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Münster (upm/anb).
Das Symbolbild zeigt ein Kind, das mit einem Bleistift schreibt.<address>© stock.adobe.com – romylee</address>
Dr. Necle Bulut erforscht, wie wir Schreiben lernen, welche Rolle das Handschreiben spielt und wie Lehrkräfte den Schriftspracherwerb fördern können.
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Das Schreiben verstehen

Die Sprachdidaktikerin Necle Bulut ist Expertin für Schriftsprache

Necle Bulut war sieben Jahre alt, als sie mit ihrer Familie aus Syrien nach Deutschland kam. Bald besuchte sie hier die Schule und lernte, Deutsch zu lesen und zu schreiben. Sie staunte, wie schnell ihr das gelang – und wie schwer es ihrer Mutter fiel. „In Syrien war es nicht ungewöhnlich, dass vor allem Frauen weder lesen noch schreiben konnten. Für meine damals 40-jährige Mutter änderten sich die Anforderungen in Deutschland schlagartig“, erzählt Dr. Necle Bulut heute. Sie erinnert sich, wie ihre Mutter oft tief gebeugt und mit verkrampfter Hand über dem Papier saß. Helfen konnte sie ihr nicht. Doch diese Erfahrung ließ sie nicht mehr los und trug dazu bei, dass sie Germanistik studierte und sich als Wissenschaftlerin auf Schrift und Schreiben spezialisiert hat.

Das Bild zeigt einen Scan. Auf ihm sind zwei Gedichte in Buntstiftfarben zu sehen.<address>© privat</address>
Das Schreibenlernen ist ein langer Prozess: Der achtjährige Mattis hat in der Schule Gedichte aufgeschrieben.
© privat
 Der achtjährige Mattis ist ebenfalls ein Schreibfan. Seine Gedichte „Schneeflockentanz“ und „Das Rentier“ leuchten in fünf Buntstiftfarben und bekommen von Necle Bulut eine gute Bewertung. Nur zur Veranschaulichung beurteilt sie die Abfolge, Größe und Abstände der Buchstaben, die Rechtschreibung und den Inhalt der Gedichte. „Das Kind ist schon recht weit“, meint sie, betont aber auch, dass sie keine Handschriftendeuterin sei. Außerdem untersucht sie für ihre Forschung keine fertigen Texte, sondern den Schreibprozess – je nach Forschungsfrage verbindet sie dabei unterschiedliche Methoden, etwa digitale Stifte, Videoaufzeichnungen oder Gespräche mit Kindern, Lehrkräften und Studierenden. Doch der bunte Druckbuchstabentext des Grundschülers Mattis eignet sich, um ihren Forschungsschwerpunkt zu erklären und daraus grundlegende Fragen abzuleiten. Was bedeutet Schreiben für sie? „Es ist ein Mittel zur Reflexion, eine Möglichkeit, zu lernen und den Alltag zu verarbeiten – und ein Teil meines Berufs.“ Sie erforscht, wie wir Schreiben lernen, welche Rolle das Handschreiben spielt und wie Lehrkräfte den Schriftspracherwerb fördern können. „Schreiben kann auch anstrengend sein“, gibt sie zu bedenken.

Der Mensch sei fürs Schreiben eigentlich nicht gemacht. Sprechen lernen wir intuitiv durch unsere Kontakte mit der Umwelt. „Schreiben dagegen müssen wir uns mit Werkzeugen und Anleitung erarbeiten“, erklärt Necle Bulut. Diese Anleitung bekommen auch Mattis und die siebenjährige Grundschülerin Helena. Beide erleben Hürden beim „graphomotorischen Prozess“. Damit ist der manuelle Akt gemeint: die Verbindung von Hirn und Hand, das Halten des Stifts, das Formen der Buchstaben. „Ich schreibe mit Links. Manchmal verschmiert die Schrift, dann kann man sie schlecht lesen, und meine Hand wird dreckig“, erzählt Helena. Sie schreibt deshalb lieber mit Bleistift. Mattis berichtet, dass ihm die Hand wehtue, wenn er lange Texte schreibt.

In ihrer Monografie „Schreiben“ beschäftigt sich Necle Bulut mit solchen Herausforderungen und stellt die verschiedenen Ebenen des Schreibprozesses dar. Ob mit Stift, Smartphone oder Tastatur – die meisten Menschen formen oder tippen Buchstaben automatisiert. Das ist wichtig, denn wer nicht mehr über die Ausführung einzelner Buchstaben oder die richtige Schreibweise von Wörtern nachdenken muss, kann sich auf komplexere und kreativere Prozesse wie Planen, Formulieren und Überarbeiten konzentrieren und läuft weniger Gefahr, dass Gedanken verlorengehen, ehe sie das Papier erreichen. „In der Grundschule und oft noch in den Klassen 5 und 6 ist der Schreibprozess dagegen noch nicht vollständig automatisiert, die Kinder stehen gleichermaßen vor motorischen und sprachlichen Hürden“, erklärt Necle Bulut. Deshalb sei es wichtig, dass nicht nur angehende Grundschullehrkräfte, sondern auch Lehramtsstudierende anderer Schulformen für diese Voraussetzung zur Textproduktion sensibilisiert werden. Das sei auch ein Wunsch vieler Studierender, die auf die anspruchsvolle Diagnose und den Umgang mit Schreibschwierigkeiten in den Schulen vorbereitet werden möchten. Gleichzeitig verdeutlicht die Erfahrung von Necle Buluts Mutter, dass Schreibschwierigkeiten nicht nur Kinder betreffen. Die Studie „LEO 2018“ ergab, dass rund 6,2 Millionen Deutsch sprechende Erwachsene gering literalisiert sind, also „allenfalls bis zur Ebene einfacher Sätze lesen und schreiben“ können.

Porträtbild von Necle Bulut<address>© Thomas Mohn</address>
Dr. Necle Bulut
© Thomas Mohn
Das Thema bewegt aber nicht nur die Wissenschaft. Rund um den Welttag der Handschrift am 23. Januar ist Necle Bulut eine gefragte Interviewpartnerin. Sie erklärt die Grundlagen des Schreibens und räumt mit Mythen auf. Dabei stellt sie fest, dass das Thema oft emotional diskutiert wird. „Es geht um die vermeintliche Konkurrenz zwischen Hand- und Tastaturschreiben und die Sorge, dass ersteres aussterben und als Kulturgut verloren gehen könnte.“ Sie hält wenig davon, die beiden Ansätze gegeneinander auszuspielen. „Das Handschreiben bleibt im Anfangsunterricht unverzichtbar, weil es grundlegende Kompetenzen fördert“, erklärt Necle Bulut. Es helfe Kindern, sich Buchstabenformen einzuprägen und sie sicher mit Lauten zu verknüpfen. Zudem fördere das langsamere Schreiben, Informationen zu verarbeiten und eigene Gedanken zu entwickeln. Diese Zusammenhänge stellte 2024 auch eine norwegische Studie heraus. Sie zeigte, dass bestimmte Hirnareale beim Handschreiben stärker aktiviert werden als beim Tastaturschreiben. Für Necle Bulut bleibt das klassische Schreiben mit dem Stift darum auch in einer digitalisierten Welt unverzichtbar. „Erst durch die erworbenen Fähigkeiten können wir Werkzeuge wie künstliche Intelligenz sinnvoll nutzen und ihre Ergebnisse prüfen.“

Es gebe schlicht nicht die eine Methode für alle. Man sollte vielmehr die Vielfalt der Werkzeuge nutzen. Auch die Tastatur habe Vorteile, etwa für Menschen, die aus körperlichen Gründen nicht mit einem Stift schreiben können. Johann, 18 Jahre alt, schätzt das Tastaturschreiben ebenfalls. „Es ist schneller und schöner“, sagt er. Außerdem hat der Oberstufenschüler so alle Hausaufgaben und Notizen auf dem Tablet. Gleichzeitig findet er, dass längere Texte, etwa in Klausuren, mit der Hand anstrengender zu schreiben sind. Und doch fühle sich für ihn das Schreiben auf Papier einfacher an als auf dem Tablet. Warum ist das so? Während Papier beim Schreiben mehr Reibung bietet, gleitet der Stift auf dem Tablet über eine glatte Glasoberfläche. Dieses haptische Feedback ist insbesondere für ungeübte Schreibende entscheidend. „Eine Studie weist darauf hin, dass das Schreiben auf Tablets mit stockenderen Bewegungen und einer höheren Beanspruchung der motorischen Steuerung verbunden sein kann“, erklärt Necle Bulut, die in einem künftigen Forschungsprojekt analoges und digitales Handschreiben miteinander vergleichen will.

Die Schriftsprachforschung entwickelt sich also stetig weiter. „Früher ging es um die Konkurrenz zwischen Druck- und Schreibschrift, heute richtet sich die Skepsis auf das digitale Schreiben“, sagt die Expertin. Aus ihrer Sicht wiederholen sich dabei die Argumentationsmuster. Im Mittelpunkt sollte ihrer Überzeugung nach weniger die Frage stehen, welches Medium oder welche Schriftform „gewinnt“, sondern welche Kompetenzen Kinder und Jugendliche für unterschiedliche Schreibsituationen benötigen. Wichtig sei, dass die Vertreter der älteren Generationen ihre Erfahrungen nicht einfach auf die jüngeren übertragen. Darum will die Didaktikerin verstärkt erforschen, wie Kinder und Jugendliche Schreiben erleben.

Helena jedenfalls macht das Schreiben trotz mancher Hürde als Linkshänderin Spaß. „Auch weil ich Geburtstagskarten selber schreiben kann“, betont sie. Gute Voraussetzungen, denn das Schreiben begleite uns Menschen über die gesamte Lebensspanne hinweg und verändere einfach nur die Funktion, unterstreicht Necle Bulut. Ähnlich wie Helena erkannte auch sie bereits mit sieben Jahren, dass Schreiben Freude, Kummer und gleichzeitig Faszination auslösen kann.

Text: André Bednarz

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 4, 17. Juni 2026.

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