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Münster (upm/nor).
Ingo Kretzschmar steht mit verschränkten Armen in der Bibliothek der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät und schaut freundlich in die Kamera.<address>© Uni MS - Peter Leßmann</address>
Ingo Kretzschmar ist in der Welt des Handels zu Hause: An der Universität Münster studierte er Volks- und Betriebswirtschaftslehre.
© Uni MS - Peter Leßmann

Umtriebig, zielstrebig und selbstbewusst

Alumnus Ingo Kretzschmar leitet seit vier Jahren das Hagener Buchhandelsunternehmen Thalia

In Zeiten von „falschen Neunern“, bedauernswerten „Restverteidigern“ und „Mittelfeld-Rauten“ mag die Symbolik und Bedeutung der Rückennummern von Fußballspielern zurückgegangen sein. Aber es gibt (mindestens) eine Ausnahme: die 10. Manche schwärmen von einer „legendären Rückennummer“, die einst für Superstars wie Maradona, Platini und Netzer reserviert war und die heutzutage Könner wie der Münchener Jamal Musiala und der Dortmunder Julian Brandt tragen. Rein fußballerisch betrachtet, erwartet der kundige Zuschauer vom „Zehner“ viel Übersicht, kluge Pässe und reichlich Kreativität – das besondere Etwas halt. Gerne auch eine große Portion Durchsetzungsstärke und schließlich den unbedingten Willen, als Führungsspieler das Heft des Handelns an sich zu reißen.

Apropos vorneweg marschieren: Vieles von dem, was einen Lenker und Denker im Fußball ausmacht, trifft so oder ähnlich auf Ingo Kretzschmar zu. Allerdings in einer anderen Branche. Seit vier Jahren steht er als Vorsitzender der Geschäftsführung an der Spitze des in Hagen ansässigen Buchhandelsunternehmens Thalia. Bis zu seinem 25. Lebensjahr und damit rund 20 Jahre lang kickte der heute 47-Jährige auf den Plätzen rund um seine Geburtsstadt Hagen für sein Leben gern. Mit welcher Rückennummer? Immer der 10.

Umtriebig und fokussiert, zielstrebig und selbstbewusst: So war Ingo Kretzschmar schon immer. „Meine Losung war eindeutig: Irgendwann will ich Chef sein“, betont er. Für seinen ersten Traumjob als Kampfpilot war er zu groß, für den zweiten Traumjob als Polizist standen ihm seine Kontaktlinsen im Weg. Danach war für den Sohn eines Oberamtsanwalts klar: „Der Handel ist meine Welt.“ Während der Ausbildung zum Groß- und Außenhandelskaufmann bei der „Douglas Holding AG“ reifte vor allem eine rückblickend entscheidende Erkenntnis: Für den Weg nach oben ist ein fundiertes Studium unerlässlich.

Also auf nach Münster. „Ohne viele Gammelzeiten“ erwarb Ingo Kretzschmar an der Universität ab 2001 zügig Schein für Schein in Volks- und Betriebswirtschaftslehre. Getrieben von dem ausgeprägten Wunsch nach Unabhängigkeit und einer eher diffusen „Angst vor Arbeitslosigkeit“ sammelte er parallel zu seinem Studium reichlich praktische Erfahrung bei diversen Handelsunternehmen. Aber wie es sich für einen „ordentlichen Studenten“ gehört: Ingo Kretzschmar genoss auch das Leben. Zunächst wohnte er in einer „fantastischen Zweier-WG“ an der Gasselstiege, später zog er in die seinerzeit wegen ihrer Partys legendäre „Boeselburg“ in der Nähe des Aasees um. Und abends beziehungsweise nachts? Ab ins Kuhviertel ...

Seine Diplomarbeit widmete er dem Thema der „stillen Reserven“ in Jahresabschlüssen, um im Anschluss daran, nach einem kurzen Exkurs bei einem Beratungsunternehmen, endgültig bei Thalia durchzustarten – zielstrebig halt. Dabei kam dem ehrgeizigen Kaufmann vor allem zugute, dass sein ehemaliger Vorgesetzter ihm ein passendes Angebot für die Rückkehr unterbreitete und Ingo Kretzschmar seine Kenntnisse aus dem Studium in die Praxis umsetzen konnte. „Ich habe im Controlling angefangen und konnte mein Wissen perfekt anwenden, beispielsweise bei der Kostenstellenrechnung und bei der Aufstellung eines strategischen Planungsprozesses.“

Erstaunlicherweise konnte Ingo Kretzschmar anfangs mit dem Produkt Buch „nur wenig anfangen“. Heute sagt er: „Das ist eine extrem spannende und schnelllebige Branche.“ Diese Entwicklung lässt sich, zugespitzt formuliert, auf einen einzigen Tag zurückführen – auf den Gründungstag des US-amerikanischen Online-Versandhändlers Amazon. „Seit dem 5. Juli 1994 ist die Welt des Handels eine andere – Amazon ist seit Tag eins unser stärkster Wettbewerber“, unterstreicht Ingo Kretzschmar, der bis zu seiner Berufung zum Chief Executive Officer (CEO) von Thalia im Juni 2022 alle drei Jahre eine Sprosse auf der Thalia-Karriereleiter weiter nach oben geklettert war. Bei seinem Start als CEO wies Thalia einen Umsatz von rund 1,1 Milliarden Euro aus, im Geschäftsjahr 2024/25 waren es bereits 2,2 Milliarden.

Thalia wächst. Der Umsatz mit E-Books und Hörbüchern steigt stetig, zur neuen Marke „Thalia Spielzeit“ gehören mittlerweile 40 Spielwarengeschäfte, in Marl entsteht derzeit mit dem „Thalia Omni-Channel-Hub“ ein Gewerbe- und Produktionsstandort, mit dem das Unternehmen „neue Standards in Effizienz, Flexibilität und Prozessoptimierung“ setzen will. Ingo Kretzschmar will aber auch für die Bildungs- und Leseförderung stehen, beispielsweise über Vorlese-Patenschaften, Lese-Klassen und Lese-Festivals – und dafür, dass die mittlerweile deutschlandweit rund 570 Buchhandlungen im Thalia-Netzwerk ihren Beitrag zu möglichst attraktiven Innenstädten leisten. „Ich bin ein Kämpfer fürs Lesen und für Bücher“, unterstreicht er. „Ich glaube an eine Welt, die sich auch morgen noch mit Wissen und Inhalten beschäftigt.“

Man spürt es während des Gesprächs von Beginn an: Der Vorstandsvorsitzende Ingo Kretzschmar geht gerne das hohe Veränderungstempo mit. Und er mag es, dass sein Job mit den notwendigen Kontakten zu Ministerien und Stiftungen „politischer als anfangs erwartet“ ist. Und Münster ist dabei mittlerweile Geschichte? Keineswegs. Ingo Kretzschmar schaut sich gerne regelmäßig auch in den münsterschen Buchhandlungen um oder besucht den zweiten Thalia-Zentralstandort im Stadtteil Coerde. Aber noch viel lieber fährt der dreifache Familienvater am Wochenende von Hagen nach Münster. „Wir alle lieben den Wochenmarkt am Dom – allein dafür lohnt sich jede Fahrt.“

Autor: Norbert Robers

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 4, 17. Juni 2026.

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