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Münster (upm/ch)

"Die Hochschulen sehe ich nicht in der Rolle, PR-Feuerwerke abzufackeln"

Prof. Dr. Annette Leßmöllmann zum Thema Wissenschaftskommunikation
Prof. Dr. Annette Leßmöllmann<address>© KIT</address>
Prof. Dr. Annette Leßmöllmann
© KIT

Die Wissenschaftskommunikation verändert sich, der Dialog mit der Öffentlichkeit gewinnt an Relevanz. Was bedeutet diese Entwicklung für die Wissenschaftler, aber auch für die Öffentlichkeit und den Journalismus sowie professionelle Wissenschaftskommunikatoren? Christina Heimken hat bei Prof. Dr. Annette Leßmöllmann nachgefragt. Annette Leßmöllmann hat eine Professur für Wissenschaftskommunikation mit dem Schwerpunkt Linguistik am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) inne und war lange als freie Wissenschaftsjournalistin tätig.

 

Wissenschaftskommunikation wird in einer digitalisierten Zukunft zu einer zentralen Aufgabe für alle Forscher werden. Was kommt da auf die Wissenschaftler zu?

Ich halte digitale Medienkompetenz für sehr wichtig, für jede Bürgerin und jeden Bürger, aber auch für Forscherinnen und Forscher. Denn es wird immer anspruchsvoller, sich verlässliche Informationen zu besorgen und diese im Kontext zu bewerten, was ja unabdingbar für ein vernünftiges und funktionierendes demokratisches Gemeinwesen ist. Und Forscher brauchen diese Kompetenz noch einmal verstärkt dadurch, dass digitale Publikationsweisen jetzt schon ihre Arbeit beeinflussen. Das heißt: Auch die sogenannte interne Wissenschaftskommunikation verändert sich, etwa durch „Open Access“ und durch die Bewertung der Publikationsleistung durch Algorithmen. Man muss sich in Zukunft damit auskennen. Deswegen sage ich: Das gehört zur akademischen Ausbildung angehender Forscher dazu. Und von da ist der Schritt nicht weit, in der Lehre auch das aktuelle Mediensystem und seine Wirkweisen zu thematisieren und die Rolle der Forschung in der Gesellschaft zu problematisieren. Ich bin also ganz klar für Module „Wissenschaftskommunikation“ in den Fachcurricula.

Dass dann trotzdem nicht jeder auf gleiche Weise „nach draußen kommuniziert“, ist auch klar – man sollte auch Neigungen berücksichtigen und in größeren Arbeitsgruppen arbeitsteilig vorgehen. Aber jeder sollte sich damit auskennen, auch in Bezug auf die spätere Karriere im Forschungsmanagement. Denn im Zweifel muss ein Leiter oder eine Leiterin einer Forschungs- oder Arbeitsgruppe diese Tätigkeiten ja auch kompetent delegieren können.

Permanent wird eine Flut von Forschungsergebnissen produziert. Selbst Fachleute müssen in ihrem jeweiligen Gebiet darauf achten, am Ball zu bleiben. Ist es vor diesem Hintergrund nicht problematisch, wenn jeder Wissenschaftler Wissenschaftskommunikation betreibt – wie soll man da den Überblick behalten?

Hier liegt der Hund nicht bei der Wissenschaftskommunikation begraben, sondern bereits bei der Wissenschaft. Sie muss sich überlegen – und tut es ja auch schon –, ob sie weiterhin Quantität vor Qualität stellen will. Der „Publikationsoverkill“ in manchen Wissenschaftszweigen ist problematisch: Da liegt das Problem. Den Überblick zu behalten, ist also eine Herausforderung an sich, auch ohne Kommunikationsaufgaben. Überhaupt sollte man sich von der Vorstellung verabschieden, dass „Wissenschaft“ und „Wissenschaftskommunikation“ zwei getrennte Sphären sind. Gerade durch die Digitalität der Kommunikationsformen wächst hier Vieles zusammen. Daraus folgt: Kompetenz im Umgang mit digitalen Medien kann helfen, diesen Überblick zu bewahren. Überforderungsgefühle kommen immer dann zustande, wenn der wissenschaftliche Nachwuchs sich nicht frühzeitig Werkzeuge und Techniken aneignen kann, um die Informationsflut sicher zu durchwaten.

Welche Rolle spielen hauptberufliche Wissenschaftskommunikatoren, welche Rolle spielen Journalisten?

Der Journalismus ist für ein funktionierendes demokratisches Gemeinwesen substanziell. Ohne die Außenbeobachtung durch Journalistinnen und Journalisten, auch speziell für das Ressort Wissenschaft, werden wir in große Probleme geraten, etwa, wenn Autokraten uns erzählen wollen, was wir denken sollen. Deswegen sollte sich jede Wissenschaftlerin, jeder Wissenschaftler für Erhalt und Ausbau des guten Journalismus‘ einsetzen, anstatt, wie es leider häufig passiert, sich nur über dessen Macken zu beklagen. Und wer hauptberuflich Wissenschaftskommunikation – im Sinne von Wissenschafts-PR oder Medien- und Öffentlichkeitsarbeit – betreibt, wird immer mehr zum Moderator verschiedener Interessen und muss neuerdings auch den Journalismus stärker stützen, da dieser derzeit institutionell schwächelt. Das ist eine Riesenaufgabe, die im Moment teilweise durch Veränderungen in den Hochschul-Kommunikationsabteilungen ausgestaltet wird. Hier sollte die informations- und sachbezogene Information immer im Vordergrund stehen, außerdem sollten Kommunikatorinnen und Kommunikatoren zum Beispiel an Hochschulen in der Lage sein, gesellschaftliche Themen und Impulse aufzunehmen und kommunikativ zu beantworten.

Die Hochschulen sehe ich ganz klar in der Rolle, der Gesellschaft möglichst gute, klare und diskutierbare inhaltliche Impulse und Entscheidungsgrundlagen zu geben – anstatt PR-Feuerwerke abzufackeln, in denen es nur darum geht, die eigene Institution toll darzustellen. Es wäre allerdings auch völlig falsch, der PR zu unterstellen, dass sie nur Letzteres machen würde. Wir führen gerade ein Forschungsprojekt mit Unterstützung der Volkswagen-Stiftung durch, in dem wir durch intensive Leitfadeninterviews die Arbeitsweise und normativen Orientierungen der institutionellen Hochschulkommunikation abfragen. Da kann ich nur sagen: Hut ab, auf wie viel Reflexion und Vorsicht wir da stoßen.

 

Dieser Artikel stammt aus der Universitätszeitung "wissen|leben" Nr. 4, Juni/Juli 2018. Weitere Beiträge zum Thema Wissenschaftskommunikation aus derselben Ausgabe, darunter ein Beitrag von Studierenden über die Umfrage unter WWU-Wissenschaftlern, lesen Sie hier:

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