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Münster (upm/tz).
Das Bild zeigt Michael Solder in seinem Antiquariat zwischen Bücherreihen.<address>© Uni MS - Linus Peikenkamp</address>
In Michael Solders Antiquariat finden sich Schätze, die bis ins 15. Jahrhundert zurückverfolgt werden können.
© Uni MS - Linus Peikenkamp

Kammerherr der Krimi-Kulisse

Alumnus Michael Solder betreibt das Antiquariat, in dem die Fernsehserie „Wilsberg“ gedreht wird

Am Ende der münsterschen Frauenstraße, kurz bevor sie in den Überwasserkirchplatz übergeht, tummelt sich regelmäßig Jung und Alt, um ein unscheinbares Antiquariat zu fotografieren. Auswärtigen mag das komisch vorkommen, doch die meisten Münsteranerinnen und Münsteraner wissen: Das Antiquariat Solder ist seit fast 30 Jahren bundesweit vielen Krimi-Fans als Kulisse der TV-Serie „Wilsberg“ bekannt. Und was findet dort in der Zeit statt, in der Wilsberg und sein Kumpel Ekki nicht gerade fahnden und ermitteln? Wenn es nicht für Dreharbeiten zweckentfremdet wird, sitzt Besitzer Michael Solder an seinem Schreibtisch und kümmert sich um seine Geschäfte.

Der gebürtige Westfale und sein Unternehmen sind inzwischen kaum noch aus dem Stadtbild wegzudenken. Ihn selbst zog es erst für das Studium nach Münster. Michael Solder erlebte seine Jugend in Dülmen – die Nähe dorthin war aber nur einer von mehreren Faktoren bei der Auswahl des Studienortes. Das „überragende philosophische Studienangebot“, insbesondere das der antiken Philosophie, sprach ihn an. Anfang der 90er-Jahre wälzte er nicht nur die Bücher, die er für sein Philosophiestudium mit den Nebenfächern Psychologie und katholische Theologie brauchte; auch in der vorlesungsfreien Zeit setzte er sich gerne mit Literatur auseinander. Das Antiquariat, das bereits vor seiner Übernahme bestand, war zu dieser Zeit gleichzeitig Arbeitsstelle und Wohnort. „Der damalige Besitzer hatte mir die darüberliegende Wohnung zur Verfügung gestellt“, erzählt Michael Solder. „Morgens schrieb ich oben an meiner Magisterarbeit. Nachmittags ging ich runter, um den Laden aufzuschließen.“ Noch während seines Studiums entschied sich der Vorbesitzer für ihn als Nachfolger, da er seinen Laden aufgrund gesundheitlicher Beschwerden aufgeben musste.

Eine gute Wahl, denn das Geschäft erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit. Die Laufkundschaft nimmt jedoch nur selten die teils Jahrhunderte alten Einzelstücke mit, die Michael Solder vor Ort und in seinem Lager in Handorf aufbewahrt. Das „richtige“ Geschäft findet auf Messen und im Online-Handel statt. „Meine besten Kunden sind Bibliotheken, Sammler oder andere Einrichtungen auf der ganzen Welt“, erklärt der 58-Jährige. „Die Begeisterung von Fachleuten und der Austausch mit den Vertretern der Buchbranche sind mit Abstand die schönsten Aspekte meines Jobs.“ Auf der Frankfurter Buchmesse hatte er sogar eine kurze und einprägsame Unterhaltung mit dem italienischen Autor Umberto Eco, der mit seinem Werk „Der Name der Rose“ Weltruhm erlangte.

Michael Solder freut sich, wenn er seine fachliche Expertise in seinem Beruf anwenden kann. Bei philosophischer Literatur steht er Interessierten mit Wissen von Sokrates bis Kant beratend zur Seite. „Häufig ist die Geschichte hinter dem Buch spannender als das Buch selbst“, sagt der Antiquar. Bei der Recherche alter Schriften arbeitet er deshalb gerne mit der Universität Münster zusammen. „Die meisten Hintergründe finde ich selbst heraus. Aber um antike Texte zu transkribieren, hole ich mir Unterstützung von einem Studenten, der Experte für Handschriften ist.“ Im vergangenen Jahr konnte Alumnus Michael Solder seiner Alma Mater etwas zurückgeben. Am Englischen Seminar hielt er einen Vortrag über Buchhandel als Form des Widerstandes. Diese Gelegenheit erfüllte ihn neben Freude und Ehre auch mit Ehrfurcht vor dem fremdsprachigen Referat.

Bis zu dreimal im Jahr dreht das ZDF-Team Fälle um den von Leonard Lansink verkörperten Titelhelden Wilsberg. „Als die Anfrage im Jahr 1998 kam, konnte ich mir kaum vorstellen, dass mein Geschäft spannend genug fürs Fernsehen ist“, gesteht Michael Solder. Schon kurz danach war Georg Wilsberg kaum noch ohne sein Antiquariat denkbar. Der „echte Wilsberg“ durfte sogar schon zweimal selbst mitspielen. „Während der Coronapandemie habe ich einen Kunden in meinem eigenen Laden gespielt. Das war ein merkwürdiges Gefühl.“ Die Drehs sind längst Routine für ihn. Gleichwohl ist er dankbar für die Aufmerksamkeit, die sein Antiquariat durch die Serie bekommt. „Interessenten und Verkäufer erwähnen häufig, dass sie meine Sammlung im Fernsehen gesehen haben“, sagt er. „Ein Sammler hat sogar mal ein Buch im Hintergrund entdeckt, nach dem er schon lange gesucht hatte.“ Nur eine Frage hat Michael Solder inzwischen oft genug beantwortet. „Nein“, bemerkt er scherzhaft, „Herr Wilsberg arbeitet heute nicht.“

Autor: Tim Zemlicka

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 5, 22. Juli 2026.

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