die intern geöffnet werden können, ohne heruntergeladen werden zu müssen, so ziemlich alles machen: Chatten, Videos gucken, Bezahlen, Essen bestellen, Mietangelegenheiten, Hotels, Züge, Flüge und Attraktionen buchen. Spotify kann man übrigens normal nutzen; vor allem Videopodcasts auf Spotify können so manches YouTube-Video ersetzen.
In Zibo wurde ich random von zwei Jungs angesprochen, die ihr Englisch austesten wollten (das passiert öfters mal). Wir kamen gut ins Gespräch und sie nahmen mich den gesamten Tag über mit durch die Stadt. Auf einem Markt probierte ich frittierte Zikaden. Es gab auch Spinnen und Skorpione am Spieß. Jedoch ist dabei ausdrücklich zu sagen, dass dies NICHT eine normale Mahlzeit für Chinesen darstellt, wie es hierzulande oft gemeint wird. Es handelt sich viel mehr um ein Erlebnis für Touristen oder dient als Mutprobe.




Lassen Sie einen Kommentar da