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Münster (upm/anb).
Kübranur Binek (rechts) und Madita Laumen sind in der Bibliothek des rechtswissenschaftlichen Seminars zu sehen.<address>© Uni MS - Linus Peikenkamp</address>
Kübranur Binek (rechts) und Madita Laumen suchen im rechtswissenschaftlichen Seminar nach einem Buch für die Examensvorbereitung der Jurastudentin.
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Freundschaftlich assistiert

Jurastudentin Kübranur Binek ist blind und erhält Unterstützung von Studien- und Wegeassistentin Madita Laumen

Wie zwei gute Freundinnen wirken sie, als Kübranur Binek und Madita Laumen vom Schloss kommend die Universitätsstraße entlanggehen. Vertraut unterhalten sie sich, Kübranur hat sich untergehakt, unbeeindruckt vom regen Verkehr schlendern die Frauen zum Rechtswissenschaftlichen Seminar (RWS). Nichts deutet darauf hin, dass sie beruflich unterwegs sind. Doch Madita ist an diesem Vormittag nicht nur eine gute Gesprächspartnerin, sondern auch Kübranurs Studien- und Wegeassistenz.

Kübranur Binek braucht diese Unterstützung, weil ihr das Studium als blinde Person einige Hürden stellt. „Meine Assistentinnen sind mein sehendes Auge“, sagt sie. Gleichzeitig ist es ihr wichtig, zu betonen, dass sie keine Entscheidung für sie träfen. Um das ohnehin anspruchsvolle Jurastudium zu erleichtern, hat sie ein festes Assistenzteam. „Meistens habe ich drei Präsenz- und digital drei bis vier Homeoffice-Assistenzen, die mich jeweils drei bis fünf Stunden pro Woche unterstützen“, erklärt sie. Die Zusammensetzung wechselt jedoch, etwa durch semesterweise neue Stundenpläne, Auslandsaufenthalte, Praktika oder Abschlüsse. Auch Madita Laumens Einsatz ist befristet. „Ich begleite Kübranur nur bis April, danach endet mein Pharmaziestudium, und meine Ausbildung zur Apothekerin beginnt“, sagt die 23-Jährige.

Der Tag der beiden begann um kurz vor acht am Hauptbahnhof Münster. Kübranur wohnt nach mehreren Semestern in Münster wieder in ihrer Heimatstadt Gelsenkirchen. „Ich kenne mich hier zwar gut aus, aber mit einer Assistenz ist es teilweise effizienter“, erklärt sie. Madita hilft ihr, sich durch die Menschenmengen zu bewegen, die Fahrpläne im Blick zu behalten und den richtigen Bus zu nehmen, der sie zum Schlossplatz bringt.

Hinter dem Schloss, im Botanicum, hat Kübranur ein Büro. Als Beauftragte für behinderte und chronisch kranke Studierende engagiert sie sich im Senat der Universität. Der Vormittag beginnt mit klassischer Computerarbeit. Kübranur und Madita sitzen sich an ihren Laptops gegenüber. Kübranurs Laptop verfügt über einen Screenreader, der Inhalte vorliest, und eine Braillezeile, die Texte haptisch wiedergibt. Doch da nicht alle Programme und Texte barrierefrei sind, muss Madita aushelfen, etwa bei einem technischen Problem des E-Mail-Programms. Sie sucht online nach einer Lösung und erklärt Kübranur, was sie sieht und wie das Problem zu lösen ist.

Damit Kübrnur Binek und Madita Laumen das benötigte Buch finden, schaut die Assistentin noch einmal auf dem Smartphone nach dem genauen Standort.<address>© Uni MS - Linus Peikenkamp</address>
Damit Kübrnur Binek und Madita Laumen das benötigte Buch finden, schaut die Assistentin noch einmal auf dem Smartphone nach dem genauen Standort.
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Nach der Büroarbeit machen sich die beiden auf den Weg zum RWS. Kübranur braucht für ihre Examensvorbereitung ein Buch aus der Bibliothek. Madita führt sie am Arm und beschreibt die Umgebung sowie Hindernisse: Kastanien auf dem Boden, eine Treppe, Türen. „Das habe ich inzwischen so verinnerlicht, dass ich es mir privat wieder abgewöhnen muss“, sagt Madita lächelnd. Doch wie der Weg zum RWS zeigt: Ihr Miteinander ist mehr als funktional. „Ich muss mich mit meinen Assistentinnen wohlfühlen“, sagt Kübranur. Madita ergänzt, sie wolle den Job so gut und würdig wie möglich machen. Das scheint zu gelingen, denn Kübranur erklärt nur allgemein, wie wichtig Kommunikation ist: „Jede Frage ist in Ordnung, solange sie nicht grenzüberschreitend ist oder mich auf meine Behinderung reduziert.“

Madita Laumen liest Kübranur Binek das Inhaltsverzeichnis des Buches vor.<address>© Uni MS - Linus Peikenkamp</address>
Madita Laumen liest Kübranur Binek das Inhaltsverzeichnis des Buches vor.
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Im RWS merken die beiden, dass sie in der falschen Bibliothek sind. Also ziehen sie die Jacken wieder an, schultern die Rucksäcke und gehen ins Nachbargebäude. Dort finden sie das richtige Regal. Madita zieht das Buch heraus und liest das Inhaltsverzeichnis vor. Kübranur entscheidet, dass ein Kapitel hilfreich für ihre Examensvorbereitung ist. Madita wird es später einscannen, hoffentlich reibungslos in ein Word-Dokument umwandeln können und Kübranur zur Verfügung stellen. „Bei älteren Büchern oder solchen mit Grafiken ist die Formatierung oft schwierig. Dann müssen wir Texte manchmal abtippen“, erklärt Madita. Sie und Kübranur loben allerdings die Universitäts- und Landesbibliothek, die sich oft große Mühe gebe, digitale Texte bereitzustellen.

Doch die Barrierefreiheit an der Universität ist uneinheitlich, weshalb Assistenzen unverzichtbar bleiben. Das gilt nicht nur für sehbehinderte Menschen wie Kübranur Binek, sondern auch für Personen mit Hör- oder Mobilitätseinschränkungen oder Neurodivergenz. Der organisatorische Aufwand ist groß für die Betroffenen. Kübranur Binek muss für die Assistenzen jedes Semester einen Antrag beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe stellen, Zeitpläne koordinieren, Stunden nachhalten, Abrechnungen verwalten, Bewerbungen prüfen, neue Assistenzen einstellen, einarbeiten und Vertrauen aufbauen. „Die Unterstützung der Uni hat mich positiv überrascht. Aber ich wünsche mir generell weniger Bürokratie und einen Pool potenzieller Assistenzen, der die Auswahl erleichtert und auch sicherer macht“, sagt sie. Madita ergänzt: „Kübranur leitet im Prinzip ihr eigenes kleines Unternehmen, weil es keine zentrale Stelle gibt, die das übernimmt. Zudem finde ich es beeindruckend, wie schnell Kübranur den Assistenzen vertrauen muss.

 

Madita Laumen und Kübranur Binek stehen in der Vorhalle der Bispinghofmensa.<address>© Uni MS - Linus Peikenkamp</address>
Letzte gemeinsame Station des Tages: Madita Laumen und Kübranur Binek gehen gemeinsam in die Bispinghofmensa.
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Noch eine Weile wird Kübranur Binek von ihrem studentischen Assistenzteam begleitet werden, auch wenn sich ihr Jurastudium dem Ende zuneigt. „Ich bin dankbar für die Hilfe und das Wissen, dass Madita und die anderen da sind. Aber ich genieße auch die Momente, in denen ich unabhängig bin.“ Das wird später in einem Tutorium der Fall sein, doch vorher steht eine Mittagspause in der Mensa am Bispinghof an, die die beiden Studentinnen gemeinsam verbringen. Madita führt Kübranur, trägt das Tablett, legt Besteck dazu und bezahlt an der Kasse. Am Tisch wirken sie wieder wie zwei Freundinnen, die reden und lachen.

 

Autor: André Bednarz

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 2, 1. April 2026.

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