Das Schreiben verstehen
Necle Bulut war sieben Jahre alt, als sie mit ihrer Familie aus Syrien nach Deutschland kam. Bald besuchte sie hier die Schule und lernte, Deutsch zu lesen und zu schreiben. Sie staunte, wie schnell ihr das gelang – und wie schwer es ihrer Mutter fiel. „In Syrien war es nicht ungewöhnlich, dass vor allem Frauen weder lesen noch schreiben konnten. Für meine damals 40-jährige Mutter änderten sich die Anforderungen in Deutschland schlagartig“, erzählt Dr. Necle Bulut heute. Sie erinnert sich, wie ihre Mutter oft tief gebeugt und mit verkrampfter Hand über dem Papier saß. Helfen konnte sie ihr nicht. Doch diese Erfahrung ließ sie nicht mehr los und trug dazu bei, dass sie Germanistik studierte und sich als Wissenschaftlerin auf Schrift und Schreiben spezialisiert hat.
Der Mensch sei fürs Schreiben eigentlich nicht gemacht. Sprechen lernen wir intuitiv durch unsere Kontakte mit der Umwelt. „Schreiben dagegen müssen wir uns mit Werkzeugen und Anleitung erarbeiten“, erklärt Necle Bulut. Diese Anleitung bekommen auch Mattis und die siebenjährige Grundschülerin Helena. Beide erleben Hürden beim „graphomotorischen Prozess“. Damit ist der manuelle Akt gemeint: die Verbindung von Hirn und Hand, das Halten des Stifts, das Formen der Buchstaben. „Ich schreibe mit Links. Manchmal verschmiert die Schrift, dann kann man sie schlecht lesen, und meine Hand wird dreckig“, erzählt Helena. Sie schreibt deshalb lieber mit Bleistift. Mattis berichtet, dass ihm die Hand wehtue, wenn er lange Texte schreibt.
In ihrer Monografie „Schreiben“ beschäftigt sich Necle Bulut mit solchen Herausforderungen und stellt die verschiedenen Ebenen des Schreibprozesses dar. Ob mit Stift, Smartphone oder Tastatur – die meisten Menschen formen oder tippen Buchstaben automatisiert. Das ist wichtig, denn wer nicht mehr über die Ausführung einzelner Buchstaben oder die richtige Schreibweise von Wörtern nachdenken muss, kann sich auf komplexere und kreativere Prozesse wie Planen, Formulieren und Überarbeiten konzentrieren und läuft weniger Gefahr, dass Gedanken verlorengehen, ehe sie das Papier erreichen. „In der Grundschule und oft noch in den Klassen 5 und 6 ist der Schreibprozess dagegen noch nicht vollständig automatisiert, die Kinder stehen gleichermaßen vor motorischen und sprachlichen Hürden“, erklärt Necle Bulut. Deshalb sei es wichtig, dass nicht nur angehende Grundschullehrkräfte, sondern auch Lehramtsstudierende anderer Schulformen für diese Voraussetzung zur Textproduktion sensibilisiert werden. Das sei auch ein Wunsch vieler Studierender, die auf die anspruchsvolle Diagnose und den Umgang mit Schreibschwierigkeiten in den Schulen vorbereitet werden möchten. Gleichzeitig verdeutlicht die Erfahrung von Necle Buluts Mutter, dass Schreibschwierigkeiten nicht nur Kinder betreffen. Die Studie „LEO 2018“ ergab, dass rund 6,2 Millionen Deutsch sprechende Erwachsene gering literalisiert sind, also „allenfalls bis zur Ebene einfacher Sätze lesen und schreiben“ können.
Es gebe schlicht nicht die eine Methode für alle. Man sollte vielmehr die Vielfalt der Werkzeuge nutzen. Auch die Tastatur habe Vorteile, etwa für Menschen, die aus körperlichen Gründen nicht mit einem Stift schreiben können. Johann, 18 Jahre alt, schätzt das Tastaturschreiben ebenfalls. „Es ist schneller und schöner“, sagt er. Außerdem hat der Oberstufenschüler so alle Hausaufgaben und Notizen auf dem Tablet. Gleichzeitig findet er, dass längere Texte, etwa in Klausuren, mit der Hand anstrengender zu schreiben sind. Und doch fühle sich für ihn das Schreiben auf Papier einfacher an als auf dem Tablet. Warum ist das so? Während Papier beim Schreiben mehr Reibung bietet, gleitet der Stift auf dem Tablet über eine glatte Glasoberfläche. Dieses haptische Feedback ist insbesondere für ungeübte Schreibende entscheidend. „Eine Studie weist darauf hin, dass das Schreiben auf Tablets mit stockenderen Bewegungen und einer höheren Beanspruchung der motorischen Steuerung verbunden sein kann“, erklärt Necle Bulut, die in einem künftigen Forschungsprojekt analoges und digitales Handschreiben miteinander vergleichen will.
Die Schriftsprachforschung entwickelt sich also stetig weiter. „Früher ging es um die Konkurrenz zwischen Druck- und Schreibschrift, heute richtet sich die Skepsis auf das digitale Schreiben“, sagt die Expertin. Aus ihrer Sicht wiederholen sich dabei die Argumentationsmuster. Im Mittelpunkt sollte ihrer Überzeugung nach weniger die Frage stehen, welches Medium oder welche Schriftform „gewinnt“, sondern welche Kompetenzen Kinder und Jugendliche für unterschiedliche Schreibsituationen benötigen. Wichtig sei, dass die Vertreter der älteren Generationen ihre Erfahrungen nicht einfach auf die jüngeren übertragen. Darum will die Didaktikerin verstärkt erforschen, wie Kinder und Jugendliche Schreiben erleben.
Helena jedenfalls macht das Schreiben trotz mancher Hürde als Linkshänderin Spaß. „Auch weil ich Geburtstagskarten selber schreiben kann“, betont sie. Gute Voraussetzungen, denn das Schreiben begleite uns Menschen über die gesamte Lebensspanne hinweg und verändere einfach nur die Funktion, unterstreicht Necle Bulut. Ähnlich wie Helena erkannte auch sie bereits mit sieben Jahren, dass Schreiben Freude, Kummer und gleichzeitig Faszination auslösen kann.
Text: André Bednarz
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 4, 17. Juni 2026.