|
Münster (upm).
Die Illustration zeigt menschenähnliche Figuren, die unter die Lupe genommen werden.<address>© stock.adobe.com - bakhtiarzein</address>
Viele wissenschaftliche Disziplinen nehmen den Menschen unter die Lupe. Ein wichtiges Instrument, um etwas über ihn zu erfahren und persönliche Daten zu gewinnen, sind Befragungen.
© stock.adobe.com - bakhtiarzein

Mehr als nur Daten

Wie die Forschung Menschen in den Blick nimmt und mit ihren Angaben umgeht – drei Gastbeiträge

Daten sind unverzichtbar für die Wissenschaft. Sie stammen aus Experimenten, Beobachtungen, Simulationen und Messverfahren. Die Forschung erhält Daten und Informationen aber auch direkt vom Menschen – unter anderem durch Selbstauskünfte in Interviews und Umfragen. In drei Gastbeiträgen schildern Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, wie man einen guten Fragebogen erstellt, wann besondere Zurückhaltung in einem Interview angebracht ist und wie man mit riesigen Datenmengen rund um den Menschen umgeht.

 

Psychologie: Fragebögen müssen zuverlässig und aussagekräftig sein

Eine weitverbreitete Methode, um Erleben und Verhalten von Menschen zu untersuchen, sind psychologische Fragebögen. Ob in wissenschaftlichen Studien, Mitarbeiterbefragungen oder Online-Tests: Menschen bewerten dabei verschiedene Aussagen und geben so Auskunft über ihre Persönlichkeit, ihre Einstellungen oder ihre Zufriedenheit. Die meisten dieser Fragebögen folgen einem ähnlichen Prinzip. Sie bestehen aus sogenannten Items, denen Personen in unterschiedlichem Ausmaß zustimmen können. Ein Beispiel wäre das Item „Ich bin gerne alleine“, mit Antwortoptionen von 1 („stimme überhaupt nicht zu“) bis 6 („stimme vollkommen zu“). Mehrere solcher Items werden kombiniert, um eine psychologische Eigenschaft zu messen, etwa Introversion.

Damit ein Fragebogen aussagekräftig ist, müssen die Aussagen klar formuliert sein und jeweils nur einen Aspekt erfassen. Aus den Antworten wird anschließend ein Gesamtwert berechnet. Für sich genommen sagt dieser Zahlenwert jedoch wenig aus. Erst im Vergleich mit den Werten anderer Personen lässt sich einordnen, ob sich jemand eher introvertiert oder extravertiert einschätzt.

Für viele psychologische Eigenschaften existieren inzwischen zahlreiche Fragebögen. Bei der Auswahl eines Instruments in Forschung, Diagnostik oder Praxis ist entscheidend, dass dieses wissenschaftlichen Qualitätskriterien entspricht, etwa hinsichtlich seiner Zuverlässigkeit (Reliabilität) und Aussagekraft (Validität). Gerade populäre Online-Fragebögen erfüllen diese wissenschaftlichen Standards jedoch oft nicht.

Dr. Simon Breil ist geschäftsführender Leiter des Centers for Social Skills und akademischer Rat am Institut für Psychologie.<address>© privat</address>
Dr. Simon Breil ist geschäftsführender Leiter des Centers for Social Skills und akademischer Rat am Institut für Psychologie.
© privat
Zudem sollte berücksichtigt werden, dass Fragebögen in der Regel Selbstberichte sind. Sie erfassen also, wie Menschen sich selbst einschätzen und nicht zwingend, wie sie sich tatsächlich verhalten. Verzerrungen können entstehen, wenn Personen sich bewusst positiver darstellen möchten oder wenn ihnen selbst wichtige Informationen über ihr Verhalten fehlen. Gerade bei zentralen psychologischen Eigenschaften wie Durchsetzungsstärke, Warmherzigkeit oder Stressresistenz reichen Selbstberichte daher oft nicht aus. In solchen Fällen ist es notwendig, auch tatsächliches Verhalten zu erfassen, etwa durch strukturierte Verhaltensbeobachtungen.

Insgesamt sind Fragebögen ein wertvolles Instrument, um Informationen über Menschen zu gewinnen. Entscheidend sind jedoch eine sorgfältige Auswahl der Instrumente und eine Interpretation der Ergebnisse als Selbstauskünfte von Menschen über sich selbst.

 

Theologie: Bei Missbrauchsstudien ist Sensibilität gefragt

Für die Forschung zum Thema Missbrauch, wie es sie gerade in der katholischen Kirche in den vergangenen 15 Jahren gegeben hat, tragen insbesondere „Daten“ von Betroffenen, in diesem Fall Informationen von Menschen mit Missbrauchserfahrungen dazu bei, die entsprechenden Geschehnisse aufzuarbeiten. Diese Daten gewinnt man neben Aktenrecherchen vor allem durch Interviews mit Betroffenen. Dabei liegt es auf der Hand, dass für die Durchführung der sensiblen Gespräche sowohl im Umfeld als auch während der Interviews besondere Sorgfalt vonnöten und verschiedene Vorkehrungen zu treffen sind.

In der Regel handelt es sich um leitfadengestützte narrative Interviews, sodass die interviewte Person bestimmen kann, was sie erzählen und wovon sie nicht berichten möchte. Dabei gehören Empathie und Zugewandtheit trotz der gebotenen wissenschaftlichen Distanz zur notwendigen Grundhaltung der Interviewführung. Das bedeutet konkret, dass man den Gesprächspartner nicht dazu drängt, mehr, detailreicher oder persönlicher zu erzählen. Zudem gilt es, Nachfragen vorsichtig zu stellen. Ferner sollten die Interviewer mit dem Thema und etwaigen Reaktionen und Folgen eines solchen Gesprächs vertraut sein. So können beispielsweise bestimmte Aussagen wie „Trigger“ wirken und Flashbacks oder Re-Traumatisierungen auslösen. Auch deshalb werden die Transkripte den Interviewten nur auf ausdrücklichen Wunsch zur Verfügung gestellt.

Prof. Dr. Judith Könemann und Dr. Bernhard Frings vom Institut für Religionspädagogik und Pastoraltheologie arbeiten derzeit an der Studie „Geistlicher Missbrauch in geistlichen Gemeinschaften“.<address>© Uni MS - André Bednarz</address>
Prof. Dr. Judith Könemann und Dr. Bernhard Frings vom Institut für Religionspädagogik und Pastoraltheologie arbeiten derzeit an der Studie „Geistlicher Missbrauch in geistlichen Gemeinschaften“.
© Uni MS - André Bednarz
Interviews mit Betroffenen sind – auch unter Berücksichtigung forschungsethischer Gesichtspunkte – stets mit großer Aufmerksamkeit vorzubereiten. So sollte etwa die Initiative zum Interview immer von den Gesprächspartnern ausgehen. Es sollte also auf keinen Fall eine Aufforderung der Wissenschaftler erfolgen. Notwendig ist auch eine inhaltliche Aufklärung über das Projekt, aus der deutlich wird, dass die Interviews keine therapeutische Funktion haben und auch nicht haben können. Sinnvoll ist ferner, dafür Sorge zu tragen, dass sich die Betroffenen an eine Person oder Institution wenden können, falls es ihnen im Nachgang des Interviews nicht gut geht. Schließlich sind die üblichen datenschutzrechtlichen Regelungen zu beachten.

Entscheidend ist, dass die Interviewten zu jedem Zeitpunkt das Gefühl der Kontrolle über das Geschehen haben, dass also nicht über sie verfügt wird.

 

Medizin: Die Datenflut beherrschen, um unsere Gesundheit zu verstehen

Rund 200.000 Menschen in Deutschland (davon 10.000 in Münster) nehmen an der „NAKO Gesundheitsstudie“ teil. Sie beantworten Fragen zu Lebensstil, Arbeit, Ernährung und Krankheiten, lassen Untersuchungen durchführen und geben damit der Forschung einen einzigartigen Einblick in das Zusammenspiel von Umwelt, Verhalten und Gesundheit. Doch wie behält man bei dieser Datenflut überhaupt den Überblick?

Tatsächlich entstehen in der NAKO Millionen einzelner Informationen – von Interviewantworten über Messwerte bis zu radiologischen Bildern aus Ultraschall und MRT. Hinzu kommen hochdimensionale Informationen zur Zusammensetzung und Funktion des menschlichen Körpers, sogenannte Omics-Daten.

Um der kaum vorstellbaren Menge der Daten Herr zu werden, braucht es mehr als nur große Server. Moderne IT-Infrastruktur ist zwar unverzichtbar. So werden über große zentralisierte Datenbanken in den Studienzentren erhobene Informationen in Echtzeit sicher gespeichert. Doch reine IT-Kapazität reicht nicht aus, um die Daten Forschenden in einer nutzbaren Form zur Verfügung stellen zu können.

Expertinnen und Experten aus der Epidemiologie, Statistik, Informatik und Medizin arbeiten gemeinsam daran, die Daten so aufzubereiten, dass sie vergleichbar und zuverlässig sind. Schon bei der Datenerhebung spielt die Methodik eine zentrale Rolle. Die Fragen müssen präzise formuliert, Interviews standardisiert und Messungen einheitlich durchgeführt werden.

Prof. Dr. André Karch ist stellvertretender Direktor des Instituts für Epidemiologie und Sozialmedizin.<address>© UKM - Erk Wibberg</address>
Prof. Dr. André Karch ist stellvertretender Direktor des Instituts für Epidemiologie und Sozialmedizin.
© UKM - Erk Wibberg
Auch die weitere Verarbeitung ist mit personellem Aufwand verbunden. Daten müssen qualitätsgeprüft, dokumentiert und mit Informationen aus anderen Quellen abgeglichen werden. Die so aufbereiteten Daten werden dann über geschützte und sehr leistungsstarke Forschungsumgebungen den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern zur Verfügung gestellt. Bei der Auswertung der Daten kommen oft moderne Ansätze aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz zum Einsatz, da sie gut geeignet sind, in großen Datensätzen Muster zu entdecken und damit zum Beispiel Risikofaktoren für Krankheiten zu identifizieren.

Die Bewältigung großer epidemiologischer Datensätze ist also nicht allein ein technisches Problem, sondern das Ergebnis eines Zusammenspiels. Eine leistungsfähige IT, durchdachte Methodik, interdisziplinäre Expertise und nicht zuletzt die Bereitschaft vieler Menschen, ihre persönlichen Informationen der Wissenschaft anzuvertrauen, helfen dabei, aus einer epidemiologischen Datensammlung ein Instrument entstehen zu lassen, mit dem sich unsere Gesundheit besser verstehen und verbessern lässt.

Links zu dieser Meldung