Geschichten der islamischen Welt
Die Vitrinen sind die meiste Zeit über mit dicken schwarzen Tüchern abgedeckt, denn der Inhalt ist lichtempfindlich: Rund sechzig historische Objekte aus der islamisch geprägten Welt sind dort verwahrt. Sie stammen aus einem Zeitraum von 1.300 Jahren und gehören zur Sammlung des Instituts für Arabistik und Islamwissenschaft am Fachbereich Philologie. Die dortigen Forscherinnen und Forscher ergründen islamische Kulturen, arabische Literatur, Religion, Kunst und das islamische Recht aus konfessionsneutraler Perspektive.
An diesem Freitagvormittag hat die Islamwissenschaftlerin Dr. Monika Springberg die Überwürfe der Vitrinen abgenommen. Sie sitzt im Seminar „Wissenschaftliche Erschließung der Institutssammlung“ mit Marit Roß und zwei weiteren Studierenden an dem Tisch in der Mitte des Raums. „Wir haben einige Informationen zu den Objekten, beispielsweise zum Alter oder zur Herkunft“, verrät sie. „Aber großteils sind sie unerforscht.“ In Seminaren wie diesem sollen die Studierenden auf Spurensuche gehen und mehr herausfinden. Zum Beispiel: Wer hat das Objekt erstellt? Zu welchem Zweck wurde es genutzt? Kann man daraus etwas über die Lebensumstände ableiten? Welche Geschichten erzählen die Objekte?
Andere Stücke der Sammlung taugten dagegen wohl nicht als Statussymbol. „Die würde man auch nicht in den prominenten Vitrinen eines Museums sehen“, unterstreicht die Islamwissenschaftlerin. Ein Beispiel sei ein unvollendetes Koranblatt ohne Malerei aus dem Osmanischen Reich. Die arabische Schrift wirke auffällig gestaucht. Vielleicht war ein Anfänger am Werk, dessen Arbeit verworfen wurde? „Mithilfe solcher Stücke kann man die damalige Arbeitsteilung nachvollziehen. Erst tat ein Schreiber seinen Dienst, dann setzte jemand einen Rahmen um den Text, dann folgte das Dekor.“ Für eine aufwändig illuminierte Koranhandschrift, schätzt Monika Springberg, waren mehrere Arbeiter ungefähr ein Jahr lang tätig – vom Schöpfen des Papiers bis zur kunstvollen Bindung.
Gegen Mittag verabschieden sich die Studierenden. Monika Springberg legt die Exponate zurück in die Vitrinen und breitet die Tücher darüber aus. In den nächsten Wochen werden Marie Rösner, Marit Roß und Maximilian Schesler ihren Ideen weiter nachgehen. Sie haben so viele Forschungsansätze, dass sie zahlreiche Hausarbeiten damit füllen könnten.
Autorin: Christina Hoppenbrock
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 5, 22. Juli 2026.
Die Sammlung des Instituts für Arabistik und Islamwissenschaft
Die Sammlung des Instituts für Arabistik und Islamwissenschaft umfasst unter anderem vollständige Korane sowie Koranfragmente (die ältesten entstanden zwischen 700 und 750 n. Chr.), Handschriften zu Theologie, Philosophie und Rhetorik, ägyptische Grabsteine aus dem neunten und zehnten Jahrhundert sowie Metallobjekte. Den Hauptbestandteil der Sammlung bildet eine Stiftung von Dr. Norbert Heinrich Holl, Ehrendoktor des Fachbereichs Philologie und ehemals deutscher Botschafter.
Ein Team von studentischen Hilfskräften widmet sich unter der Leitung von Dr. Monika Springberg der wissenschaftlichen Erschließung der Sammlung. In Seminaren haben alle interessierten Studierenden die Möglichkeit, an den Objekten erste Forschungserfahrungen zu sammeln. Führungen durch die Sammlung sind nach Absprache möglich (Kontakt: springberg@uni-muenster.de).