Forschung für den Weg zum Wunschkind
Der Beginn eines neuen Lebens ist medizinisch komplex. Zwischen Befruchtung und Geburt durchlaufen die befruchteten Eizellen zahlreiche biologische Prozesse, die bis heute das eine oder andere Rätsel mit sich bringen. Dr. Janice Jeschke beschäftigt sich sowohl im klinischen Alltag als auch im Labor mit den frühen Voraussetzungen einer erfolgreichen Schwangerschaft. Als sogenannter Clinician Scientist ist sie am Centrum für Reproduktionsmedizin und Andrologie (CeRA) in der Arbeitsgruppe von Prof. Dr. Verena Nordhoff tätig und arbeitet als Assistenzärztin in der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe des Universitätsklinikums Münster.
Konkret bedeutet dieser duale Berufsweg: Janice Jeschke verbringt 50 Prozent ihrer Arbeitszeit in der Klinik, 50 Prozent im CeRA. „Ich bin vier Wochen am Stück im OP, im Kreißsaal oder kümmere mich um die Versorgung der Patientinnen und Patienten“, erklärt sie. In den darauffolgenden vier Wochen geht sie ihrer Forschung nach. Um diese Form der translationalen Forschung systematisch zu stärken, wurde 2023 das vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt geförderte „Junior Scientist Research Centre ReproTrack.MS“ gegründet. Es bietet Forscherinnen und Forschern aus der Medizin und den Naturwissenschaften ein strukturiertes, interdisziplinäres und interaktives Fortbildungsprogramm, um eine Karriere als unabhängiger Wissenschaftler zu fördern. Janice Jeschke gehört zu diesem Netzwerk, sie erlebt täglich die Vorteile. „Der enge Austausch spart Zeit“, sagt sie, „weil klinische Erfahrungen dabei helfen, früh die richtigen Fragen zu stellen und Sackgassen zu vermeiden.“
Als Postdoktorandin forscht sie zu den molekularen Mechanismen, die die Befruchtung und Einnistung der Eizelle in der Gebärmutter beeinflussen. Bereits in ihrer Promotion untersuchte sie den Einfluss von Steroidhormonen auf Ionenkanäle in menschlichen Spermien. Heute analysiert sie frühe biologische Entwicklungsprozesse, die für eine Schwangerschaft von entscheidender Bedeutung sind, insbesondere durch neue Ansätze zur Beurteilung des Entwicklungspotenzials einzelner Eizellen und der daraus resultierenden Embryonen. Das Ziel besteht darin, Unfruchtbarkeit besser zu verstehen und auf dieser Grundlage neue diagnostische Ansätze und Therapien zu entwickeln. In ihrer Grundlagenforschung arbeitet sie ausschließlich mit menschlichen Proben, die im klinischen Alltag ohnehin anfallen – selbstverständlich müssen die Patientinnen und Patienten dem vorab zustimmen.
Auch wenn die Forschung oft Jahre vor einer klinischen Anwendung ansetzt, beginnt der Austausch zwischen Praxis und Wissenschaft bereits früh und konkret. Klinische Beobachtungen fließen so direkt in die Planung ein. Wenn die Ärztinnen und Ärzte beispielsweise feststellen, dass bei bestimmten Patientinnen trotz guter Ausgangsbedingungen eine Einnistung wiederholt ausbleibt, greift Janice Jeschke diese Frage in ihrer experimentellen Arbeit auf. In diesen Fällen untersucht sie, welche molekularen Prozesse in der frühen Phase der Einnistung eine Rolle spielen könnten. Umgekehrt helfen ihre Ergebnisse dabei, klinische Befunde besser einzuordnen und neue diagnostische Marker zu diskutieren.
Am Ende steht oft der lang ersehnte Moment: ein positiver Schwangerschaftstest. Für die werdenden Eltern bedeutet er Hoffnung und Erleichterung. Für Janice Jeschke ist er die Bestätigung, dass die enge Verzahnung von Labor und Klinik einen Unterschied macht. Genau dort, wo Forschung und medizinische Praxis zusammenkommen, wird translationale Forschung greifbar.
Autorin: Kathrin Kottke
Dieser Beitrag ist Teil einer Themenseite zu translationaler Forschung und stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 1, 4. Februar 2026.
Links zu dieser Meldung
- Junior Scientist Research Centre ReproTrack.MS
- Die Februar-Ausgabe der Unizeitung als PDF
- Alle Ausgaben der Unizeitung auf einen Blick
- Weiterer Beitrag der Themenseite: Gastbeitrag von Prof. Dr. Jan Rossaint
- Weiterer Beitrag der Themenseite: Interview mit Prof. Dr. Tanja Grammer
- Weiterer Beitrag der Themenseite: Beispiel Nuklearmedizin