Rufmordkampagne mit tödlichem Ende
Ein Stolperstein auf dem Medizin-Campus erinnert heute an den ersten Leiter des Pathologischen Instituts der Universität Münster. Walter Gross, geboren 1878, nahm sich wenige Monate nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten das Leben. Er hinterließ seine Frau und zwei Kinder. Dem Selbstmord vorausgegangen war eine beispiellose Rufmordkampagne seiner NSDAP-treuen Assistenten, sodass er nicht nur seine Absetzung, sondern auch die Deportation ins Konzentrationslager fürchtete. Tief in den Fall verstrickt war die langjährige Institutssekretärin Christine Weber. Wer war das Opfer in diesem Fall, wer Täter und wer Zeuge? Diesen Fragen gehen Studierende derzeit in einem Seminar des Schreib-Lese-Zentrums (SLZ) auf den Grund, bei dem sie eine True-Crime-Doku entwickeln.
„Die Ausmaße der Diskriminierung in der NS-Zeit waren unvorstellbar“, sagt Studentin Sina Peters, beeindruckt davon, wie gut die Originalschriftstücke erhalten sind. „Es ist beklemmend, wenn man so tief in die Privatsphäre anderer Menschen eindringt – vermutlich faszinieren echte Kriminalfälle deshalb so viele Menschen“, ergänzt ihre Kommilitonin Linda Silbernagel. Beide sehen das Seminar als Chance, fernab des „üblichen“ Unialltags Einblicke in journalistische und schriftstellerische Tätigkeiten zu bekommen. Mitstudentin Selina Habel hat bereits ihre Bachelorarbeit zu True-Crime-Formaten geschrieben – auch sie kann sich vorstellen, später beruflich in diesem Bereich zu arbeiten. „In diesem Genre wird oft deutlich, dass jeder zum Opfer werden kann“, hebt sie hervor. „Man erfährt, was die Täterinnen oder Täter motiviert, sodass Dokumentationen über wahre Verbrechen zugleich Aufklärungsarbeit leisten.“
Lassen sich nach mehr als 90 Jahren noch neue Erkenntnisse im Fall Walter Gross ans Licht bringen? Warum verschwand kurz vor dessen Suizid der Schlüssel zum Giftschrank, wer stellte die Zyankali-Flasche am Tag der Beerdigung wieder dorthin zurück? „Es gibt Ungereimtheiten, die damals nicht aufgearbeitet wurden“, sagt Sandra Lüpkes. „Außerdem spiegeln die Akten fast ausschließlich die Sichtweise der Männer wider, obwohl eine Frau im Mittelpunkt der Differenzen stand.“
Die Universität setzte einen Untersuchungsausschuss ein, vor dem sich Erich-Emil Benecke und Wilhelm Klostermeyer offensiv gegen die Gerüchte zur Wehr setzten, wonach sie ihren Chef in den Tod getrieben hätten. Trotz vorübergehender Suspendierung machten sie später Karriere und wurden im Nachkriegsdeutschland Professoren. Christine Weber hingegen verließ Münster bald darauf und lebte bis zu ihrem Tod 1976 in Kiel.
„Der Reiz an wahren Geschichten liegt für mich darin, so tief einzusteigen, dass man alle Protagonisten und ihre Handlungen nachvollziehen kann“, betont Sandra Lüpkes. Sie sei gespannt darauf, was die 16 Studierenden in den kommenden Wochen über Walter Gross und Christine Weber zutage fördern. Welche Inhalte werden auf welche Weise erzählt? Wie entsteht ein Drehbuch? Und welche Expertinnen und Experten sollen im Film zu Wort kommen? Antworten auf diese Fragen wird Sandra Lüpkes mit den Studierenden an zwei weiteren Blockterminen im Januar finden, bevor die Öffentlichkeit zur Filmpräsentation und Diskussionsrunde eingeladen ist.
Terminhinweis:
Die Filmvorführung der True-Crime-Doku findet am Sonntag, 1. Februar 2026, in der Studiobühne, Domplatz 23, statt. Beginn ist um 15 Uhr. Der Eintritt ist frei.
Autorin: Julia Harth
Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 8, 10. Dezember 2025.