Echtzeit im Film
Konzeptualisierung, Wirkungsweisen und Interrelationen

- Wissenschaftliches Netzwerk -

Was verbindet den Frühen Film, Hitchcocks Rope (Cocktail für eine Leiche, 1948) und neuere Produktionen wie das Drama Locke (No Turning Back, 2013), den Horrorfilm Unfriended (Unknown User, 2014), den Kriminalthriller Victoria (2015) miteinander? – In ihnen spielt Echtzeit eine, wenn nicht sogar die wesentliche Rolle bei der Bedeutungskonstitution. Doch warum erfährt das Phänomen Echtzeit eine dermaßen hohe Konjunktur in der filmischen Produktion, welche Funktion kommt ihm als Gestaltungsmittel zu, wie ist es analytisch zu bestimmen und adäquat zu beschreiben?

Eine gängige (erzähltheoretische) Definition geht bei filmischer Echtzeit von einer bestimmten Form der Mediatisierung aus, nämlich der Kongruenz zwischen der Zeit der Darstellung und der Zeit des Dargestellten (Filmlexikon der Universität Kiel, Eintrag "Zeitdeckung", 22.02.17). Inzwischen liegen diverse Verfahren des Films vor, um Echtzeit in diesem Sinne zu evozieren: In der frühen Filmgeschichte ist zunächst die Plansequenz das übliche Mittel, das historisch zunehmend durch Schnitte und andere bildästhetische Strategien (wie z.B. split screen) abgelöst wird. In jüngster Zeit ist eine starke Ballung von Filmen zu beobachten, die Echtzeit funktionalisieren – und dies ist nicht nur auf technische Möglichkeiten des digital age zurückzuführen, sondern ebenso auf ein Bedürfnis nach Authentizität.

Das wissenschaftliche Netzwerk „Echtzeit im Film“ – das von Stephan Brössel und Susanne Kaul am Germanistischen Institut der Westfälischen Wilhelms-Universität geleitet wird – hat sich zum Ziel gesetzt, in einem interdisziplinären Dialog zwischen Literaturwissenschaft/Narratologie, Medien- bzw. Filmwissenschaft und Zeit-Philosophie eine Systematisierung des filmischen Echtzeitkonzepts zu erarbeiten.

Im Zuge dessen sollen

  • klare Definitionen von filmischer Echtzeit erarbeitet,
  • Analysekategorien bereitgestellt, operationalisierbar gemacht und angewendet,
  • Filme, Filmgenres bzw. -gattungen oder Aspekte der filmästhetischen Verfasstheit von Echtzeit spezifizierend erfasst,
  • Verbindungen zu Filmproduktion und -rezeption hergestellt und analysiert,
  • Filmpoetologien und Wirkungsweisen von Filmästhetiken über ein singuläres Einzelwerk hinaus aufgezeigt und ausgewertet, 
  • interkulturelle Unterschiede und filmhistorische Bezüge im Umgang mit Echtzeit benannt,
  • intermediale Konstellationen, die für Echtzeit von Relevanz sind, ihre Konstitution und Funktionalisierung bestimmt werden.

Echtzeit im Film soll durchaus in ihrer mehrschichtigen Vielfältigkeit und Heterogenität erfasst werden. Zugleich wird angestrebt, einen wissenschaftlich transparenten Zugang zu legen und exemplarische Analysen vorzulegen, um ihren künftigen Nutzen als Kategorie wissenschaftlicher Auseinandersetzung zu fundieren.

Das Netzwerk wird von der Deutschen Forschungsgemeinschaft gefördert und ist für den Zeitraum von 2015 bis 2018 angesetzt. Publiziert werden die Ergebnisse im Rahmen eines Sammelbandes.

Wissenschaftliche Leitung:

Dr. Stephan Brössel
PD Dr. Susanne Kaul

Westfälische Wilhelms-Universität
Abteilung Neuere deutsche Literatur
- Literatur und Medien -
Germanistisches Institut
Schlossplatz 34
48143 Münster