„Man sollte die Auflagen für pflanzliche Arzneimittel nicht unnötig verschärfen“
Mehr als 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Pharmazie und Medizin sowie Fachleute aus der pharmazeutischen Industrie treffen sich vom 24. bis 26. September zur Jahrestagung der Gesellschaft für Phytotherapie (GPT) auf dem PharmaCampus. Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer kommen aus Deutschland, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz. Prof. Dr. Andreas Hensel, geschäftsführender Direktor am Institut für Pharmazeutische Biologie und Phytochemie der Universität Münster und Präsident der GPT, gibt im Interview mit Christina Hoppenbrock Einblicke in die Tagungsthemen und die Herausforderungen der Phytotherapie.
In den vergangenen Jahren haben wir uns bei unseren Jahrestagungen und Workshops stark auf antiinfektive Wirkstoffe und entsprechende Studien konzentriert. Es gibt aber viele andere Erkrankungen, die häufig weniger Beachtung finden, zum Beispiel entzündliche Darmerkrankungen, Wechseljahresbeschwerden und psychische Störungen. Wir wollen uns jetzt dieser Themen annehmen. Natürlich kann man in drei Tagen nicht alles behandeln. Wir setzen daher Schwerpunkte, darunter Depressionen, Allergien, Magen-Darm-Beschwerden und Schmerzerkrankungen.
Was zeichnet die Phytotherapie aus?
Die moderne, rationale Phytotherapie ist Teil der wissenschaftlich orientierten Medizin. Die entsprechenden Empfehlungen und Anwendungen von Phytopharmaka basieren auf wissenschaftlich nachvollziehbaren Studien und der Erfahrung der Therapeuten. Die Qualität der Präparate darf den gängigen internationalen Arzneimittelstandards nicht nachstehen. Vor allem bei der Behandlung nicht akut lebensbedrohlicher Erkrankungen wie zum Beispiel Erkältungskrankheiten und Magen-Darm-Beschwerden können phytotherapeutische Präparate eine wirksame und nebenwirkungsarme Alternative oder Ergänzung zu chemisch definierten Arzneimitteln sein. Chemisch definiert bedeutet: Es gibt einen konkreten Wirkstoff. Die Zusammensetzung pflanzlicher Arzneimittel ist dagegen meist komplex und durch zahlreiche Naturstoffe aus dem pflanzlichen Extrakt gekennzeichnet. Dies bedeutet, dass bei einer Erkrankung mehrere Angriffspunkte durch die Medikation angesprochen werden können. Man spricht hier von einer ‚Multi-Target-Therapie‘.
Sie möchten die Phytotherapie in Deutschland nach vorn bringen. Hat sie denn hierzulande einen schweren Stand?
Ja. Seit 2004 sind phytotherapeutische Präparate – wie alle rezeptfreien Arzneimittel – von der gesetzlichen Kassenerstattung ausgenommen. Nicht weil sie nicht wirken, sondern weil sie so sicher sind, dass der Gesetzgeber kein großes Risiko im freien Verkauf sieht. Die Logik darin ist verdreht: Weil die Präparate sicher sind, werden sie nicht erstattet. Gleichzeitig werden immer mehr Phytopharmaka in die medizinischen Leitlinien aufgenommen, was nur bei evidenzbasierten Therapien möglich ist.
In vielen Schwellenländern haben pflanzliche Arzneimittel einen höheren Stellenwert. Was kann man von diesen Ländern lernen?
China beispielsweise subventioniert die traditionelle chinesische Medizin sehr stark. In vielen asiatischen Ländern gibt es in Schulmedizinkrankenhäusern immer die Abteilung Naturheilkunde, deren Vertreter alle Patienten aus einem anderen Blickwinkel beurteilen und zusätzlich behandeln. Während bei uns die Auflagen steigen, haben die Behörden in Lateinamerika die arzneimittelrechtlich vorgeschriebene Registrierung komplexer Phytopharmaka erleichtert. Wir sollten uns von diesen Ländern etwas abgucken.
Expertinnen und Experten kritisieren zudem immer wieder, dass pflanzliche Nahrungsergänzungsmitteln in Deutschland nicht reguliert werden. Hat sich die Situation verbessert?
Nein, im Gegenteil. Der Markt in Deutschland wird mit Nahrungsergänzungsmitteln geflutet, die ähnlich wie Arzneimittel aufgemacht sind, aber keine Arzneimittelzulassung besitzen und keinen Wirknachweis. In vielen Fällen haben sie nicht einmal die Qualität, die sie benötigen, um verkehrsfähig zu sein. Dem Verbraucher wird etwas vorgegaukelt. Und das Marktsegment wächst rapide.
Gleichzeitig steigern die europäische Arzneimittel-Agentur und das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte die Anforderungen an Phytopharmaka drastisch. Das gilt auch für etablierte Mittel. Kenner der Branche befürchten, dass pflanzliche Arzneimittel in Deutschland in wenigen Jahren nicht mehr auf dem Markt zu finden sein werden, da die Hersteller die hohen Auflagen zur Aufrechterhaltung der arzneimittelrechtlichen Zulassung nicht mehr erfüllen können und wollen. Es ist beispielsweise viel aufwändiger, zu analysieren, wie ein Komponentengemisch aus einem Phytopharmazeutikum im Körper verarbeitet wird, als sich anzuschauen, was mit einem einzelnen Wirkstoff passiert. Man sollte die Auflagen für komplexe pflanzliche Arzneimittel nicht unnötig verschärfen.