Für mein PJ-Tertial hatte ich Brasilien bewusst ausgewählt, da ich von befreundeten brasilianischen Medizinstudierenden von dem guten Ausbildungssystem im Internato, dem zweijährigen Äquivalent zum Praktischen Jahr, gehört hatte. Und tatsächlich scheinen die Medizinstudierenden hier sehr fit zu sein, denn sie dürfen in vielen Abteilungen vielfältige Aufgaben übernehmen. Während meines Praktikums am Hospital Universitário der UFSC in Florianopolis war ich in zwei Bereichen eingeteilt, der allgemeinchirurgischen Station und der Notaufnahme, was zwei vollkommen unterschiedliche Erfahrungen waren.
Auf Station arbeiteten wir den Residentes, den Assistenzärzten zu. Unsere Aufgabe bestand jeden Morgen vor der Visite in der Dokumentation der Vital- und Laborwerte, der OP Berichte und Diagnostik, die händisch von einem System ins andere kopiert werden sollten. Ich versuchte diese recht eintönige Tätigkeit als Übung in der klinischen Beurteilung zu sehen, als Möglichkeit, mich in die Fälle einzuarbeiten, Auffälligkeiten zu erkennen. Wir visitierten “unsere” Patienten im Anschluss selbstständig, dieser Teil machte Spaß, denn der Umgang mit den Patienten war sehr angenehm und schulte das Portugiesisch enorm. Während der eigentlichen Visite laufen dann gut 20 Ärzte und Studierende von Zimmer zu Zimmer, wobei es sehr schwierig war, überhaupt etwas mitbekommen. Leider mangelte es immer wieder an Koordination, denn es kam wiederholt vor, dass man sich den Nachmittag freihielt, um in Operationen zu assistieren, die OP dann aber ausfiel oder man doch nicht mit an den Tisch durfte.
An einigen Nachmittagen fanden Ambulatorien statt, also quasi Sprechstunden, in denen kleine Eingriffe wie z.B. die Entfernung von Leberflecken, Lipomen oder eingewachsenen Zehennägeln stattfanden. Als PJler durften wir dabei die Patienten selbstständig aufnehmen, untersuchen und unter Anleitung der Residentes auch kleinere Eingriffe durchführen. Diese Tage machten mir sehr viel Spaß, nicht nur wegen der praktischen Anteile, sondern auch wegen des direkten aktiven Patientenkontakts. Ich hätte anfangs nicht gedacht, alleine eine Consulta und eine Patientenübergabe auf Portugiesisch führen zu können.

Die letzten zwei Wochen verbrachte ich in der allgemeinchirurgischen Notaufnahme, wo ich nochmal einen intensiveren Einblick in das Gesundheitssystem und verschiedene Erkrankungen erhielt. Zusammen mit den brasilianischen PJlern war ich dafür zuständig, die Patienten aufzunehmen, sie der Assistenzärztin vorzustellen und erste diagnostische und therapeutische Maßnahmen anzuordnen. Es zeigte sich ein weites Spektrum an Erkrankungen, darunter mir z.T. unbekannte Tropenerkrankungen und ich war immer wieder beeindruckt über das klinische Wissen und die Skills der brasilianischen Studierenden, die die Notaufnahme größtenteils selbstständig schmeißen. Hier macht sich die deutlich praxisnähere Ausbildung mit zwei Jahren PJ bemerkbar. Ich habe von den brasilianischen Studierenden viel gelernt und wäre gerne noch länger in der Notaufnahme geblieben. Hier erlangte ich zudem ein tieferes Verständnis des öffentlichen brasilianischen Gesundheitssystems, abgekürzt SUS, dem „Sistema Unico de Saúde“. Im SUS haben alle Menschen, sowohl Brasilianer als auch Ausländer, kostenlosen Zugang zur medizinischen Versorgung, ein Konzept, das von den Brasilianern sehr geschätzt wird. Das System hat allerdings die Herausforderung, dass elektive Diagnostik und Eingriffe oft mit monate- oder gar jahrelanger Wartezeit verbunden ist. Dies führt dazu, dass viele Brasilianer, die es sich leisten können, eine private Krankenversicherung abschließen. Die bürokratischen Regulationen scheinen mir sehr streng und diagnostische Mittel werden zum Teil ganz anders eingesetzt als in Deutschland. Die Ressourcenknappheit und das hohe Patientenaufkommen wurden in der Notaufnahme besonders deutlich. Für die wenigsten Patienten in der Notaufnahme gibt es Betten, die meisten sitzen auf Stühlen im Gang und viele Patienten liegen stunden-, meist tagelang auf dem Gang. Insgesamt ist es sehr voll und trubelig, aber irgendwie klappt es trotzdem.





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