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Münster (upm/anb).
Die Studentin Sabrin sitzt vor einem PC-Monitor, sie spricht in ein Headset und tippt ihre Antworten in ein Umfrageformular.<address>© Uni MS - Linus Peikenkamp</address>
Studentin Sabrin führt ihre Gesprächspartnerin am Telefon freundlich und souverän durch das „Münster-Barometer“.
© Uni MS - Linus Peikenkamp

Die Stadt weiträumig umfragen

Soziologiestudierende lernen im Projektseminar zum „Münster-Barometer“ das Handwerkszeug für Befragungen

Was haben Festnetztelefonie, Post und lineares Fernsehen gemeinsam? Tot sind sie nicht, aber auch nicht mehr so lebendig wie früher. Vor allem ältere Generationen nutzen sie noch, doch neue Technologien verdrängen die alten. Das weiß die Studentin Sabrin aus ihrem Alltag – und erlebt es an einem Märznachmittag im Institut für Soziologie, als sie zum Telefon greift und versucht, jemanden zu finden, der ihren Anruf entgegennimmt. Vergeblich wählt sie acht münstersche Nummern, erst bei der neunten meldet sich eine echte menschliche Stimme. Die vorherigen Anrufe liefen ins Leere: Niemand nahm ab, der Anrufbeantworter sprang an oder die Nummer war nicht mehr vergeben. Riefe Sabrin Mobilnummern an, hätte sie wohl mehr Erfolg – doch dazu später.

Fast hätte Sabrin auch diesen neunten Versuch beendet. Doch nun, mit konzentriertem Blick auf ihren Monitor und einem Lächeln auf den Lippen, trägt die Soziologiestudentin einer 87-jährigen Münsteranerin ihr Anliegen vor: Sie führe im Auftrag der Universität Münster und in Zusammenarbeit mit den „Westfälischen Nachrichten“ eine wissenschaftliche Umfrage durch. Ob sie ein paar Fragen stellen dürfe? Die Seniorin willigt ein und gehört damit zu den rund 180 Personen, die Sabrin und ihre Mitstudierenden in dieser Woche telefonisch für das „Münster-Barometer“ befragen. Seit 1993 erhebt die Forschungsgruppe BEMA des Instituts für Soziologie diese repräsentativen Daten zweimal jährlich. „Das macht sie zu einer der ältesten regelmäßig durchgeführten lokalen Meinungsumfragen in Deutschland“, erklärt Gruppenleiter Dr. Marko Heyse.

Dass Sabrin die Seniorin fragen kann, wie wichtig sie Straßenumbenennungen in Münster findet oder welche Partei sie bei der nächsten Kommunalwahl wählen würde, liegt nicht nur am Telefon. Unter der Leitung von Marko Heyse haben sich die Studierenden des Projektseminars intensiv mit der Wissenschaft der Fragebögen beschäftigt. „Wir wollen, dass die Studierenden Umfragen kritisch beurteilen können“, betont Marko Heyse. Zunächst entwickelten sie den Fragebogen für das aktuelle „Münster-Barometer“. Sie diskutierten Themenblöcke und Hypothesen nach dem Je-desto-Schema. Beispiel: Je konservativer die Person, desto eher ist sie gegen Straßenumbenennungen. „Jedes Thema ist möglich, solange es einen Bezug zu Münster hat. Außerdem achten wir darauf, dass nicht in jeder Umfrage die gleichen Aspekte vorkommen“, schildert Marko Heyse. Das Seminar einigte sich für die Frühjahrsbefragung 2026 auf drei Schwerpunkte: Demonstrationen, Straßenumbenennungen und Mobilität. Hinzu kommen Fragen zur Kommunalpolitik und zum Oberbürgermeister, die Teil jeder Umfrage sind, um Langzeitdaten zu erhalten. Außerdem erheben die Studierenden demografische Daten wie Alter, Geschlecht, Wohnort und Einkommen.

Eine solch große und öffentlichkeitswirksame Umfrage beginnt nicht einfach damit, dass die Studierenden zum Hörer greifen. „Im Pretest haben wir unsere Fragen in der Mensa und unter Freunden sowie Bekannten ausprobiert und dadurch verbessert“, erklärt die Studentin Lisa. Beim Thema Kanalpromenade fiel etwa auf, dass als Aufenthaltsgrund „Hund ausführen“ fehlte. „Das ist wichtig“, erklärt Marko Heyse, „denn viele Menschen sind wegen ihres Hundes dort. ,Spazierengehen‘ allein wäre zu ungenau.“ Dennoch zeige sich oft erst im Telefoninterview, was im Detail nicht funktioniert.

Im kleinen Callcenter in der Scharnhorststraße scheint einiges zu funktionieren. Der Geräuschpegel ist hoch, Fragen und Antwortmöglichkeiten wie „Wie sehr stören Sie persönlich Demonstrationen, wenn zum Beispiel Straßen oder der Hauptbahnhof blockiert sind? 1: ,Stören sehr‘ bis 6: ,stören überhaupt nicht‘“ fliegen durch den Raum. „Beim ersten Interview hatte ich Angst“, gibt Pauline zu. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer seien aber nett, die Telefoninterviews finde sie am interessantesten an diesem Blockseminar. Lisa hingegen gefällt die wissenschaftliche Basis des Unterfangens. „Die Auswertung mit den statistischen Methoden wird mir noch mehr Spaß machen“, schwärmt sie.

Die Auswertung basiert nicht nur auf den Telefoninterviews – geübte Studierende schaffen unter Idealbedingungen etwa 15 pro Sechs-Stunden-Schicht –, sondern vor allem auf postalisch eingereichten Fragebögen. Rund 3.000 davon verpackten die Studierenden in der Vorwoche in Briefumschläge, um sie zu verteilen. Die Forschungsgruppe hat Münster in 40 sogenannte statistische Einheiten, in denen durchschnittlich je rund 2,5 Prozent der Stadtbevölkerung wohnen, unterteilt. 20 der 40 Gebiete suchten die Studierenden auf und verteilten dort die Fragebögen gemäß dem „Random-Route-Verfahren“. Pauline etwa verteilte in Uppenberg oberhalb des Friesenrings 200 Briefe. Dafür folgte sie einer Route, die durch zwei Rechts- und eine Linksabbiegung bestimmt wurde, und versorgte jeden fünften Haushalt mit einem Brief. Voraussichtlich 25 Prozent der Haushalte werden laut Marko Heyse die Fragebögen ausfüllen und zurückschicken oder den QR-Code für die Online-Teilnahme nutzen. „Das ist eine gute Quote, vor allem ohne Ankündigung oder Belohnung“, erklärt Marko Heyse. Da keine Ferien sind, sei mit einer höheren Antwortquote zu rechnen.

18 Minuten dauert Sabrins Interview mit der Seniorin aus Hiltrup. Geduldig wiederholt sie Fragen oder Antworten, erklärt die Skala von 1 bis 6 und führt die Teilnehmerin freundlich durch das Gespräch. Ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen tun es ihr gleich, fleißig telefonieren sie die Listen mit den zufällig erzeugten oder aus früheren Jahren stammenden Nummern ab. Kuriositäten wie fehladressierte Ausführungen, die ein Interview auf 40 Minuten ausdehnen, Hörprobleme oder der Geburtstag einer Teilnehmerin sorgen für Abwechslung. Trotz ihrer Unerfahrenheit im Umfragewesen wirken die Studierenden professionell. „Man muss darauf achten, die Teilnehmer nicht zu beeinflussen, etwa durch die eigene Tonlage“, betont Lisa.

Warum das Projektseminar nur Festnetznummern nutzt und damit vor allem Menschen über 60 erreicht? „Es gibt keine Datenbestände mit Mobilnummern – schon gar nicht für Münster“, erklärt Marko Heyse. Zudem nähmen gerade junge Menschen bei unbekannten Nummern oft nicht ab. „Telefoninterviews sind trotzdem wichtig, weil sie lehren, wie Fragebögen funktionieren.“ Sabrin wählt unterdessen die nächste Nummer – in der Hoffnung, wieder jemanden zu erreichen, der nett und auskunftsfreudig ist.

Das „Münster-Barometer“

Unter der Leitung von Dr. Marko Heyse und Nina Wild führten Studierende der Soziologie vom 25. Februar bis zum 10. März 846 Interviews durch – 442 postalisch, 225 online und 179 telefonisch. Mittels repräsentativer Zufallsauswahl befragten sie die münstersche Bevölkerung ab 16 Jahre. Von ihr wollte die Forschungsgruppe BEMA etwa wissen, wie sie zu E-Scootern, dem Bürgerentscheid zu den Straßenumbenennungen oder der aktuellen Rathauskoalition stehen. Sind Sie interessiert, am nächsten Münster-Barometer im Herbst teilzunehmen? Dann finden Sie online weitere Informationen.

Autor: André Bednarz

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 2, 1. April 2026.

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