Weniger Termine, mehr Unabhängigkeit
Das Jahr 2026 war erst einige Tage alt, als Prof. Dr. Albrecht Beutel einem ausgewählten Kreis innerhalb der Universität, einigen Freunden und Bekannten per E-Mail eine Einladung zu einer Abendveranstaltung zukommen ließ. Darin kündigte er an, Mitte April in der Schloss-Aula über den „anthropologischen Realismus im Zeitalter der Aufklärung“ zu referieren. Seinen Vortrag hat er mit dem Titel überschrieben: „Und er kömmt nimmer wieder“. Durchaus möglich, dass der eine oder andere Adressat weniger diese Überschrift als vielmehr die Betreffzeile der Mail als überraschend wahrnahm – vielleicht realisierte auch Albrecht Beutel erst in dem Moment, als er auf den „Senden-Knopf“ drückte, dass mit dieser Veranstaltung für ihn in Kürze ein maßgebliches (Lebens-)Kapitel enden wird. Denn mit seinen Ausführungen über den anthropologischen Realismus wird der evangelische Kirchenhistoriker seinen universitären Ausstand geben. Wie die Betreffzeile lautete? „Abschiedsvorlesung“.
Die Reformation, die Aufklärung, die Predigtgeschichte und vor allem Martin Luthers Wirken stehen seit rund 50 Jahren im Mittelpunkt seines Interesses – 1976 begann Albrecht Beutel sein Studium der evangelischen Theologie, Germanistik und Philosophie. Der 69-Jährige ist entsprechend tief verwurzelt in seiner wissenschaftlichen Gemeinschaft: So weist er in seiner Vita die Mitgliedschaft in knapp 20 Vereinigungen wie beispielsweise der Schleiermacher-, der Lichtenberg- und der Luther-Gesellschaft sowie der deutschen Gesellschaft für die Erforschung des 18. Jahrhunderts aus. Seiner Emeritierung sieht er gleichwohl gelassen entgegen. „Der Grad der Selbstbestimmtheit wächst, ich werde weiterhin wissenschaftlich arbeiten und vor allem das machen, was mir Freude bereitet“, betont er. Und fügt schmunzelnd und wahrscheinlich in Gedanken an viele lange Gremiensitzungen hinzu: „Außerdem ist nicht alles, was wegfällt, Anlass für Tränen.“
Studium in Tübingen und Zürich, Gymnasiallehrer in Esslingen, Vikariat im württembergischen Kirchentellinsfurt, Promotion und Habilitation erneut in Tübingen: Bis zu seinem Wechsel auf den Lehrstuhl in Münster im Jahr 1998 spielte sich das Leben des gebürtigen Göppingers Albrecht Beutel im Süden Deutschlands ab. Eine theologische Vorprägung gab es in seiner Familie nicht, im Studium interessierte ihn in erster Linie „der Brückenschlag zwischen der Germanistik und der Theologie“. In seiner Dissertation widmete er sich folgerichtig dem Sprachverständnis Martin Luthers.
Und wie nimmt Albrecht Beutel mit seiner vielfältigen Lehr- und Lebenserfahrung den Wandel der Gesellschaft und die Krise der christlichen Kirchen wahr? Zum einen, urteilt er, leiden auch die katholische und die evangelische Kirche unter „der allgemeinen Bindungsabnahme der Gesellschaft“. Die Missbrauchsskandale und die zahlreichen Kirchenaustritte als Folge beschleunigten den Bedeutungsverlust. Es sei bitter, dass dadurch „die vielen positiven Aspekte der Kirchen“ wie etwa deren soziales, seelsorgerliches und schulisches Engagement in den Hintergrund rückten. Was würde wohl Luther heute mit Blick auf diese Lage sagen? „Er würde sicher zu Mut und Beharrlichkeit aufrufen“, meint Albrecht Beutel. „Ich halte es allerdings für besser, dass all diejenigen, die sich in den Kirchen engagieren, ihre eigene Verantwortung beherzt wahrnehmen.“
Diese Haltung nimmt er selbst ein – indem er auch nach seiner Abschiedsvorlesung noch Großes im Schilde führt. Als Leiter der zum Seminar für Kirchengeschichte gehörigen Forschungsstelle „Bibliothek der Neologie“ ist er hauptverantwortlich für die Publikation von zehn Bänden über die evangelische Aufklärungstheologie. Neun der zehn Textsammlungen sind bereits erschienen, Ende 2027 wird der abschließende Band veröffentlicht. „Das wird mein letzter Akt sein“, blickt er voraus. „Danach bin ich endgültig Privatier.“
Autor: Norbert Robers
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 2, 1. April 2026.