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Münster (upm/ch).
Das Kunstwerk von Harald Klingelhöller am Juridicum soll den Betrachter auf neue Gedanken bringen.<address>© WWU - MünsterView</address>
Das Kunstwerk von Harald Klingelhöller am Juridicum soll den Betrachter auf neue Gedanken bringen.
© WWU - MünsterView

Punkt, Punkt, Komma, Strich

Teil 6: Am Juridicum steht „Die Wiese lacht oder das Gesicht in der Wand“ von Harald Klingelhöller

Umgeben vom Backsteinbau des Juridicums, neben Rhododendron und anderen Ziergewächsen, stehen auf der Wiese im Innenhof 21 Eiben. Fünf davon sind kegelförmig geschnitten und wachsen in Reihe. Die anderen, deutlich kleineren Exemplare, die sich daneben in einem viereckigen Beet drängen, sehen aus wie Kugeln. Vor den gestutzten Bäumchen steht brüstungsartig eine vier Meter lange Konstruktion aus Metall und Spiegelglas. Dieses Kunstwerk von Harald Klingelhöller, bis 2021 Professor für Bildhauerei an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe, trägt den Titel „Die Wiese lacht oder das Gesicht in der Wand“.

Ich stehe ratlos davor: Wo lacht die Wiese? Und wieso? Kann eine Wiese überhaupt lachen? Auf den ersten Blick jedenfalls erschließen sich mir die Antworten nicht. Allenfalls die bogenförmige Spiegelglasbrüstung erinnert an einen lächelnden Mund. Dr. Eckhard Kluth, Kustos der WWU, sagt: „Harald Klingelhöllers Kunst hat eine große Tiefe, die man mit einem philosophischen Ansatz ergründen kann. Man kann sie aber auch einfach nutzen, um auf andere Gedanken zu kommen und Denkblockaden zu überwinden.“ Er gibt einen Tipp: „Klingelhöller hat vom Typ her etwas Anarchisches, er möchte Erwartungen unterlaufen.“ Also ist Fantasie gefragt.

Der Uni-Kustos hilft mir noch weiter: Der Innenhof ist jetzt ein Spielbrett, die Elemente von Klingelhöllers Kunstwerk sind aufgestellt wie Spielfiguren – Kugeln, Kegel, gleich kann es losgehen. Der Gedanke funktioniert, ich sehe die Kugeln vor meinem geistigen Auge über die Wiese rollen und fühle mich wie Alice im Wunderland. Jetzt kann ich mir vorstellen, dass dies ein sehr fröhlicher Ort ist. Die Metapher von der lachenden Wiese klingt gar nicht mehr so weit hergeholt.

Harald Klingelhöller, Jahrgang 1954, wurde für sein Lebenswerk mit dem Kulturpreis Baden-Württemberg 2013 ausgezeichnet, zusammen mit dem Kunstkritiker Günther Wirth. Ausstellungen weltweit haben seine Werke einem breiten Publikum zugänglich gemacht, beispielsweise in Toronto, Paris und Turin. Sein Kunstwerk am Juridicum entstand 1987 im Zuge der „Skulptur Projekte“. Anschließend übertrug der Künstler das Werk der WWU.

Teil des Werks ist eine bogenförmige Spiegelglaskonstruktion.<address>© WWU - MünsterView</address>
Teil des Werks ist eine bogenförmige Spiegelglaskonstruktion.
© WWU - MünsterView
Dreißig Jahre später, 2017, wurde der Innenhof des Juridicums neugestaltet und bei der Gelegenheit „Die Wiese lacht“ in Zusammenarbeit mit dem Künstler renoviert. Prof. Dr. Theresia Theurl, damals Dekanin der Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät und Prof. Dr. Janbernd Oebbecke, zu der Zeit Dekan der Rechtswissenschaftlichen Fakultät, betonten damals: „Das Kunstwerk bringt mit seinem spielerischen Humor einen anderen Ton in den strengen Alltag von Forschung und Lehre.“

Das münstersche Werk ist Version Nummer fünf – Harald Klingelhöller inszenierte zuvor bereits verschiedene Varianten seiner Arbeit in verschiedenen Zuständen und Materialien. Bei einer Variante in Privatbesitz hat das imaginäre Spiel beispielsweise bereits begonnen, die Kugeln sind auf dem „Spielfeld“ zerstreut.

Harald Klingelhöller selbst erklärte, auf den Titel „Die Wiese lacht“ sei er durch seine Lektüre des Philosophen Hans Blumenberg gekommen, der sich mit dem Thema „Metaphern“ auseinandergesetzt hatte. Der zweite Teil des Titels, „das Gesicht in der Wand“, bezieht sich auf Leonardo da Vinci. Der empfahl, sich alte Wände anzuschauen, wenn die Inspiration ausbleibt. Die Flecken und Risse darauf würden sich nach einer Weile zu Formen und Gesichtern fügen.

Gesichter also. Alle Versionen von „Die Wiese lacht“, so erklärte es Harald Klingelhöller, beinhalten die Elemente Dreieck, Kreis und Halbkreis für das „Punkt-Punkt-Komma-Strich-Schema“ des Gesichts. Tatsächlich, die kegelförmigen Eiben könnten Nasen sein, die Kugeln Augen – und die bogenförmige Spiegelglaskonstruktion hatte ich ja gleich als Mund erkannt.

Autorin: Christina Hoppenbrock

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