Gegen das Verschwinden
Sie ist Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 1993, und ihr erster Roman steht in den USA immer wieder auf Zensurlisten. Toni Morrison veröffentlichte „The Bluest Eye“ im Jahr 1970, seither wurde der Roman 116-mal zensiert, 2026 zum Beispiel im Bundesstaat Utah. Er sei für Jugendliche zu explizit. In der Tat ist der Inhalt verstörend: Ein schwarzes Mädchen, das unter Armut, Rassismus und familiärer Gewalt aufwächst, wünscht sich nichts sehnlicher als blaue Augen – im Glauben, nur dann geliebt zu werden. An dieser Sehnsucht und an der Vergewaltigung durch den eigenen Vater zerbricht es. Aber rechtfertigt das die Zensur? „Diejenigen, die Bücher verbieten wollen, thematisieren immer wieder, dass junge Menschen geschützt werden müssten. Aus diesem Grund werden Romane, die schwierige Themen wie ,Race‘ und Sexualität behandeln, sehr stark angefeindet, auch wenn diese Themen in den Büchern angemessen verhandelt werden“, erläutert Dr. Silvia Schultermandl, Professorin für American Studies. „Es geht aber nicht nur darum, Kindern Zugang zu bestimmten Büchern zu verwehren, sondern auch darum, alternative Lebensformen jenseits des weißen ‚Cis-Hetero-Mainstreams‘ abzulehnen und unsichtbar zu machen“, ergänzt ihre Kollegin Dr. Corinna Norrick-Rühl, Professorin für Book Studies.
„PEN America“, ein US-amerikanischer Autorinnen- und Autorenverband, dokumentierte allein im Schuljahr 2023/24 mehr als 10.000 Fälle von Buchentfernungen aus US-Schulen. Was in den Vereinigten Staaten als Streit in einzelnen Schulbezirken begann, ist längst zu einer Art Kulturkampf geworden. Am Englischen Seminar der Universität Münster haben die beiden Professorinnen daraus eine Konsequenz gezogen, die über ihre wissenschaftliche Arbeit hinausgeht. Das von ihnen und zwei Postdoktorandinnen gegründete „Banned Books Network Münster“ (BBNM) verlässt bewusst den universitären Rahmen und sucht die Öffentlichkeit. „Wir fühlen uns aufgefordert, Lesen als Kulturpraxis, aber auch als politisch aktivistische Tätigkeit zu fördern“, betont Silvia Schultermandl. Denn eins sei klar: Es gehe nie allein um Bücher. „Es sind Stellvertreterkriege, die oft anderen politischen Anliegen dienen.“
Das BBNM meidet Hörsäle als Veranstaltungsorte, um auch Menschen außerhalb der Universität zu erreichen. Es nehmen unter anderem Lehrerinnen und Lehrer, Beschäftigte aus Bibliotheken und Kulturinstitutionen oder Studierende anderer Fächer teil. Eine Lehrerin habe nach einer Veranstaltung gesagt, den Input nehme sie direkt mit in den Unterricht, erinnern sich die Professorinnen. „Genau das ist unser Ziel.“ Inzwischen bestehen Verbindungen zur Stadtbücherei und zu Hochschulen im In- und Ausland; knapp 150 Personen stehen im Verteiler.
„Die Taktiken des amerikanischen Kulturkampfs schwappen längst zu uns herüber“, ergänzt Kare Mayurathan. So gerieten zum Beispiel Bibliotheken unter Druck, etwa durch gezielte Mobilisierung gegen Vorlese-Events wie „Drag Queen Story Hours“. Wenn derart gegen Literatur vorgegangen werde, die unbequeme Wahrheiten ausspreche, da sind sich die drei einig, „passiert das aus einer tiefen Angst vor radikaler Empathie“. Wer ein Buch liest, verbringe Zeit im Kopf einer anderen Person und lerne Lebensrealitäten kennen, die oft nicht in ein starres Weltbild passen. „Weil diese Themen schwer im Magen liegen, beenden wir unsere Veranstaltungen gerne mit einer Buchempfehlung. Denn das ist eine konkrete Antwort auf die Frage, was man tun kann: selbst solche Bücher lesen und sich ein eigenes Bild machen“, empfiehlt Corinna Norrick-Rühl.
Autorin: Hanna Dieckmann
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 6, 7. Oktober 2026.