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Münster (upm/bhe).
Dr. Philipp Pabst schaut sich eine frühe Ausgabe der „Bravo“ im Pop-Archiv des Germanistischen Instituts an.<address>© Uni MS – Brigitte Heeke</address>
Dr. Philipp Pabst schaut sich eine frühe Ausgabe der „Bravo“ im Pop-Archiv des Germanistischen Instituts an.
© Uni MS – Brigitte Heeke

"Mit ,Micky Maus' und ,Bravo' suchte man Orientierung im Westen"

Germanist Philipp Pabst über das Jubiläum der beiden populären Printprodukte

Der Gang zum Kiosk lohnte sich in den Augen vieler Kinder und Jugendlicher in den 1950er Jahren, jedenfalls solange es die Eltern erlaubten und das Taschengeld reichte. Denn zwei neue Printprodukte eroberten seitdem hartnäckig die Schulhöfe und Kinderzimmer: Am 29. August 1951, also vor genau 75 Jahren, erschien die erste deutsche Ausgabe des „Micky Maus“-Magazins. Am 26. August 1956, vor 70 Jahren, folgte die erste Ausgabe der Jugendzeitschrift „Bravo“. Über die beiden Jugendmedien sprach Brigitte Heeke mit Dr. Philipp Pabst vom Germanistischen Institut.

Die ,Bravo und das deutschsprachige ,Micky Maus-Magazin feiern in diesem Jahr Jubiläum. So unterschiedlich sie auch sind - gibt es auch Gemeinsamkeiten?

Beide kamen neu nach Deutschland, aus Amerika oder mit amerikabezogenen Inhalten. Auf dem Cover der ersten ,Bravo‘ war Marylin Monroe zu sehen. ,Bravo‘ und ,Micky Maus‘ sind zudem gute Beispiele für die ersten Schritte einer Modernisierung der Nachkriegsgesellschaft. Man suchte Orientierung im globalen Westen. An die Stelle des militärisch-zackigen Bilds der Jugend, das noch aus der NS-Zeit nachwirkte, trat eine etwas lässigere, wenn man so will, eine amerikanischere Haltung. Das traf einen Nerv: Beide Medien waren jedenfalls über Jahrzehnte hinweg auflagenstark.

Die ,Bravo gibt sich selbst den Auftrag und Anspruch, ,die Welt durch die Augen der Jugend zu sehen‘ – spiegelte sich das bereits zur Entstehungszeit im Heft wider?

Zunächst als Programmzeitschrift gestartet, entwickelte sich die ,Bravo‘ rasch zur Starzeitschrift. Wirkliche Beteiligungsformate waren selten zu finden, vielleicht am ehesten bei den Leserbriefen. Die Leserinnen und Leser kürten zudem ab 1957 ihren Lieblingsstar mit dem ,Bravo-Otto‘ des Jahres. Bei der ersten Wahl ging die Trophäe an die Schauspielerin Maria Schell und den zwei Jahre zuvor verstorbenen Schauspieler James Dean. Die Jugend kam ansonsten kaum zu Wort – hier schrieben eher Erwachsene für Kinder und Jugendliche. Es gab zum Beispiel in der ,Bravo‘ der 1950er Jahre eine Rubrik ,Steffis Tagebuch‘. Steffi war jedoch fiktiv und erstaunlich brav. Von den gefürchteten Krawallen Halbstarker keine Spur. Obwohl die Form des Tagebuchs es suggerierte, schrieb ein erwachsener Mensch und sparte dabei nicht an erzieherischen Ratschlägen.

In den Augen vieler Erwachsener waren trotzdem sowohl ,Bravo‘ als auch ,Micky Maus‘ suspekt?

Jugendmedien waren wohl zu allen Zeiten eine beliebte bildungsbürgerliche Zielscheibe von Schmutz- und Schunddebatten. In den Büchereien einiger Städte konnten Jugendliche ihre Comics zusammen mit den ebenfalls verpönten Heftromanen sogar gegen ,richtige‘ Bücher tauschen. Das Ganze trug den düsteren Namen ,Schmökergrab‘…

Verboten wurden die Medien jedoch nicht?

Die ,Bravo‘ kombinierte Inhalte, die die Jugend interessierten – etwa über amerikanische Stars – mit erzieherischen Ratschlägen. Aus der Forschungssicht der ,Material Philology‘ ist es heute interessant zu schauen, wie diese Elemente dann nebeneinander im Layout wirken. Manchmal versuchte die Redaktion auch, Star-Content und Pädagogik zu verbinden. So legte sie beispielsweise Elvis Presley erfundene Zitate in den Mund, sinngemäß: ,Geht gerne auf Konzerte, liebe Fans, aber bitte zieht anschließend nicht wieder marodierend durch die Straßen der Stadt.‘ Mit diesem Mix schielte man wohl auch darauf, möglichst nicht auf dem Index zu landen. Die Elemente von Nacktheit, auch die berüchtigten Fragen an den vermeintlichen Dr. Sommer zur Sexualität, waren erst ab 1969 mit im Blatt. Das wäre in den 50ern undenkbar gewesen und sofort indiziert worden.

Im Pop-Archiv des Germanistischen Instituts kann man mehrere Jahrgänge der ,Bravo‘-ansehen – wie weit reicht es zurück, und was wird daran erforscht?

Unsere Erstausgabe der ,Bravo‘ ist nur ein Nachdruck, aber ab 1957 haben wir viele Originale. Darüber hinaus haben wir Exemplare und Jahrgänge anderer populärkultureller Zeitschriften, darunter viel Musikpresse. Zu uns kommen Studierende, Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler unterschiedlicher Disziplinen, die popkulturelle Phänomene des 20. Jahrhunderts untersuchen oder in der Lehre einsetzen. Das Archiv ist klein gestartet und mittlerweile auf 100 Zeitschriften mit weit über 1.000 Heften angewachsen.

 

Hintergrund:

Der Lehrstuhl von Prof. Dr. Moritz Baßler archiviert populärkulturelle Zeitschriften wie Spex, konkret, Bravo, Twen, Titanic u.a. Die Bestände geben Aufschluss über kulturelle Paradigmen und die diskursive Situation der Bundesrepublik und der DDR. Der Umfang der Sammlung wird kontinuierlich erweitert. Neben den zahlreichen Magazinen stehen Interessierten im Pop-Archiv Monografien, Sammelbände und Anthologien der Populärkultur zur Verfügung. Die Titel widmen sich dem breiten Spektrum des Pop von der Beat-Szene der 1960er Jahre über die Riot-Grrrl-Bewegung der 1990er Jahre bis zu aktuellen Phänomenen wie dem neuesten deutschen Lied. Das Pop-Archiv steht allen Studierenden und Dozenten der Universität Münster für Recherchen und Forschungsvorhaben offen. Es wird im Master „Kulturpoetik der Literatur und Medien“ und darüber hinaus regelmäßig in die Lehre eingebunden.

Veranstaltungshinweis:

Vom 11. bis 13. März stehen Zeitschriften aus den USA und Deutschland im Mittelpunkt der Konferenz „Mid-Century Magazine Culture in Germany and the US“ an der Universität Münster.

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