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Münster (upm/anb).
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„Umfragen liefern Hinweise, aber keine Wahrheiten“

Gesprächstechniken und Tipps: Der Soziologe Marko Heyse ist Spezialist für Meinungsforschung

Täglich veröffentlichen Meinungsforschungsinstitute und Forschungseinrichtungen Umfragen – zu anstehenden Wahlen oder zu Themen wie Wehrpflicht und Erbschaftssteuer. Dr. Marko Heyse leitet die Forschungsgruppe BEMA – im Interview mit André Bednarz schildert er die Bedeutung von Umfragen und Gesprächstechniken und gibt Tipps für die Einordnung von Ergebnissen.

Wie blicken Sie als Experte auf die täglich zu lesenden Meinungsumfragen?

Meinungsumfragen sind ein zentrales Instrument, um gesellschaftliche Stimmungen sichtbar zu machen. Gleichzeitig sind sie Momentaufnahmen, die stark von Zeitpunkt der Erhebung, der Fragestellung und Methode abhängen. In der medialen Berichterstattung werden Ergebnisse jedoch häufig verkürzt dargestellt oder überinterpretiert. Umfragen liefern wichtige Hinweise, aber keine Wahrheiten.

Was macht denn eine gute Umfrage aus?

Vor allem für allgemeine Bevölkerungsbefragungen ist es entscheidend, einen Spannungsbogen aufrechtzuerhalten. Fragebögen sollten weder zu viele Aspekte noch zu viele Details abfragen, denn bei allem wissenschaftlichen Anspruch sind Verständlichkeit und Zumutbarkeit für die Befragten zentral.

Und worauf sollten Laien achten, wenn es um die Einordnung von Umfragen geht?

Entscheidend ist zunächst, wer die Studie in wessen Auftrag und mit welcher Methode durchgeführt hat. Selbst wenn eine Befragung methodisch korrekt umgesetzt wird, unterscheiden sich die Ergebnisse je nach Auftraggeber – etwa Gewerkschaften oder Arbeitgeberverbände – häufig deutlich. Dabei spielt auch die selektive Teilnahmebereitschaft eine Rolle, wenn sich also bestimmte Gruppen eher angesprochen fühlen als andere. Im Idealfall sollte auch der konkrete Fragebogen berücksichtigt werden. Insbesondere ,Reihenfolgeeffekte‘ werden häufig unterschätzt: Das Antwortverhalten kann sich erheblich verändern, je nachdem ob zum Beispiel die Frage nach der Notwendigkeit eines neuen Schwimmbads vor oder nach Fragen zur angespannten Haushaltslage einer Stadt gestellt wird.

Wichtiger als die Erhebung ist meist aber die Interpretation der Daten. Zahlen werden verkürzt dargestellt oder gezielt in einen Deutungskontext eingebettet, der sie dramatischer oder positiver erscheinen lässt – in der medialen Berichterstattung, aber auch in wissenschaftlichen Präsentationen, wo mitunter selbst sehr kleinen Unterschieden eine überproportionale Bedeutung zugeschrieben wird.

Für das „Münster-Barometer“ führen Ihre Studierenden Telefoninterviews durch. Wie sieht dabei eine gute Gesprächsführung aus?

Trotz Standardisierung kann und sollte ein zugewandtes Gespräch entstehen, in dem die Befragten ihre Antworten entwickeln – ohne sie zu beeinflussen. Dadurch kann man wichtige Einblicke in die Datengenese gewinnen und beispielsweise erkennen, dass Befragte zwar ausführlich positive Einschätzungen äußern, jedoch mittlere Bewertungen abgeben. Das hilft dabei, die Ergebnisse angemessen einzuordnen, gerade weil Befragungsdaten später in statistischen Verfahren stark verdichtet werden.

Haben Telefoninterviews auch Schwächen?

Dr. Marko Heyse<address>© Uni MS - André Bednarz</address>
Dr. Marko Heyse
© Uni MS - André Bednarz
Alternativen wie Haushaltsbefragungen sind deutlich aufwendiger, während Straßeninterviews meist nicht den Anforderungen an eine repräsentative Stichprobe genügen. Doch auch bei Telefoninterviews ist die Stichprobenziehung herausfordernd, da man oft nicht alle relevanten soziodemografischen Bevölkerungsgruppen erreicht. Darum gewinnen kombinierte Erhebungsdesigns aus telefonischen, postalischen und Online-Befragungen an Bedeutung.

Warum sind Umfragen und Selbstauskünfte trotz der Herausforderungen wichtig für die Forschung und Meinungs(-ab-)bildung?

Umfragen sind unverzichtbar, da sie einen Zugang zu Einstellungen, Wahrnehmungen und Bewertungen eröffnen, die sich nicht direkt beobachten lassen. Viele gesellschaftlich relevante Fragestellungen, beispielsweise zur Sicherheitswahrnehmung oder Wertorientierung, sind auf Selbstauskünfte angewiesen. Mit ihnen können die Sozialwissenschaften Entwicklungen analysieren und vergleichbar machen. Auch im öffentlichen Diskurs erfüllen sie eine wichtige Funktion, indem sie Orientierung bieten und Debatten strukturieren. Gleichzeitig bilden Umfragen nicht nur Meinungen ab, sondern können diese auch beeinflussen. Dies unterstreicht die Notwendigkeit eines bewussten und methodisch informierten Umgangs mit entsprechenden Daten.


Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 2, 1. April 2026.

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