Ein gewinnbringender Prozess
Translationale Forschung läuft weltweit in mehreren aufeinander aufbauenden Phasen ab. Nuklearmediziner Prof. Dr. Philipp Backhaus ist am Universitätsklinikum Münster und am „European Institute for Molecular Imaging“ der Universität Münster vor allem in den frühen Phasen der Translation aktiv und auf die Bildgebung und Therapie von Tumoren und Entzündungen spezialisiert. Seit einigen Monaten ist sein Team an der Entwicklung des Medikaments „OncoACP3“ beteiligt, das die Untersuchung von Prostatakrebs verbessern soll.
Von der Grundlagenforschung zu ersten translationalen Schritten
Die Nuklearmedizin setzt radioaktiv markierte Medikamente ein, auch Radiopharmaka genannt, um Bilder aus dem Körperinneren zu erzeugen. Diese Stoffe binden sich an bestimmte Moleküle, die an Krankheitsprozessen beteiligt sind. Um neue Möglichkeiten für die nuklearmedizinische Bildgebung zu entwickeln, ist daher oft die Erforschung der molekularen Prozesse nötig, die einer Erkrankung zugrunde liegen. Im Fall von „OncoACP3“ ging es darum, ein passgenaues Molekül zu finden, das spezifisch an Prostatakrebszellen bindet und so Metastasen sichtbar machen kann. Dies war dem Schweizer Biotech-Unternehmen „philochem AG“ kürzlich gelungen. Das Unternehmen identifizierte ein kleines Molekül, das an das Protein ACP3 auf Prostatakrebszellen bindet, und bestätigte dies in Zellkulturen. Das Forschungsteam an der Universität Münster entwickelte in Kooperation mit dem Unternehmen daraufhin den Weg für die radioaktive Markierung des Moleküls und stellte im Reagenzglas sicher, dass das neue Radiopharmakon im Blutserum stabil bleibt. Dies ist eine wichtige Voraussetzung für den ersten translationalen Schritt: In gezielten Untersuchungen prüfte das Team die Verteilung und Anreicherung in Tumorzellen im Mausmodell. Dazu wurden den Mäusen Tumorzellen unter die Haut gespritzt, die Tumore mit dem neuen Radiopharmakon bildgebend dargestellt und anschließend entnommen, um die Bilder mit dem Vorkommen des Proteins auf dem Tumor zu vergleichen. „Diese präklinischen Studien sind eine entscheidende Phase, denn wie sich ein Molekül in der komplexen biologischen Umgebung eines lebenden Organismus verhält, lässt sich in einer Zellkultur nicht vollständig simulieren“, sagt Philipp Backhaus.
Erste Erprobung und Studien bei Patienten
Die Studien zeigten, dass „OncoACP3“ die Maustumoren sehr zuverlässig darstellte, so dass die Anwendung beim Menschen in den Blick rücken konnte. Hier ist in Deutschland neben einer klinischen Phase-I-Studie, in die eine geringe Anzahl an Probanden eingeschlossen wird, auch die direkte Anwendung bei Patienten im Rahmen individueller medizinischer Fragestellungen möglich. Dies ermöglicht insbesondere Universitätskliniken, einzelnen Patientinnen und Patienten unter bestimmten Voraussetzungen frühzeitig eine neue diagnostische oder therapeutische Option anzubieten. „OncoACP3“ wurde so bei ausgewählten Patienten angewendet, bei denen nach Einschätzung des sogenannten Tumorboards, eines interdisziplinären Expertenteams, eine Ergänzung der Standardbildgebung sinnvoll erschien. Durch die neuartige Untersuchung sollte die individuelle Metastasierung besser beurteilt werden. Eine wichtige Basis dieser klinischen Anwendung ist eine intensive und individuelle Aufklärung des Patienten, der sein Einverständnis geben muss, bevor es zur Bildgebung kommt. Im Fall von „OncoACP3“, das inzwischen an verschiedenen Standorten bei über 100 Patienten zum Einsatz gekommen ist, lieferten die ersten klinischen Anwendungen positive Ergebnisse, die nachträglich ausgewertet und wissenschaftlich veröffentlicht wurden. „In vielen Fällen konnten wir mithilfe des innovativen Medikaments ermitteln, ob und wie der Krebs bereits metastasiert hatte, wodurch oft die Therapie angepasst und optimiert werden konnte“, erklärt Philipp Backhaus.
Um die Anwendung in den Klinikalltag überführen zu können, braucht es klinische Studien und letztlich eine arzneimittelrechtliche Zulassung des Medikaments. Hier gelten strenge Vorschriften. „Translationale Forschung bleibt an dieser Hürde oft hängen“, sagt Philipp Backhaus. „OncoACP3“ hat aktuell die Hälfte des translationalen Weges beschritten. Ein Pharmaunternehmen hat das Patent lizenziert und führt bereits eine Phase-I-Studie durch, die vor allem die Arzneimittelsicherheit zeigen soll.
Weitergehende klinische Studien
Basierend auf der Phase-I-Studie sind Phase-II- und Phase-III-Studien dann unabdingbar. Mit ihnen überprüfen die Experten unter anderem, ob der Einsatz eines neuen Verfahrens in einer größeren Patientengruppe Vorteile gegenüber anderen Methoden bringt. Sofern „OncoACP3“ sein Potenzial bewahrheitet und die nötigen regulatorischen Hürden überwindet, kann es zugelassen, in Leitlinien verankert und in der Routineversorgung von den Krankenkassen finanziert werden.
Philipp Backhaus und sein Team betreiben derweil weitere translationale Forschung. „In Deutschland wurde über Jahre viel in die präklinische Forschung investiert, aber gleichzeitig errichtete man hohe finanzielle und regulatorische Hürden für die Translation in Phase-Studien“, erklärt Philipp Backhaus. „Hier hat sich in den vergangenen Jahren viel zum Positiven entwickelt, so dass wir hoffentlich bald deutlich mehr Studien selbst initiieren können“, unterstreicht er. Hilfreich werde dafür sein, dass er derzeit das Studienmanagement in der Klinik für Nuklearmedizin weiter vorantreibt und professionalisiert, um vermehrt frühe Phase-Studien als wichtigen Teil des translationalen Prozesses durchführen zu können.
Dieser Beitrag ist Teil einer Themenseite zu translationaler Forschung und stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 1, 4. Februar 2026.
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 1, 4. Februar 2026.
Links zu dieser Meldung
- Prof. Dr. Philipp Backhaus am European Institute for Molecular Imaging (EIMI) der Universität Münster
- Die Februar-Ausgabe der Unizeitung als PDF
- Alle Ausgaben der Unizeitung auf einen Blick
- Weiterer Beitrag der Themenseite: Gastbeitrag von Prof. Dr. Jan Rossaint
- Weiterer Beitrag der Themenseite: Interview mit Prof. Dr. Tanja Grammer
- Weiterer Beitrag der Themenseite: Forschung für den Weg zum Wunschkind