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Auf dem Bild sieht man einen Stapel Bücher, davor ein großes weißes X. Diese Komposition soll Bücherverbote symbolisieren.<address>© stock.adobe.com - Weerapat (Generiert mit KI)</address>
Aktivismus gegen Zensur: Prof. Dr. Corinna Norrick-Rühl und Prof. Dr. Silvia Schultermandl treten mit dem Netzwerk aus der wissenschaftlichen „Bubble“ heraus, um die Öffentlichkeit für zensierte Bücher zu sensibilisieren.
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Gegen das Verschwinden

Das am Englischen Seminar gegründete Banned Books Network gibt in den USA verbotenen Büchern eine Bühne

Sie ist Literaturnobelpreisträgerin des Jahres 1993, und ihr erster Roman steht in den USA immer wieder auf Zensurlisten. Toni Morrison veröffentlichte „The Bluest Eye“ im Jahr 1970, seither wurde der Roman 116-mal zensiert, 2026 zum Beispiel im Bundesstaat Utah. Er sei für Jugendliche zu explizit. In der Tat ist der Inhalt verstörend: Ein schwarzes Mädchen, das unter Armut, Rassismus und familiärer Gewalt aufwächst, wünscht sich nichts sehnlicher als blaue Augen – im Glauben, nur dann geliebt zu werden. An dieser Sehnsucht und an der Vergewaltigung durch den eigenen Vater zerbricht es. Aber rechtfertigt das die Zensur? „Diejenigen, die Bücher verbieten wollen, thematisieren immer wieder, dass junge Menschen geschützt werden müssten. Aus diesem Grund werden Romane, die schwierige Themen wie ,Race‘ und Sexualität behandeln, sehr stark angefeindet, auch wenn diese Themen in den Büchern angemessen verhandelt werden“, erläutert Dr. Silvia Schultermandl, Professorin für American Studies. „Es geht aber nicht nur darum, Kindern Zugang zu bestimmten Büchern zu verwehren, sondern auch darum, alternative Lebensformen jenseits des weißen ‚Cis-Hetero-Mainstreams‘ abzulehnen und unsichtbar zu machen“, ergänzt ihre Kollegin Dr. Corinna Norrick-Rühl, Professorin für Book Studies.

„PEN America“, ein US-amerikanischer Autorinnen- und Autorenverband, dokumentierte allein im Schuljahr 2023/24 mehr als 10.000 Fälle von Buchentfernungen aus US-Schulen. Was in den Vereinigten Staaten als Streit in einzelnen Schulbezirken begann, ist längst zu einer Art Kulturkampf geworden. Am Englischen Seminar der Universität Münster haben die beiden Professorinnen daraus eine Konsequenz gezogen, die über ihre wissenschaftliche Arbeit hinausgeht. Das von ihnen und zwei Postdoktorandinnen gegründete „Banned Books Network Münster“ (BBNM) verlässt bewusst den universitären Rahmen und sucht die Öffentlichkeit. „Wir fühlen uns aufgefordert, Lesen als Kulturpraxis, aber auch als politisch aktivistische Tätigkeit zu fördern“, betont Silvia Schultermandl. Denn eins sei klar: Es gehe nie allein um Bücher. „Es sind Stellvertreterkriege, die oft anderen politischen Anliegen dienen.“

Corinna Norrick-Rühl lächelt in die Kamera. Sie trägt eine schwarze Brille und schulterlanges, braunes Haar.<address>© Fabian Winter</address>
Corinna Norrick-Rühl
© Fabian Winter
Das Zensurverhalten in den USA verschärfte sich Anfang 2025, nicht zuletzt durch die Rückkehr Donald Trumps ins Präsidentenamt. Während die Vorgängerregierung Buchentfernungen bekämpfte, legitimierte er derartige Aktionen. „Aus dieser kollektiven Erschütterung heraus“ sei die Netzwerkidee entstanden, hebt Silvia Schultermandl hervor. Die fachliche Basis gab es längst, neu war der Anspruch. „Wir behandeln diese Themen in Kursen und Publikationen“, erklärt Corinna Norrick-Rühl. „Aber mit der Gründung sind wir aus der wissenschaftlichen ‚Bubble‘ herausgetreten und aktiv geworden.“ Es gehe um den Transfer, damit wissenschaftliche Erkenntnisse ein breiteres Publikum erreichen. Dazu zählt ein Aufsatz zu Kirsten Millers Satire „Lula Dean’s Little Library of Banned Books“. Der Schwerpunkt liegt jedoch auf öffentlichen Veranstaltungen: Vorträgen, Diskussionsrunden, „Book Talks“, Filmvorführungen. Im Oktober findet in Kooperation mit Partnerinnen und Partnern in Münster und Trier die „Banned Books Week“ statt.

Das BBNM meidet Hörsäle als Veranstaltungsorte, um auch Menschen außerhalb der Universität zu erreichen. Es nehmen unter anderem Lehrerinnen und Lehrer, Beschäftigte aus Bibliotheken und Kulturinstitutionen oder Studierende anderer Fächer teil. Eine Lehrerin habe nach einer Veranstaltung gesagt, den Input nehme sie direkt mit in den Unterricht, erinnern sich die Professorinnen. „Genau das ist unser Ziel.“ Inzwischen bestehen Verbindungen zur Stadtbücherei und zu Hochschulen im In- und Ausland; knapp 150 Personen stehen im Verteiler.

Silvia Schultermandl lächelt in die Kamera. Sie hat dunkelbraunes, zusammengebundenes Haar.<address>© Brigitte Heeke</address>
Silvia Schultermandl
© Brigitte Heeke
Die Professorinnen sind davon überzeugt, „dass es einen gesellschaftlichen Wert hat, wenn sich Menschen treffen, lesen und austauschen“. Daher war die Freude groß, als aus dem Kreis der Studierenden ein Ableger entstand. Kare Mayurathan, damals studentische Hilfskraft in der Amerikanistik, rief den „Banned Book(s) Club“ ins Leben. Einmal im Monat trifft sich die Gruppe privat: Was im Café begann, ist mittlerweile ins heimische Wohnzimmer gewandert. Bei Tee und Kuchen lässt sich besser besprechen, was schwer verdaulich ist. Ein festes Programm gibt es nicht. „Wir bringen Textstellen mit, die uns nicht loslassen, daraus entstehen Gespräche“, erklärt Kare Mayurathan. Welche Bücher gelesen werden, entscheidet die Runde per Abstimmung, orientiert an der PEN-Liste. Häufig wird über die Begründungen der Verbote gesprochen. „Gerechtfertigt sind sie nie“, meint er. „Die Zensur schützt nicht die Jugendlichen, sondern bestimmte Teile der Gesellschaft davor, sich mit ihrer eigenen Geschichte auseinanderzusetzen.“

„Die Taktiken des amerikanischen Kulturkampfs schwappen längst zu uns herüber“, ergänzt Kare Mayurathan. So gerieten zum Beispiel Bibliotheken unter Druck, etwa durch gezielte Mobilisierung gegen Vorlese-Events wie „Drag Queen Story Hours“. Wenn derart gegen Literatur vorgegangen werde, die unbequeme Wahrheiten ausspreche, da sind sich die drei einig, „passiert das aus einer tiefen Angst vor radikaler Empathie“. Wer ein Buch liest, verbringe Zeit im Kopf einer anderen Person und lerne Lebensrealitäten kennen, die oft nicht in ein starres Weltbild passen. „Weil diese Themen schwer im Magen liegen, beenden wir unsere Veranstaltungen gerne mit einer Buchempfehlung. Denn das ist eine konkrete Antwort auf die Frage, was man tun kann: selbst solche Bücher lesen und sich ein eigenes Bild machen“, empfiehlt Corinna Norrick-Rühl.

Autorin: Hanna Dieckmann

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 6, 7. Oktober 2026.

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