Bittschreiben von Hilde Schmahl
Bittschreiben von Hilde Schmahl
© 2022 Archivio Apostolico Vaticano, Segr.Stato, Commissione Soccorsi 296, fasc. 120, fol. 46r. - per concessione dell’Archivio Apostolico Vaticano, ogni diritto riservato

Bittschreiben

In den Briefen an Papst Pius XII., an den Vatikan, das Staatssekretariat oder auch an verschiedene andere kirchliche Stellen bitten die Verfasserinnen und Verfasser um finanzielle Zuwendungen, Hilfe bei der Ausreise oder sonstige Unterstützung. Häufig enthalten diese Schreiben bislang unbekannte Informationen über die Situation der Bittstellerinnen und Bittsteller, ihre Biographien, Familienverhältnisse und die erlittene Verfolgung.

Um den weiteren Entscheidungsprozess der katholischen Kirche über den Verlauf des Bittgesuchs nachzuvollziehen, sind intensive Studien in den unterschiedlichsten Serien der vatikanischen Archive nötig. Das weitere Schicksal der einzelnen Personen kann nur mithilfe umfangreicher Recherchen in anderen Quellen und gedruckter Literatur rekonstruiert werden. In vielen Fällen sind die Briefe vermutlich die letzten Ego-Dokumente der Bittsteller vor ihrer Ermordung durch die Nationalsozialisten.

Das Projekt „Asking the Pope for Help“ möchte diese Menschen wieder sichtbar machen und ihnen eine Stimme geben. Im weiteren Verlauf des Projekts werden an dieser Stelle alle Dokumente in einer kritischen Online-Edition vorgelegt.

Emilie Karp

Emilie Karp wendet sich am 26. März 1940 an „Seine Heiligkeit Papst Pius XII.“. Ihr Mann ist Jude; sie erzählt von Ihrer Flucht aus Wien nach Italien. Beide warten auf die Möglichkeit zur Ausreise in die USA. Nun hat sie kein Geld mehr für die Vermieterin. Der Heilige Stuhl hilft ihr: Die Karps erhalten Visa für die Einreise in die USA und reisen am 15. April 1941 von Lissabon aus an Bord der S.S. Nyssa nach New York aus.

Heinrich Reiter

Der Österreicher Heinrich Reiter wendet sich mehrfach an den Vatikan. Als katholischer Nichtarier wurde der Witwer mit seinen Kindern aus Österreich ausgewiesen und findet im Sommer 1939 Zuflucht in Italien. Nachdem seine eigenen Reserven aufgebraucht sind, bittet er in einem Brief am 1. November 1939 um eine Arbeitsmöglichkeit oder Unterstützung. Giovanni Battista Montini, ranghoher Mitarbeiter im Staatssekretariat und der spätere Papst Paul VI., lässt ihm 200 Lire zukommen. Reiter kann sich schließlich nach Rom durchschlagen. Am 6. März 1940 bittet er den Papst persönlich um eine Möglichkeit der Ausreise. Auf das Schreiben Reiters notiert Pius XII. handschriftlich: „A Mons. Dell’Acqua“ – „An Monsignore Dell’Acqua“. Heinrich Reiter und seinem Sohn Johann gelang mithilfe des Heiligen Stuhls am 28. September 1940 die Ausreise nach Rio de Janeiro.

Anna Krinsky

Wenige Tag nach der Wahl Eugenio Pacellis zum Papst erreichte den Vatikan ein französischer Brief an „Seine Heiligkeit Pius XII.“. Absenderin war die junge Jüdin Anna Krinsky, die das Schreiben am 18. März 1939 verfasst hatte. Darin bat sie um Hilfe für ihre „armen Glaubensbrüder, die in anderen Ländern so ungerecht behandelt werden, verfolgt und schmählich aus ihren Wohnungen verjagt“. Außerdem bat die 1902 in Russland geborene und schon vor Kriegsbeginn nach Frankreich emigrierte Frau um Beistand für Israel, das niemals „einen nobleren und mächtigeren Verteidiger haben“ werde als Pius XII. Ihrem Brief legte Anna Krinsky ein sechsstrophiges Gedicht bei. Darauf ist handschriftlich mit Bleistift vermerkt: „N. d. f. Archivio 28 – III – 39“ – Niente da fare, nichts ist zu unternehmen, was zur Ablage des Schreibens führte. Anna Krinsky entkam der Schoah nicht: Sie wurde am 27. Juli 1942 nach Auschwitz deportiert.
 

Karl Nathan

Karl Nathan schreibt am 16. April an die „Ehrwürdige Heiligkeit“, den Papst. Der ehemalige Mitarbeiter des Berliner Verlags Ullstein bittet um finanzielle Unterstützung. Dabei bezeichnet Nathan sich selbst als „aus der jüdischen Religionsgemeinschaft ausgeschieden“. Nathan wird sich am 15. Juli 1940 erneut an den Vatikan wenden, dann allerdings in italienischer Sprache. Sein Bittgesuch wird unterstützt vom Raphaelsverein.

Betty Lange

In völliger Verzweiflung bittet die Jüdin Betty Lange am 6. April 1942 das Staatssekretariat darum, einen Weg zu finden, dass ihre Schwester aus Amerika ihr weiter Geld überweisen kann, oder sie direkt zu unterstützen. Der Sachbearbeiter (Minutant) im Staatssekretariat, Bruno Wüstenberg, bestätigt am 25. April 1942 den Eingang des Briefes, gewährt aber keine Hilfe.

Mario Funaro

Mario Funaro bittet am 2. August 1940 Kardinal Luigi Maglione um Hilfe. Der jüdische Musiker kann aufgrund der Rassegesetze in Italien seinen Beruf nicht mehr ausüben. In seinem auf italienisch verfassten Brief schreibt Funaro, er wisse nicht, an wen er sich sonst wenden solle. Der Heilige Stuhl bewilligt eine Unterstützung von 500 Lire, die über den Erzbischof von Mailand, Ildefons Schuster, ausbezahlt wird.

Regina Toch

Regina Toch und ihr Mann Julius, beide jüdisch, sind aus Wien nach Rom geflohen. Herr Toch hatte einen Schlaganfall und befindet sich im Krankenhaus, wie seine Frau Papst Pius XII. am 27. Februar 1940 berichtet. Das Paar ist mittellos und erhält vom Jüdischen Hilfskomitee zwei Lire pro Tag. Mit Carl Heinemann von der deutschen Gemeinde in Rom Santa Maria dell’Anima stehen sie wegen eines möglichen Übertritts zum katholischen Glauben in Kontakt.

Otto Lucas

Der in London lebende Otto Lucas schreibt am 12. Juli 1943 an Papst Pius XII. Er versucht etwas über den Verbleib seiner jüdischen Eltern zu erfahren, die zuletzt in Amsterdam gelebt haben. Ob der Heilige Stuhl seine Vertreter in Deutschland und Holland beauftragen könne, entsprechende Nachforschungen anzustellen und für ihre Ausreise zu sorgen? Entsprechende Schreiben werden vom Staatssekretariat verschickt. In der entsprechenden Aktennotiz heißt es: „ma senza speranza“ – „aber ohne Hoffnung“.

Margarethe Deutsch

Die Wienerin Margarethe Deutsch hat sich vor der nationalsozialistischen Verfolgung nach Italien gerettet. Dort droht ihr als Jüdin durch die italienischen Behörden die Ausweisung zurück ins Deutsche Reich. Sie schreibt deshalb am 2. Januar 1940 einen ersten italienischen Brief an den Staatssekretär im Vatikan, Luigi Maglione, um Hilfe bei der Flucht nach England zu erhalten. Wie üblich, wendet sich dessen Mitarbeiter Dell’Acqua an den Erzbischof von Mailand, der – da Margarethe Deutsch eine Mailänder Adresse angegeben hat – aus Perspektive des Staatssekretariats für sie zuständig ist. Dieser winkt jedoch ab. Am 26. Januar 1940 wendet sich Margarethe Deutsch erneut an den Staatssekretär und bittet den Heiligen Stuhl wieder um Unterstützung, die ihr jedoch nicht gewährt wird.

Anton Utz

Anton Utz schreibt am 5. April 1940 an die Kanzlei der päpstlichen Nuntiatur in Bern und bittet um Hilfe für die Ausreise seines Freundes Rudolf Schlesinger aus der Schweiz nach Brasilien. Dieser musste aufgrund seines jüdischen Glaubens von Wien in die Schweiz fliehen und dabei seine katholische Frau sowie seinen 11-jährigen Sohn zurücklassen.
 

Fanny Bluschanoff

Fanny Bluschanoff hatte am 26. Februar 1941 eine Audienz bei Papst Pius XII. persönlich und bat ihn dort, ihm ihre Lage darlegen zu dürfen. In einem Bittschreiben vom 1. März schildert die russische Jüdin wie sie von ihrem Mann in ihrer Heimat Danzig verlassen wurde und nun seit einem Jahr in Rom lebt. Da die herzkranke Fanny Bluschanoff kein englisches Visum erhält, um zu ihrem Sohn zu ziehen, der von Danzig nach England auswandern musste, bittet sie Papst Pius XII. um finanzielle Unterstützung. 

Joseph Szafran

Joseph Szafran schreibt am 11. Januar 1943 aus Istanbul an Papst Pius XII. In dem auf Französisch verfassten Schreiben erklärt er, dass sein Bruder sich bereits vor drei Jahren an den Heiligen Stuhl wandte, um die Ausreise ihrer Mutter sowie zweier Geschwister aus Polen nach Palästina zu ermöglichen – aufgrund fehlender Unterlagen allerdings vergebens. Nachdem Joseph Szafran von den britischen Behörden eine Einwanderungserlaubnis nach Palästina erhalten hat, bittet er den Papst erneut um Hilfe bei der Ausreise seiner Verwandten.
 

Hildegard Jacobi

Hildegard Jacobi schreibt am 9. April 1940 aus Rom an Papst Pius XII. Die jüdischstämmige Katholikin bittet den Papst um finanzielle Unterstützung für ihren Sohn, ihren 70-jährigen Vater und sich selbst. Auf dem Schreiben befindet sich eine maschinenschriftliche Notiz, die darauf hinweist, dass das Schreiben zur Weiterleitung an Monsignore Angelo Dell'Acqua im Staatssekretariat bestimmt war.

Siegbert Steinfeld

Siegbert Steinfeld schreibt am 17. Januar 1944 an Papst Pius XII. Der jüdischstämmige Sänger wird von den Nationalsozialisten gesucht und muss sich wochenlang in einer Grotte in Italien verstecken. In seinem fünfseitigen Schreiben bittet er um Asyl, um seinen Verfolgern nicht in die Hände zu fallen.

Elisabeth Einstein

Elisabeth Einstein schreibt am 27. Mai 1940 an das Päpstliche Staatssekretariat. Ihr Mann und auch ihre drei Kinder sind Juden, sie selbst hat sich 1936 in Stuttgart taufen lassen. Sie bittet um finanzielle Hilfe für die Ausreise in die USA.

Hilde Schmahl

Hilde Schmahl schreibt am 11. November 1940 an Papst Pius XII. Sie und ihr Mann sind beide jüdisch. Gemeinsam mit ihrer kleinen Tochter entschlossen sie sich im Oktober 1939 dazu, nach Triest auszuwandern und dort auf die Ausreisegenehmigung in die USA zu warten. Sie bittet um Hilfe bei der Ausstellung eines US-amerikanischen Visums sowie Unterstützung bei der Ausreise.

Martin Wachskerz

Martin Wachskerz schreibt am 20. Dezember 1942 an Papst Pius XII. Als Student der jüdischen Theologie will er Rabbiner werden und bittet um Hilfe für seine Eltern, seinen Bruder und sich.