Ein bewegender Start
Eine „Sportskanone“ sei sie nie gewesen, gesteht Susanne Menzel-Riedl – aber sie verspüre durchaus eine „große Portion Bewegungsdrang“. Diesen kleinen Unterschied muss sie an diesem frühen Vormittag nicht weiter erläutern, als wir uns zu dritt aufs Fahrrad schwingen und zu einer universitären Rundtour aufbrechen. Denn dem Fotografen Johannes Wulf und mir ist schnell klar: Zumindest am letzten Teil dieser Selbstbeschreibung ist etwas dran – die neue Rektorin der Universität Münster tritt kräftig in die Pedale, wir kommen zügig voran.
Einerseits ist Susanne Menzel-Riedl vertraut mit Münster und der Hochschule, an deren Spitze sie seit dem 1. Oktober steht: Von 1996 bis 2002 hat sie hier (sowie im Senegal und in den USA) Biologie, Pädagogik und Englisch studiert. Nach ihrer Promotion in Göttingen lebt sie seit 2010 wieder in Münster, seit fünf Jahren im Geistviertel unweit der Hammer Straße. Andererseits nahm sie 2008 einen Ruf an die Universität Osnabrück als Professorin für Biologiedidaktik an und war ab diesem Zeitpunkt auf die Arbeit an der niedersächsischen Hochschule fokussiert; 2019 wurde sie zur Präsidentin gewählt. Zudem hat sich in den vergangenen Jahren an der Universität Münster vieles verändert. Es gibt also auch für sie reichlich zu erkunden. Auf geht’s also vom Schloss über die Hittorfstraße in Richtung „HomaLa“, dem Horstmarer Landweg, wo ein Großteil der Sportanlagen liegt.
Mit Blick auf den sattgrünen Rasenplatz und die rotbraune Tartanbahn steht die erste Pause an. Durchschnittlich zwei Mal pro Woche laufe sie sechs bis acht Kilometer, berichtet die gebürtige Siegen-Wittgensteinerin – auch auf Dienstreisen habe sie oft ihre Laufschuhe im Gepäck. „Ich mag das Gefühl, Städte beim Laufen zu erkunden, aber noch lieber bin ich in der Natur unterwegs.“ Das rührt möglicherweise daher, dass sie in einem kleinen Ort bei Bad Berleburg inmitten des idyllischen und waldreichen Rothaargebirges aufwuchs und dort bis zu ihrem Abitur im Jahr 1995 blieb.
Und während wir an der Wilhelm-Klemm-Straße unweit des Hörsaalgebäudes Chemie die Betriebsamkeit beobachten, kommen wir auf ihre Anfänge an der Uni Münster und auf ihr Studium zu sprechen. Dabei wird schnell klar: Susanne Menzel-Riedl hat ein besonderes Verhältnis zu den Naturwissenschaften. Denn nach einem Semester der Rechtswissenschaften spürte sie seinerzeit, dass dieses Studium für sie nicht passend war. Mit der zweiten Wahl, der Biologie, verhielt es sich anders. „Dieses Fach habe ich von Anfang an ausgesprochen gerne studiert“, betont die 50-Jährige. „Ich habe sehr viel Zeit investiert und mir die zusätzlichen Grundlagenkenntnisse in Chemie und Physik zum Teil hart erarbeiten müssen. Aber es war großartig und lohnenswert.“ Am eindrücklichsten ist ihr gleichwohl die anregende Mischung ihrer Fächer in Erinnerung: die Kombination aus Naturwissenschaften, Pädagogik und Anglistik. „Ich hatte das Gefühl, dass ich innerhalb weniger Stunden in grundlegend verschiedene Welten eintauche.“
Wir biegen in die Albert-Schweitzer-Straße ein, halten uns aber sofort links, um kreuz und quer über den Medizin-Campus zu fahren – ein mehr oder weniger in sich geschlossenes Areal mit zahlreichen Kliniken und Forschungsinstituten, den alles überragenden Bettentürmen, wenig Autoverkehr und vielen Fußgängern. Nicht wenige von ihnen tragen weiße Kittel. Bei ihrer vorherigen Station an der Universität Osnabrück hatte Susanne Menzel-Riedl zwar keine direkten Berührungspunkte mit einem Klinikum oder einer medizinischen Fakultät. „Aber ich bin thematisch einigermaßen im Bilde, zumal ich auch als Vorsitzende der Landeshochschulkonferenz Niedersachsen häufig mit entsprechenden Themen zu tun hatte.“
Für die letzte Etappe lassen wir die Räder stehen. „Lassen Sie uns mal reingehen“, schlägt Susanne Menzel-Riedl an der Petrikirche vor. Gesagt, getan. Wir haben Glück, die Tür ist offen. Wir lassen die Stille auf uns wirken. Für die Universität ist die Petrikirche nicht irgendeine Kirche. Als Kirche des ehemaligen Jesuitenkollegs ist sie die Keimzelle der Hochschule. Aber auch für Susanne Menzel-Riedl hat die im 16. Jahrhundert errichtete Basilika eine besondere Bedeutung: Hier hat sie 2012 ihren Mann Raphael Riedl geheiratet.
Auf die Ruhe folgt der Endspurt, wir müssen zurück zum Schloss. „Sie ahnen gar nicht, wie sehr ich mich darüber freue, jetzt fast immer mit dem Fahrrad zur Arbeit fahren zu können“, sagt sie, als wir am Schlossplatz an einer roten Ampel warten und zahlreiche Radfahrer an uns vorbeiziehen lassen. Doch diesen Punkt versteht man durchaus, wenn man weiß, dass Susanne Menzel-Riedl sich als Dauer-Pendlerin über viele Jahre auf die Deutsche Bahn verlassen musste – und sich nicht selten verlassen vorkam. Mittlerweile weiß sie es genau: Zwischen zwölf und fünfzehn Minuten braucht sie von zu Hause zum Schloss und zurück. Der Markenname ihres Fahrrads passt dabei zu ihrem Bewegungsdrang: Gazelle.
Autor: Norbert Robers
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 6, 7. Oktober 2026.