„Wir wollen eine islamische Theologie mit Verantwortung für Europa entwickeln“
Ein Meilenstein für die islamische Theologie in Deutschland: Aus dem Zentrum für Islamische Theologie (ZIT) wird im Sommer 2026 ein eigenständiger Fachbereich der Universität Münster. Damit gewinnt das Fach nicht nur an neuen Strukturen, sondern auch an Sichtbarkeit und Gewicht. Was das für die Universität und die Gesellschaft bedeutet, erläutert Prof. Dr. Mouhanad Khorchide im Gespräch mit Kathrin Kottke.
Das ZIT ist seit 14 Jahren etabliert und international bekannt. Warum braucht es jetzt einen eigenen Fachbereich?
Weil es mehr ist als nur eine strukturelle Veränderung. Es ist ein starkes Signal der Anerkennung. Damit steht die islamische Theologie institutionell auf einer Augenhöhe mit der katholischen und evangelischen Theologie. Für viele Musliminnen und Muslime in Deutschland ist das ein wichtiger Schritt. Und praktisch bedeutet es, dass wir eigene Promotions- und Habilitationsrechte erhalten, wissenschaftliche Profile eigenständig entwickeln können und Entscheidungen selbst treffen.
Sie sprechen von Augenhöhe. Geht es dabei auch um Selbstbestimmung innerhalb der Universität?
Ja, sehr sogar. Bisher waren wir in größere Strukturen eingebunden, in denen andere über uns mitentschieden haben. Künftig haben wir eigene Gremien, tragen Verantwortung und gestalten selbst. Das verändert nicht nur die Abläufe, sondern auch das Selbstverständnis.
Wenn Sie den neuen Fachbereich in einem Satz beschreiben müssten, wie würde dieser lauten?
Ein Fachbereich, der eine islamische Theologie entwickelt und dabei die Verantwortung für Europa trägt.
Das klingt programmatisch. Was bedeutet ‚Verantwortung für Europa‘ konkret im Alltag von Forschung und Lehre?
Wir betrachten den Islam nicht isoliert, sondern im Kontext der Gesellschaft. Unsere Studierenden setzen sich mit Fragen auseinander, die sie unmittelbar betreffen. Wie lassen sich religiöse Überzeugungen mit demokratischen Werten vereinbaren? Welche Rolle spielen Freiheit und Pluralität im religiösen Selbstverständnis? Wir wollen eine Theologie, die Orientierung bietet. Nicht im Rückzug, sondern im Dialog.
Unbedingt. Theologie darf nicht im sogenannten Elfenbeinturm stattfinden. Sie muss sich einbringen, widersprechen und erklären. Gerade beim Thema Islam gibt es viele Vorurteile und Missverständnisse. Wenn wir uns nicht einmischen, überlassen wir das Feld anderen Stimmen.
Kritiker sagen, die islamische Theologie werde zu stark auf das Thema Integration reduziert.
Das ist eine berechtigte Sorge. Viele wollen nicht, dass die islamische Theologie instrumentalisiert wird und nur für Integration steht. Wir möchten vielmehr – wie die katholische und evangelische Theologie – frei forschen und lehren. Integration ist ein wichtiger Nebeneffekt, aber nicht unser primärer Auftrag.
Und dennoch entfaltet Ihre Arbeit genau dort Wirkung.
Ja, denn eine reflektierte Theologie schafft Orientierung. Wenn die Studierenden sagen, dass sie sich nicht mehr zwischen deutsch und muslimisch entscheiden müssen, dann zeigt das die gesellschaftliche Relevanz. Es geht darum, Zugehörigkeit nicht als Widerspruch, sondern als Selbstverständlichkeit zu erleben.
Sie haben einmal beschrieben, dass Sie ‚zwischen den Stühlen‘ stehen.
Das war lange so. Es gab Misstrauen aus verschiedenen Richtungen: aus den Reihen der Muslime ebenso wie aus der Bevölkerung. Einige fragten, ob an der Universität Münster der ‚richtige‘ Islam gelehrt werde; andere äußerten die Sorge, dass der Einfluss des Islams in Deutschland zunehmen könnte. Unsere Aufgabe war und ist es, diese Bedenken ernst zu nehmen und transparent zu arbeiten.
Hat sich das inzwischen verändert?
Ja, zum Glück. Die Diskussionen sind differenzierter geworden. Viele merken, dass wir sachlich diskutieren wollen und selbstkritisch sind. Das Vertrauen ist gewachsen, auch wenn es natürlich weiterhin kritische Stimmen gibt – und die gehören dazu.
Gab es besondere Momente, die Sie in den vergangenen Jahren geprägt haben?
Davon gab es viele. Ein Beispiel ist die internationale Anerkennung in Form von Besuchen, Gesprächen und Interesse aus unterschiedlichen Ländern. Es gab Besuche von hochrangigen Politikern wie etwa dem ehemaligen Bundespräsidenten Joachim Gauck, der sich sehr für den interreligiösen Dialog interessierte und die damalige Gründung des ZIT begrüßte. Prägende Momente sind auch, wenn nach einer Veranstaltung jemand auf mich zukommt und sagt: ‚Jetzt verstehe ich den Islam anders.‘
Und was ist mit den schwierigen Erfahrungen?
Das ständige Erklären, das Wiederholen und die Vorbehalte können ermüdend sein. Man wird immer wieder in Rechtfertigungssituationen gebracht. Aber ich habe gelernt, das als Teil des Prozesses zu sehen.
Was hat Sie in diesen Phasen motiviert, weiterzumachen?
In erster Linie die Studierenden. Wenn ich erlebe, wie dankbar viele sind, weil sie durch das Studium eine neue Perspektive gewinnen, dann gibt mir das neue Kraft. Das ZIT-Team arbeitet eng zusammen, beinahe wie eine Familie. Das gibt mir ebenfalls Rückhalt.
Sie haben einmal erwähnt, dass Sie kaum Pausen machen.
Ich habe seit vielen Jahren wenig Urlaub gemacht, geschweige denn ein Freisemester eingelegt. Aber ich empfinde das nicht als belastend. Im Gegenteil. Es ist ein Privileg, an etwas zu arbeiten, das gesellschaftlich relevant ist und im besten Fall etwas verändert.
Wo lagen die größten strukturellen Herausforderungen bei der Gründung des Fachbereichs?
Zum einen im Aufbau des Fachs selbst. Die islamische Theologie ist als akademische Disziplin relativ jung, sodass es noch nicht genügend wissenschaftlichen Nachwuchs gibt. Zudem mussten viele Professuren mehrfach ausgeschrieben werden, da wir hohe Qualitätsansprüche haben.
Welche inhaltlichen Entwicklungen wünschen Sie sich für den Fachbereich?
Die klassischen Disziplinen sind gut abgedeckt, es gibt jedoch Ausbaupotenzial. Eine stärkere Beschäftigung mit islamischer Mystik wäre beispielsweise wichtig. Auch interdisziplinäre Ansätze, etwa mit soziologischem Blick auf den Islam in Europa, sollten weiter gestärkt werden. Diese Verbindung der islamischen Theologie mit der Realität ist von zentraler Bedeutung.
Wie wird sich die Universität durch die neue Fakultät verändern?
Sie stärkt das Profil der Universität Münster als ein Ort der theologischen Vielfalt. Drei Theologien an einem Standort eröffnen besondere Möglichkeiten für Austausch und Kooperation. Gleichzeitig brauchen wir das Vertrauen der Hochschulleitung. Vor allem dann, wenn wir kontroverse Debatten führen.
Sie sprechen bewusst von Kontroversen ...
Theologie lebt vom Streit – im besten Sinne. Unterschiedliche Perspektiven auszuhalten und konstruktiv zu nutzen, ist Teil wissenschaftlicher Arbeit. Das gilt auch im interreligiösen Dialog.
Gibt es konkrete Beispiele für solche Dialogformate?
Wir entwickeln derzeit auch außerhalb klassischer Lehrveranstaltungen neue Formate, die Begegnung fördern. Ein Beispiel sind interreligiöse Projekte, bei denen die Studierenden gemeinsam Aktivitäten organisieren. Das Ziel besteht darin, nicht nur übereinander, sondern miteinander zu sprechen.
Steht eine bestimmte Veranstaltung an?
In Kooperation mit dem Fußball-Zweitligisten Preußen Münster möchten wir im Sommer ein Fußballturnier für Studierende und Beschäftigte der katholischen, evangelischen und islamischen Theologie sowie der Sportwissenschaft und für weitere Studierende organisieren. Ein Rahmenprogramm mit Musik, Sport und Kulinarischem soll viele Zuschauerinnen und Zuschauer anlocken.
Durch Aktionen wie diese sind Sie in Münster sehr präsent. Wie erleben Sie diese öffentliche Rolle?
Ich werde oft angesprochen, zum Beispiel im Bus oder auf der Straße, manchmal auch in Situationen, in denen man es eilig hat. Das Interesse ist groß. Das freut mich, auch wenn es manchmal anstrengend ist.
In ein paar Wochen ist es endlich so weit. Wie wird die offizielle Gründung im Sommer gefeiert?
Für mich ist es in erster Linie ein Tag der Dankbarkeit. Ich bin meinen Eltern, meinem Team und der gesamten Universität dankbar. Denn niemand erreicht so etwas allein. Deshalb soll an diesem Tag der bisherige, nicht immer einfache Weg gemeinsam gewürdigt werden.
Was wünschen Sie sich, wenn in zehn Jahren jemand auf diesen Moment zurückblickt?
Ich wünsche mir, dass man sagt: ‚Das war der Anfang einer Theologie, die Brücken baut.‘ Hin zu einem verantwortungsvollen, barmherzigen und offenen Islam, der als selbstverständlicher Teil Europas wahrgenommen wird.
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 3, 6. Mai 2026.