„Das Klima ist ein träges System“
Unbeschwerte Sommertage, strahlend blauer Himmel, warme Abende – viele Menschen verbinden mit einem „Sommer wie früher“ eine idealisierte Vorstellung. Heutzutage berichten die Medien von Juni bis September regelmäßig über Hitzewellen und Dürreperioden. Dr. Nora Fried vom Institut für Landschaftsökologie erklärt im Gespräch mit Kathrin Nolte, wie sich das Wetter in den vergangenen Jahren bei uns verändert hat und was das mit dem Klimawandel zu tun hat.
Was ist der Unterschied zwischen Sommer und Wetter?
Während der Sommer eine Jahreszeit ist, beschreibt das Wetter den aktuellen Zustand der Atmosphäre. Was wir als Sommer wahrnehmen, ist häufig ein Zusammenschnitt von verschiedenen Sommern, die wir bereits erlebt haben. Diese Zusammenfassung nähert sich wiederum der Definition von Klima an. Die Begriffe sind klar festgelegt: Wetter ist sowohl zeitlich als auch räumlich sehr begrenzt. Es handelt sich um einen atmosphärischen Zustand zu einem bestimmten Zeitpunkt an einem Ort – beispielsweise in Münster. Das Klima hingegen beschreibt den Istzustand über einen Zeitraum von 30 Jahren in einer Region – zum Beispiel Westdeutschland. Damit werden auch Extremereignisse erfasst, die es schon immer gab. Aber im Vergleich gibt es heutzutage mehr Hitzewellen und Dürreperioden. Vielleicht ist das ein Grund dafür, dass wir unsere Sommer nicht mehr als unbeschwert empfinden.
Ein Grund für die veränderte Wahrnehmung des Sommers in der Gesellschaft ist der Klimawandel – ein immer bedeutender werdendes Thema. Welche aktuellen Forschungserkenntnisse gibt es darüber?
Womit hängt diese Entwicklung zusammen?
Ein wichtiger Motor für unser Wetter in Europa ist der Jetstream. Das ist ein bandförmiger, starker Höhenwind in acht bis zwölf Kilometern Höhe, der den Planeten in Drehrichtung der Erde umkreist. Er entsteht durch Temperaturunterschiede zwischen den Polen und dem Äquator. Durch den Klimawandel gleichen sich die Temperaturunterschiede an, da sich die Arktis deutlich schneller erwärmt als der Rest der Welt. Der Jetstream wird instabil und hat stärkere Wellenbewegungen. Dadurch kann es im Sommer vermehrt zu stabilen Hochdrucklagen, sogenannten Omegawetterlagen, kommen und auch im Winter zu starken Wintereinbrüchen. Es bleibt also länger warm und trocken oder extrem kalt.
Welches weitere Beispiel gibt es, das den Klimawandel in Deutschland konkret sichtbar macht?
In den vergangenen 100 Jahren ist der Pegelstand in Cuxhaven um 20 Zentimeter gestiegen. Das entspricht in etwa der Höhe eines hochkant aufgestellten Taschenbuchs und erscheint nicht als spektakulär. Was beim Meeresspiegel aber fatal ist, sind die Sturmfluten. Viele Küstenschutzanlagen sind für den Meeresspiegelanstieg noch nicht ausgelegt. Im Ernstfall erfüllen sie nicht mehr ihre Aufgabe. Auch diese Kennzahl zeigt, dass der Klimawandel in Deutschland angekommen ist. Und er ist menschengemacht.
Welche – außergewöhnlichen – Forschungsansätze gibt es, um dem Klimawandel zu begegnen?
Ein wichtiger Punkt in der Klimaforschung ist und bleibt die Erhebung von Daten. Langfristige, kontinuierliche Datenaufzeichnungen sind weiterhin essenziell, um die Auswirkungen des Klimawandels besser zu verstehen. Ein neuerer Ansatz ist die sogenannte Attributionsforschung – auch Zuordnungsforschung genannt. Es wird untersucht, inwieweit der menschgemachte Klimawandel für konkrete Wetterextreme wie Hitzewellen, Dürren, Starkregen oder Stürme verantwortlich ist. Dabei werden aktuelle Daten in Klimamodelle eingespeist und sehr zeitnah zu einem Extremereignis untersucht, wie viel wahrscheinlicher dieses Ereignis durch den Klimawandel geworden ist. Denn es nützt nichts, wenn wir erst zehn Jahre später eine wissenschaftliche Einordnung beispielsweise für die Flutkatastrophe im Ahrtal in Rheinland-Pfalz im Juli 2021 geben können.
Wie sehen unsere Sommer in 30 Jahren aus, wenn der Klimawandel ungebremst fortschreitet?
Zunächst einmal bremsen wir den Klimawandel zwar ab. Es ist aber die Frage, ob wir schnell genug bremsen, damit im übertragenen Sinne das Auto rechtzeitig zum Stehen kommt. Das 1,5-Grad-Ziel werden wir wahrscheinlich verfehlen. Das Klimaschutzziel soll die globale Erwärmung der Erde auf 1,5 Grad Celsius gegenüber dem vorindustriellen Niveau begrenzen. Und dennoch hilft jedes Zehntelgrad weniger Erwärmung, extreme Wetterereignisse, Dürren und den Anstieg des Meeresspiegels einzudämmen. Trotz unserer Bemühungen wird für den Zeitraum von 2031 bis 2060 eine Zunahme von fünf bis zehn heißen Tagen in Norddeutschland und von zehn bis 20 heißen Tagen in Süddeutschland erwartet. Das bedeutet zum Beispiel, dass in wenigen Jahren Temperaturen von 40 Grad bei uns im Sommer keine Seltenheit sein werden. Selbst wenn wir jetzt komplett auf die Bremse treten würden, wird das Klima sich nicht von heute auf morgen verändern, da es ein sehr träges System ist. Deshalb ist Klimaschutz auf allen Ebenen wichtig – kommunal bis global.
Dieser Artikel ist Teil einer Themenseite zum „Sommer im Wandel“ und stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 4, 17. Juni 2026.