„Ziel ist es, praktikable Lösungen für den Alltag zu schaffen“
In einer Universitätsstadt wie Münster liegen Wissenschaft und klinische Praxis räumlich nah beieinander. Forschungsteams sowie Ärztinnen und Ärzte tauschen sich hier unkompliziert aus. Doch wie gelangen neue Erkenntnisse in die Breite, beispielsweise in hausärztliche Praxen in kleinen Kommunen und ländlichen Regionen? Im Gespräch mit Kathrin Kottke erläutert Prof. Dr. Tanja Grammer, Direktorin des Instituts für Allgemeinmedizin an der Universität Münster, warum translationale Forschung für die Allgemeinmedizin zentral ist und wie sie Einzug in den Praxisalltag hält.
Was bedeutet translationale Forschung für die Allgemeinmedizin, insbesondere für Praxen fernab von Universitätskliniken?
Translationale Forschung verbindet Wissenschaft und Versorgungsalltag. Sie überträgt neue Erkenntnisse aus der Forschung direkt in die hausärztliche Praxis und prüft zugleich, ob sich Konzepte unter realen Bedingungen bewähren. In allgemeinmedizinischen Praxen lassen sich Ergebnisse aus der Grundlagen- und Versorgungsforschung kontrolliert testen und weiterentwickeln. Ziel ist es, praktikable Lösungen für den Alltag zu schaffen. Gerade Praxen im ländlichen Raum wünschen sich einen engeren Anschluss an aktuelle medizinische Entwicklungen.
Definitiv. Translationale Forschung stärkt die Versorgungsqualität, verbessert Abläufe und erhöht die Attraktivität von Praxen als Weiterbildungsorte für junge Ärztinnen und Ärzte. Davon profitiert das gesamte Praxisteam, einschließlich der medizinischen Fachangestellten: Sie alle greifen aktuelle Forschungsergebnisse auf und entwickeln ihre Kompetenzen weiter.
Wie gelangen neue Erkenntnisse in die hausärztliche Versorgung?
Ein zentrales Instrument sind regelmäßige Lehr- und Forschungspraxentreffen, die mindestens einmal pro Quartal stattfinden. Hinzu kommen landesweite Fortbildungen für hausärztliche Praxisteams. Programme wie das hausärztliche Forschungspraxennetz in Nordrhein-Westfalen sowie die Begleitung von Praktika in landärztlichen Praxen oder Mentoringangebote für Studierende sorgen für einen kontinuierlichen Kontakt zur Universität.
Das klingt nach zusätzlichem Aufwand im ohnehin vollen Praxisalltag ...
Der größte Engpass ist tatsächlich die Zeit. Viele Praxen versorgen täglich zahlreiche Patientinnen und Patienten. Gleichzeitig fehlt es häufig an digitaler Unterstützung. Hinzu kommt die große Heterogenität der Praxen: Sie unterscheiden sich deutlich in Größe, Ausstattung und fachlichen Schwerpunkten. Erschwerend wirkt außerdem, dass neue Versorgungsleistungen oft gar nicht oder nur unzureichend honoriert werden.
Auf den Punkt gebracht: Was ist konkret erforderlich?
Forschung im Praxisalltag erfordert klare Strukturen, die Akzeptanz neuer Routinen sowie verlässliche Rahmenbedingungen.
Wie lassen sich denn diese Strukturen schaffen?
Ein wichtiger Ansatz ist der Ausbau akademischer Lehr- und Forschungspraxen. Dabei kooperieren niedergelassene Praxen offiziell mit einer medizinischen Fakultät und beteiligen sich an der Ausbildung von Medizinstudierenden. Wir unterstützen Interessierte beim Aufbau und schaffen ein vertrauensvolles Umfeld. Ärztinnen, Ärzte und Praxisteams bringen sich frühzeitig in neue Forschungsfragen ein, etwa über einen Forschungsbeirat am Standort Münster. Umgekehrt ist der Einblick in die Praxisarbeit für die universitäre Forschung unverzichtbar, um relevante Themen aufzugreifen – eine klare Win-win-Situation.
Sie bauen zudem das Netz der hausärztlichen Forschungspraxen in Münster weiter aus. Welche Ziele verfolgen Sie?
Im Kern geht es darum, mehr hochwertige Forschung direkt in hausärztlichen Praxen zu ermöglichen. Größere Studien, randomisierte kontrollierte Untersuchungen und höhere Fallzahlen erhöhen die Aussagekraft der Versorgungsforschung. Gleichzeitig qualifizieren wir Praxisteams gezielt für Forschungsaufgaben und fördern ein Umdenken: Forschung gehört zur medizinischen Versorgung und sollte fest in der Allgemeinmedizin verankert sein.
Welchen Nutzen haben insbesondere ländliche Praxen von diesem Zusammenschluss?
Die Praxen erhalten direkten Zugang zu aktuellen Informationen, Fortbildungen und zur fachlichen Weiterentwicklung des gesamten Teams. Das erleichtert auch die Gewinnung von Fachkräften. Die enge Anbindung an die Universität vereinfacht zudem den Kontakt zu Spezialistinnen und Spezialisten, etwa über telemedizinische Konsile. Eine Auszeichnung als Lehr- und/ oder Forschungspraxis signalisiert hohe Qualitätsansprüche. Am Ende steht eine messbar bessere Versorgung der Patientinnen und Patienten.
Es ist im Alltag nicht immer leicht, neue Strukturen aufzubauen. Was braucht es politisch und strukturell, damit die Forschung schneller in der Versorgung ankommt?
Erforderlich sind eine gezielte Infrastrukturförderung und eine verlässliche Finanzierung von Forschung in der Primärversorgung. Eine vollständig nutzbare elektronische Patientenakte sowie die Finanzierung innovativer Diagnostik, Therapien und Versorgungsformen auch in hausärztlichen Praxen würden den Transfer zusätzlich beschleunigen. Lokale ärztliche Arbeitsgemeinschaften sollten neue wissenschaftliche Erkenntnisse frühzeitig an politische und gesellschaftliche Entscheidungsträger herantragen. Ebenso wichtig ist eine schnelle Einbindung der kassenärztlichen Vereinigungen, der Bundesärztekammer und der Krankenkassen.
Dieser Beitrag ist Teil einer Themenseite zu translationaler Forschung und stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 1, 4. Februar 2026.
Links zu dieser Meldung
- Institut für Allgemeinmedizin an der Uni Münster
- Informationen für Lehrpraxen
- HAFO.NRW
- Die Februar-Ausgabe der Unizeitung als PDF
- Alle Ausgaben der Unizeitung auf einen Blick
- Weiterer Beitrag der Themenseite: Gastbeitrag von Prof. Dr. Jan Rossaint
- Weiterer Beitrag der Themenseite: Forschung für den Weg zum Wunschkind
- Weiterer Beitrag der Themenseite: Beispiel Nuklearmedizin