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Fledermausbabys sind sehr klein und können schnell überhitzen – hier sitzt ein Jungtier in einem Fingerhut.<address>© Florian Gloza-Rausch</address>
Fledermausbabys sind sehr klein und können schnell überhitzen – hier sitzt ein Jungtier in einem Fingerhut.
© Florian Gloza-Rausch

Wenn ein Dachstuhl zur Falle wird

Zwei Experten berichten, wie der Klimawandel die heimische Tierwelt verändert

Ein warmer Dachstuhl ist für Fledermäuse ein Segen – die Jungtiere wachsen dort schneller heran als an kühleren Orten. Doch wenn sich eine Hitzewelle festsetzt, wird genau dieses Quartier zur Todesfalle – vor allem für Jungtiere. Wenn die Temperaturen auf über 40 Grad Celsius steigen, können diese die Wärme nicht mehr abführen. Solange sie nicht flugfähig sind, sind sie der Hitze ausgeliefert. Was sich an diesem Beispiel zeigt, gilt für die einheimische Tierwelt insgesamt: Der Klimawandel verschiebt Lebensräume, bringt fein abgestimmte Zeitpläne durcheinander und macht Extremereignisse wahrscheinlicher.

Diese Rauhautfledermaus versteckt sich in einem Holzstapel.<address>© Florian Gloza-Rausch</address>
Diese Rauhautfledermaus versteckt sich in einem Holzstapel.
© Florian Gloza-Rausch
Knapp zwei Grad hat sich Deutschland seit Beginn der systematischen Wetteraufzeichnung erwärmt. Das klingt nach wenig, doch die Folgen sind weitreichend. „Es kommt zu Veränderungen in der Artenzusammensetzung“, erklärt Prof. Dr. Sascha Buchholz, Tierökologe an der Universität Münster. Wärmeliebende Arten breiten sich nach Norden aus – wie der Bienenfresser, eine farbenprächtige Vogelart aus dem Mittelmeerraum, oder die medial viel beachtete Nosferatuspinne. Auch unter den rund 25 heimischen Fledermausarten gibt es Gewinner. „Die Weißrandfledermaus, eine ursprünglich mediterrane Art, ist inzwischen in Bayern und Baden-Württemberg heimisch“, berichtet der Fledermausexperte Florian Gloza-Rausch. Der bislang nördlichste Nachweis stamme aus Dresden.

Doch wo es Gewinner gibt, gibt es auch Verlierer. Kälteangepasste Arten weichen nach Norden oder in höhere Lagen aus – doch für Gebirgsarten gebe es irgendwann kein „Weiter-oben“ mehr, betont Sascha Buchholz. Wälder leiden unter Hitzestress, Moore trocknen aus – mit ihnen verschwinden seltene, auf Feuchtigkeit angewiesene Tier- und Pflanzenarten. Die Waldeidechse zum Beispiel hat mit trockener werdenden Wäldern zu kämpfen. Bei den Fledermäusen trifft es die Teichfledermaus besonders hart: Europaweite Modelle sagen ihr unter allen Fledermausarten einen der größten Lebensraumverluste voraus, weiß Florian Gloza-Rausch

Prof. Dr. Sascha Buchholz<address>© Lukas Walbaum</address>
Prof. Dr. Sascha Buchholz
© Lukas Walbaum
Besonders tückisch ist ein Effekt, den Ökologinnen und Ökologen als „Mismatch“ bezeichnen: Der Klimawandel bringt fein aufeinander abgestimmte Zeitpläne aus dem Takt. „Die Geburt der Fledermaus-Jungtiere ist so getaktet, dass die Säugezeit mit einem hohen Insektenangebot zusammenfällt“, sagt der Forscher. Verschiebe sich die Zeit, in der es maximal viele Insekten gibt, entstehe eine gefährliche Futterlücke. Dieses Problem reicht weit über die Welt der Fledermäuse hinaus: Wenn Abhängigkeiten zwischen Arten bestehen, die sich nicht im gleichen Tempo verändern beziehungsweise anpassen, stoßen Tiere an ihre Grenzen. Generell gelte die Faustregel: Generalisten kommen besser mit den Veränderungen durch den Klimawandel zurecht als Spezialisten.

Angesichts dieser Entwicklungen sind sich beide Experten einig: Der Klimawandel verschärft bestehende Probleme – Insektenrückgang, Habitatverlust, Lebensräume, die durch Straßen und Siedlungen voneinander isoliert sind. Die wichtigste Antwort: Lebensräume sichern, vergrößern und vernetzen. Moore sollten wiedervernässt, Flüsse renaturiert und naturnahe Wälder gefördert werden. Solche Ökosysteme puffern Hitze, speichern Wasser und bieten Rückzugsorte bei Extremwetter – selbst ein strukturreicher Garten mit Totholz, Wasserstelle und heimischen Pflanzen kann als lokale Pufferzone wirken.

Florian Gloza-Rausch<address>© privat</address>
Florian Gloza-Rausch
© privat
Für den Fledermausschutz kommen zwei aktuelle Konflikte hinzu. Energetische Gebäudesanierungen können unbemerkt Quartiere zerstören. „Hier helfen verpflichtende Vorabkontrollen“, rät Florian Gloza-Rausch. Zudem könne der Ausbau der Windenergie für Fledermäuse zur Gefahr werden. Dieses „Green-Green-Dilemma“ erfordere konsequente Abschaltalgorithmen und eine sensible Standortwahl. Eine konkrete Alltagsmaßnahme ist überraschend simpel: weniger Licht in der Nacht. Viele Fledermausarten meiden beleuchtete Areale, Kunstlicht ziehe Insekten aus dunklen Lebensräumen ab. „Wer Außenbeleuchtung reduziert und Gartenbereiche dunkel lässt, hilft unmittelbar.“

Viele der nötigen Maßnahmen seien technisch nicht kompliziert, betont der Fledermausforscher – sie müssten nur gewollt und konsequent umgesetzt werden. Sascha Buchholz ergänzt: „Da ein klarer politischer Wille zur Veränderung fehlt, bin ich nicht sonderlich optimistisch. Aber hoffnungsvoll bleibe ich – sonst wäre ich kein Ökologe.“

Autorin: Hanna Dieckmann

Dieser Artikel ist Teil einer Themenseite zum „Sommer im Wandel“ und stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 4, 17. Juni 2026.

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