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Münster (upm/kk)
Die Energiewende zielt auf eine sichere, wirtschaftliche und kohlendioxidarme Energieversorgung ab.<address>© AdobeStock</address>
Die Energiewende zielt auf eine sichere, wirtschaftliche und kohlendioxidarme Energieversorgung ab.
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Energiewende als Gemeinschaftsaufgabe

Anna Ernst untersuchte, wie Beteiligungsprozesse das gesellschaftliche Lernen stärken

Seit mehr als 40 Jahren begleitet uns die Energiewende – ein langwieriger Prozess, der auf eine sichere, wirtschaftliche und kohlendioxidarme Energieversorgung abzielt. Dieser Transformationsprozess ist in Deutschland – und in vielen anderen Ländern – eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe und hängt von sozialen und politischen Entscheidungen ab. „Transformationen entwickeln sich nur in Verbindung mit der Veränderung von Mentalitäten und Verhaltensmustern sowie rechtlichen Rahmenbedingungen, die durch enge Kooperationen und einen gemeinsamen Lernprozess entstehen. Daher ist es notwendig, verschiedene Akteure – von Privatpersonen bis hin zu Interessensverbünden – in Planungs- und Entscheidungsprozesse einzubeziehen“, sagt Dr. Anna Ernst. In Ihrer Dissertation am Institut für Politikwissenschaft der WWU untersuchte sie, wie gesellschaftliches Lernen von Akteuren die Energiewende als Gesamtprozess stärkt.

Dr. Anna Ernst<address>© privat</address>
Dr. Anna Ernst
© privat
Diese spezielle Art des Lernens kennzeichnet eine Form des Wissenserwerbs, der durch Interaktionen mit anderen Menschen stattfindet. Er soll dazu beitragen, die Wissensbasis für Entscheidungen zu verbessern sowie ein gemeinsames Verständnis unter unterschiedlichen Akteuren zu schaffen und somit ein am Gemeinwohl orientiertes Handeln befördern. Der Gewinn neuer Informationen und Erfahrungen setzt einen kognitiven Prozess in Gang, der gegebenenfalls zur Anpassung oder Akzeptanz von Werten und/oder Einstellungen, was wiederum neue Handlungsoptionen ermöglichen kann. „Ich halte Partizipation, die gesellschaftliches Lernen fördert, für den Schlüssel im Prozess hin zu einer nachhaltigen Energiewende. Es fehlten aber bislang noch empirische Befunde, die diese Annahme belegen“, betont Anna Ernst.

Hintergrund und methodisches Vorgehen

Beteiligungsprozesse im Rahmen von Energieprojekten sind teilweise gesetzlich vorgeschrieben. Experten sind sich sicher, dass Partizipation eine wesentliche Voraussetzung für die Akzeptanz und den Umsetzungserfolg von Nachhaltigkeitsmaßnahmen ist; beispielsweise beim Bau von Windkraftanlagen, Solarthermie- oder Fotovoltaikanlagen und der Nutzung von Wasserkraft oder großer Infrastrukturen wie Stromtrassen. „Partizipationsprozesse führen nicht per se zu mehr Nachhaltigkeit, besseren Umweltergebnissen und zu effizienterer Umsetzung“, erklärt die Nachhaltigkeitswissenschaftlerin. „Meine Forschungsergebnisse verdeutlichen aber, dass der Grad des gesellschaftlichen Lernens durch die Gestaltung der Beteiligungsprozesse beeinflusst werden kann. Die Gestaltung von partizipativen Planungs- und Entscheidungsprozessen beeinflusst zudem, ob die Prozesse als legitim und fair bewertetet werden und ein Vertrauensaufbau stattfindet.“

Um das zu untersuchen, hat Anna Ernst eine sogenannte retrospektive Selbstberichtsmethode angewandt. Dabei mussten die Befragten Auskünfte zu vergangenen Partizipationsprozessen im Zuge von Energieprojekten in Deutschland geben und beschreiben, wie sie jeweils diesen Prozess erlebt haben. Mehr als 500 Personen nahmen an der Online-Umfrage teil. Abgefragt wurde unter anderem das Beteiligungsformat (z. B. Dauer, Intensität), der Kontext (z. B. Thema, bestehender Konflikt), individuelle Charakteristika der Teilnehmerinnen und Teilnehmer (z. B. Alter, Geschlecht), die Moderation sowie die eigene Wahrnehmung des Partizipationsprozesses und die Zufriedenheit bezüglich des eigenen Engagements. Zusätzliche Fragen bezogen sich auf die Themen Vertrauen, Konfliktlösung und Netzwerkbildung.

Zur Datenauswertung nutzte die Nachwuchswissenschaftlerin ein statistisches Analyseverfahren, um die Beziehungen zwischen den abgefragten Variablen zu untersuchen. Ihre Ergebnisse zeigen, dass die untersuchten Prozesscharakteristika, wie Intensivität der Beteiligung oder Bereitstellung von Informationen, einen Einfluss haben, aber auf unterschiedliche Dimensionen von gesellschaftlichem Lernen. So gibt es einen Zusammenhang zwischen der Bereitstellung von Informationen und dem Wissensaufbau, jedoch hat die Bereitstellung von Informationen scheinbar keinen Einfluss, ob jemand seine Einstellungen überdenkt. Dies wird eher durch die Diversität der Beteiligten am Prozess beeinflusst. Die Untersuchung hat aufgezeigt, dass besonders die Moderation des Prozesses und das Vertrauen in andere Teilnehmer sowie der Vertrauensaufbau ganz entscheidend sind.

Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass diese zwei Aspekte wichtiger sind als die Intensität des Dialoges und der Mitentscheidungsmöglichkeiten im Zuge von Partizipationsprozessen. „Die Ergebnisse haben mich sehr überrascht, da die meisten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bisher für eine intensive Beteiligung plädiert haben, um eine erfolgreiche Entscheidungsfindung zu gewährleisten“, unterstreicht Anna Ernst. Ihre Empfehlungen für zukünftige Partizipationsprozesse lauten daher: Moderatoren, Projektentwickler, Behörden und Politiker müssen verstärkt darauf achten, Vertrauen aufzubauen und alle Interessen und Perspektiven zu einzubeziehen. Dies sei besonders wichtig, weil Vertrauen in die Energiewende und Organisationsvertrauen wesentlich mit dem gesellschaftlichen Lernen zusammenhänge.

 

Zur Person

Anna Ernst aus dem Landkreis Verden in Niedersachsen studierte Politikwissenschaften und Soziologie an der Universität Osnabrück und danach Nachhaltigkeitswissenschaften an der Leuphana Universität Lüneburg. Ihre Promotion an der Universität Münster hat Sie im Zuge ihrer Tätigkeit am Institut für Energie- und Klimaforschung, Systemforschung und technologische Entwicklung des Forschungszentrums Jülich erstellt. Jetzt arbeitet sie als Projektleiterin Regionalmanagement Strukturwandel Kohleausstieg in Wilhelmshaven.

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