Mehr als nur Daten
Daten sind unverzichtbar für die Wissenschaft. Sie stammen aus Experimenten, Beobachtungen, Simulationen und Messverfahren. Die Forschung erhält Daten und Informationen aber auch direkt vom Menschen – unter anderem durch Selbstauskünfte in Interviews und Umfragen. In drei Gastbeiträgen schildern Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Disziplinen, wie man einen guten Fragebogen erstellt, wann besondere Zurückhaltung in einem Interview angebracht ist und wie man mit riesigen Datenmengen rund um den Menschen umgeht.
Psychologie: Fragebögen müssen zuverlässig und aussagekräftig sein
Eine weitverbreitete Methode, um Erleben und Verhalten von Menschen zu untersuchen, sind psychologische Fragebögen. Ob in wissenschaftlichen Studien, Mitarbeiterbefragungen oder Online-Tests: Menschen bewerten dabei verschiedene Aussagen und geben so Auskunft über ihre Persönlichkeit, ihre Einstellungen oder ihre Zufriedenheit. Die meisten dieser Fragebögen folgen einem ähnlichen Prinzip. Sie bestehen aus sogenannten Items, denen Personen in unterschiedlichem Ausmaß zustimmen können. Ein Beispiel wäre das Item „Ich bin gerne alleine“, mit Antwortoptionen von 1 („stimme überhaupt nicht zu“) bis 6 („stimme vollkommen zu“). Mehrere solcher Items werden kombiniert, um eine psychologische Eigenschaft zu messen, etwa Introversion.
Damit ein Fragebogen aussagekräftig ist, müssen die Aussagen klar formuliert sein und jeweils nur einen Aspekt erfassen. Aus den Antworten wird anschließend ein Gesamtwert berechnet. Für sich genommen sagt dieser Zahlenwert jedoch wenig aus. Erst im Vergleich mit den Werten anderer Personen lässt sich einordnen, ob sich jemand eher introvertiert oder extravertiert einschätzt.
Für viele psychologische Eigenschaften existieren inzwischen zahlreiche Fragebögen. Bei der Auswahl eines Instruments in Forschung, Diagnostik oder Praxis ist entscheidend, dass dieses wissenschaftlichen Qualitätskriterien entspricht, etwa hinsichtlich seiner Zuverlässigkeit (Reliabilität) und Aussagekraft (Validität). Gerade populäre Online-Fragebögen erfüllen diese wissenschaftlichen Standards jedoch oft nicht.
Insgesamt sind Fragebögen ein wertvolles Instrument, um Informationen über Menschen zu gewinnen. Entscheidend sind jedoch eine sorgfältige Auswahl der Instrumente und eine Interpretation der Ergebnisse als Selbstauskünfte von Menschen über sich selbst.
Theologie: Bei Missbrauchsstudien ist Sensibilität gefragt
Für die Forschung zum Thema Missbrauch, wie es sie gerade in der katholischen Kirche in den vergangenen 15 Jahren gegeben hat, tragen insbesondere „Daten“ von Betroffenen, in diesem Fall Informationen von Menschen mit Missbrauchserfahrungen dazu bei, die entsprechenden Geschehnisse aufzuarbeiten. Diese Daten gewinnt man neben Aktenrecherchen vor allem durch Interviews mit Betroffenen. Dabei liegt es auf der Hand, dass für die Durchführung der sensiblen Gespräche sowohl im Umfeld als auch während der Interviews besondere Sorgfalt vonnöten und verschiedene Vorkehrungen zu treffen sind.
In der Regel handelt es sich um leitfadengestützte narrative Interviews, sodass die interviewte Person bestimmen kann, was sie erzählen und wovon sie nicht berichten möchte. Dabei gehören Empathie und Zugewandtheit trotz der gebotenen wissenschaftlichen Distanz zur notwendigen Grundhaltung der Interviewführung. Das bedeutet konkret, dass man den Gesprächspartner nicht dazu drängt, mehr, detailreicher oder persönlicher zu erzählen. Zudem gilt es, Nachfragen vorsichtig zu stellen. Ferner sollten die Interviewer mit dem Thema und etwaigen Reaktionen und Folgen eines solchen Gesprächs vertraut sein. So können beispielsweise bestimmte Aussagen wie „Trigger“ wirken und Flashbacks oder Re-Traumatisierungen auslösen. Auch deshalb werden die Transkripte den Interviewten nur auf ausdrücklichen Wunsch zur Verfügung gestellt.
Entscheidend ist, dass die Interviewten zu jedem Zeitpunkt das Gefühl der Kontrolle über das Geschehen haben, dass also nicht über sie verfügt wird.
Medizin: Die Datenflut beherrschen, um unsere Gesundheit zu verstehen
Rund 200.000 Menschen in Deutschland (davon 10.000 in Münster) nehmen an der „NAKO Gesundheitsstudie“ teil. Sie beantworten Fragen zu Lebensstil, Arbeit, Ernährung und Krankheiten, lassen Untersuchungen durchführen und geben damit der Forschung einen einzigartigen Einblick in das Zusammenspiel von Umwelt, Verhalten und Gesundheit. Doch wie behält man bei dieser Datenflut überhaupt den Überblick?
Tatsächlich entstehen in der NAKO Millionen einzelner Informationen – von Interviewantworten über Messwerte bis zu radiologischen Bildern aus Ultraschall und MRT. Hinzu kommen hochdimensionale Informationen zur Zusammensetzung und Funktion des menschlichen Körpers, sogenannte Omics-Daten.
Um der kaum vorstellbaren Menge der Daten Herr zu werden, braucht es mehr als nur große Server. Moderne IT-Infrastruktur ist zwar unverzichtbar. So werden über große zentralisierte Datenbanken in den Studienzentren erhobene Informationen in Echtzeit sicher gespeichert. Doch reine IT-Kapazität reicht nicht aus, um die Daten Forschenden in einer nutzbaren Form zur Verfügung stellen zu können.
Expertinnen und Experten aus der Epidemiologie, Statistik, Informatik und Medizin arbeiten gemeinsam daran, die Daten so aufzubereiten, dass sie vergleichbar und zuverlässig sind. Schon bei der Datenerhebung spielt die Methodik eine zentrale Rolle. Die Fragen müssen präzise formuliert, Interviews standardisiert und Messungen einheitlich durchgeführt werden.
Die Bewältigung großer epidemiologischer Datensätze ist also nicht allein ein technisches Problem, sondern das Ergebnis eines Zusammenspiels. Eine leistungsfähige IT, durchdachte Methodik, interdisziplinäre Expertise und nicht zuletzt die Bereitschaft vieler Menschen, ihre persönlichen Informationen der Wissenschaft anzuvertrauen, helfen dabei, aus einer epidemiologischen Datensammlung ein Instrument entstehen zu lassen, mit dem sich unsere Gesundheit besser verstehen und verbessern lässt.
Links zu dieser Meldung
- Dr. Simon Breil an der Universität Münster
- Die Webseite des Projekts „Geistlicher Missbrauch in Geistlichen Gemeinschaften“
- Prof. Dr. André Karch an der Universität Münster
- Weiterer Beitrag der Themenseite: Reportage zum „Münster-Barometer“
- Weiterer Beitrag der Themenseite: Interview mit dem Leiter der Forschungsgruppe BEMA
- Die April-Ausgabe der Unizeitung als PDF
- Alle Ausgaben der Unizeitung auf einen Blick