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Münster (upm/jh).
Das Bild zeigt drei Studierende und die Seminarleiterin, die sich im Uni-Archiv an einem Tisch über alte Akten beugen.<address>© Uni MS - Julia Harth</address>
Linda Silbernagel, Sandra Lüpkes, Selina Habel und Sina Peters (von links) blättern im Universitätsarchiv durch die fast hundert Jahre alten Akten zum Fall Walter Gross, die ihnen zur weiteren Recherche auch digital vorliegen.
© Uni MS - Julia Harth

Rufmordkampagne mit tödlichem Ende

Studierende entwickeln eine True-Crime-Doku zum Fall Walter Gross – Präsentation am 1. Februar 2026

Ein Stolperstein auf dem Medizin-Campus erinnert heute an den ersten Leiter des Pathologischen Instituts der Universität Münster. Walter Gross, geboren 1878, nahm sich wenige Monate nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten das Leben. Er hinterließ seine Frau und zwei Kinder. Dem Selbstmord vorausgegangen war eine beispiellose Rufmordkampagne seiner NSDAP-treuen Assistenten, sodass er nicht nur seine Absetzung, sondern auch die Deportation ins Konzentrationslager fürchtete. Tief in den Fall verstrickt war die langjährige Institutssekretärin Christine Weber. Wer war das Opfer in diesem Fall, wer Täter und wer Zeuge? Diesen Fragen gehen Studierende derzeit in einem Seminar des Schreib-Lese-Zentrums (SLZ) auf den Grund, bei dem sie eine True-Crime-Doku entwickeln.

Porträt in schwarz-weiß von Walter Gross.<address>© Universitätsarchiv</address>
Walter Gross war der erste Leiter des Pathologischen Instituts der Medizinischen Fakultät. Intrigen seiner Assistenten trieben ihn im September 1933 in den Tod.
© Universitätsarchiv
„Damals wurde die Angelegenheit gar nicht als Kriminalfall eingestuft“, sagt Seminarleiterin Sandra Lüpkes. Eher durch Zufall stieß die Schriftstellerin und Drehbuchautorin bei Recherchearbeiten im Universitätsarchiv auf den Fall. „Hinter alten Akten verbergen sich oft spannende Geschichten“, ist sie überzeugt – und wählte die Ereignisse rund um Walter Gross’ Suizid am 14. September 1933 als Seminarthema aus. Die Studierenden tauchen dabei tief in die NS-Zeit ein: Beim ersten Blocktermin besuchten sie das Universitätsarchiv, blätterten in fast hundert Jahre alten Dokumenten und machen sich nun auf die Suche nach Angehörigen, Obduktionsberichten, den alten Schauplätzen, Kriminal- und Gerichtsakten. Ihre Erkenntnisse und Entdeckungen setzen sie in einem Film zusammen, den sie am 1. Februar 2026 der Öffentlichkeit präsentieren möchten.

„Die Ausmaße der Diskriminierung in der NS-Zeit waren unvorstellbar“, sagt Studentin Sina Peters, beeindruckt davon, wie gut die Originalschriftstücke erhalten sind. „Es ist beklemmend, wenn man so tief in die Privatsphäre anderer Menschen eindringt – vermutlich faszinieren echte Kriminalfälle deshalb so viele Menschen“, ergänzt ihre Kommilitonin Linda Silbernagel. Beide sehen das Seminar als Chance, fernab des „üblichen“ Unialltags Einblicke in journalistische und schriftstellerische Tätigkeiten zu bekommen. Mitstudentin Selina Habel hat bereits ihre Bachelorarbeit zu True-Crime-Formaten geschrieben – auch sie kann sich vorstellen, später beruflich in diesem Bereich zu arbeiten. „In diesem Genre wird oft deutlich, dass jeder zum Opfer werden kann“, hebt sie hervor. „Man erfährt, was die Täterinnen oder Täter motiviert, sodass Dokumentationen über wahre Verbrechen zugleich Aufklärungsarbeit leisten.“

Lassen sich nach mehr als 90 Jahren noch neue Erkenntnisse im Fall Walter Gross ans Licht bringen? Warum verschwand kurz vor dessen Suizid der Schlüssel zum Giftschrank, wer stellte die Zyankali-Flasche am Tag der Beerdigung wieder dorthin zurück? „Es gibt Ungereimtheiten, die damals nicht aufgearbeitet wurden“, sagt Sandra Lüpkes. „Außerdem spiegeln die Akten fast ausschließlich die Sichtweise der Männer wider, obwohl eine Frau im Mittelpunkt der Differenzen stand.“

Das Bild zeigt eine alte Akte aus dem Universitätsarchiv zu den Unregelmäßigkeiten im Pathologischen Institut.<address>© Uni MS - Julia Harth</address>
Im Universitätsarchiv Münster lagern mehrere Akten mit Originaldokumenten zum Fall Walter Gross. Allein diese Akte mit dem Titel „Unregelmäßigkeiten im Pathologischen Institut“ (Bestand 9 Nr. 594) umfasst über 360 Seiten.
© Uni MS - Julia Harth
Christine Weber, von 1925 bis zu ihrer Entlassung kurz vor dem Tod von Walter Gross als Schreibkraft am Institut tätig, habe Institutsgelder unterschlagen und eine unerlaubte Abtreibung vornehmen lassen. Außerdem wurde ihr eine persönliche Beziehung zu ihrem Chef unterstellt. Doch war sie tatsächlich der Auslöser für die Geschehnisse, die im Selbstmord des Pathologen mündeten? Walter Gross stellte sich hinter sie und spielte die finanziellen Unregelmäßigkeiten herunter. Als einzige Sekretärin sei sie schlicht überlastet gewesen. Seine Assistenten Erich-Emil Benecke, Wilhelm Klostermeyer und Christian Hackmann stellten es anders dar: Mit seinem Verhalten und seinen Äußerungen habe sich Walter Gross „schwere politische Verfehlungen“ erlaubt. Sie intrigierten so massiv gegen ihn, dass er sich dem Druck nicht mehr gewachsen sah und sich – nach einem langen Gespräch mit seiner Frau – im Institut das Leben nahm.

Die Universität setzte einen Untersuchungsausschuss ein, vor dem sich Erich-Emil Benecke und Wilhelm Klostermeyer offensiv gegen die Gerüchte zur Wehr setzten, wonach sie ihren Chef in den Tod getrieben hätten. Trotz vorübergehender Suspendierung machten sie später Karriere und wurden im Nachkriegsdeutschland Professoren. Christine Weber hingegen verließ Münster bald darauf und lebte bis zu ihrem Tod 1976 in Kiel.

„Der Reiz an wahren Geschichten liegt für mich darin, so tief einzusteigen, dass man alle Protagonisten und ihre Handlungen nachvollziehen kann“, betont Sandra Lüpkes. Sie sei gespannt darauf, was die 16 Studierenden in den kommenden Wochen über Walter Gross und Christine Weber zutage fördern. Welche Inhalte werden auf welche Weise erzählt? Wie entsteht ein Drehbuch? Und welche Expertinnen und Experten sollen im Film zu Wort kommen? Antworten auf diese Fragen wird Sandra Lüpkes mit den Studierenden an zwei weiteren Blockterminen im Januar finden, bevor die Öffentlichkeit zur Filmpräsentation und Diskussionsrunde eingeladen ist.

Terminhinweis:

Die Filmvorführung der True-Crime-Doku findet am Sonntag, 1. Februar 2026, in der Studiobühne, Domplatz 23, statt. Beginn ist um 15 Uhr. Der Eintritt ist frei.

 

Autorin: Julia Harth

Dieser Artikel stammt aus der Unizeitung wissen|leben Nr. 8, 10. Dezember 2025.

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