|
Münster (upm/jah)

"Der Diskurs um die List ist bereits so alt wie die Bibel"

Dr. Tobias Hoffmann promovierte über listiges Handeln von Kirchenvertretern im Mittelalter
Dr. Tobias Hoffmann beschäftigt sich in seinem Buch mit kirchlichen Würdenträgern.<address>© WWU - Peter Leßmann</address>
Dr. Tobias Hoffmann beschäftigt sich in seinem Buch mit kirchlichen Würdenträgern.
© WWU - Peter Leßmann

Kann listiges Handeln heilig sein? Dieser Frage widmete sich Historiker Dr. Tobias Hoffmann in seiner Dissertation, die unter dem Titel „Heilige List. Doloses Handeln hochmittelalterlicher Bischöfe und Äbte im Spannungsfeld von Weltwirken und Weltflucht“ an der Westfälischen-Wilhelms Universität (WWU) erschienen ist.  Im Gespräch mit Jana Haack erklärt Tobias Hoffmann, was es mit den listigen Bischöfen auf sich hat.

Schon der Titel Ihrer Dissertationsschrift macht stutzig. Wie passen die Worte „heilig“ und „List“ überhaupt zusammen?

Das war natürlich Absicht. Im Grunde passt es überhaupt nicht zusammen. Heilige werden als demütig, barmherzig und nicht zuletzt aufrichtig charakterisiert. Aber in bestimmten Situationen war die List durchaus geduldet beziehungsweise gestattet. Der Diskurs um die List ist so alt wie die Bibel. Schon in der Heiligen Schrift werden Geschichten erzählt, in denen eine List mit einem positiven Zweck verbunden wird.

Der vielzitierte Zweck heiligte also auch dieses Mittel?

Zumindest legt das bereits die Bibel nahe. Als prominentes Beispiel wird Jakob genannt, der sich durch eine List den Segen seines Vaters erschleicht, der eigentlich seinem älteren Bruder zuteilwerden sollte. Ich komme in meiner Arbeit zu dem Schluss, dass im Mittelalter auch Heiligen listige Handlungen gestattet waren, wenn sie einem positiven Zweck dienten. Das konnte zum Beispiel die Verschleierung einer vermeintlich demütigen und barmherzigen Lebensweise sein.

Waren es genau diese Verschleierungstaktiken, die Ihr Interesse an dem Thema weckten?

Oftmals ist es in meinem Fach so, dass man sein Dissertationsthema aus seiner Abschlussarbeit entwickelt. Dies war bei meinem eng gefassten Thema jedoch nicht möglich. Ich musste von Grund auf neu suchen. Während meiner Recherche in der Bibliothek fiel mir der kleine Sammelband eines Sinologen über die List in die Hände. Da ich schon immer ein Faible für Anekdoten und eher lustige Geschichten hatte und es zu diesem Thema in der Geschichtswissenschaft kaum etwas gab, machte ich die List zu meinem Dissertationsthema…

…und machten sich in den Bibliotheken auf die Suche nach einschlägiger Literatur?

Glücklicherweise dauerte die Suche nicht sehr lange. Es gibt sogar sehr viel Literatur in Form von Biographien und Chroniken, allerdings niemanden, der diese Quellen bereits auf listige Handlungen hin umfassender untersucht hat. Daher habe ich zunächst versucht die Quellenauswahl einzugrenzen und mich auf Biographien von Bischöfen und Äbten festgelegt. Das hatte vor allem den Vorteil, dass die Autoren der Viten die listigen Handlungen deutlicher bewerten und detaillierter beschreiben mussten als in Chroniken der damaligen Zeit. Die zeitliche Eingrenzung auf das Hochmittelalter lag nahe, weil die Berichte über die List in dieser Zeit stark zunahmen. Dies lag vermutlich zum Teil daran, dass sich im Hochmittelalter noch demütigere und enthaltsamere Lebensformen entwickelten, die die Biographen von Bischöfen und Äbten unter Druck setzten.

<address>© Ergon-Verlag</address>
© Ergon-Verlag
Jetzt aber mal konkret: Welche listigen Handlungen waren es denn, die Äbte und Bischöfe begangen haben?

Viele Anekdoten stammen aus dem Bereich der Askese, die als Tugend galt. Dazu gehörte es beispielsweise strenge Diät zu halten oder unbequeme und sehr einfache Kleidung zu tragen. Das führte vor allem dann zu einem Konflikt, wenn der Bischof auf Adlige traf oder diese beiden Gruppen gemeinsame gesellschaftliche Verpflichtungen hatten. Dort galt es unter anderem als unhöflich, bei Tisch das Essen zu verschmähen. Um die Askese heimlich zu vollziehen, führten die Heiligen ihre Gabel immer wieder zum Mund und täuschten vor zu kauen - oder sie zerteilten den Fisch aufwendig auf ihren Tellern, ohne ihn zu essen. In anderen Anekdoten ist davon die Rede, wie Äbte Wasser statt Wein tranken oder Bierschaum auf ihr Wasser gossen, um den Eindruck zu vermitteln, dass sie Bier trinken würden.

Und wann kam eine List noch zum Einsatz?

Vielfach wurde eine List auch zum Wohl anderer angewendet. Die Biographen berichten von Bischöfen, die ihr Gold zufällig in unmittelbarer Nähe armer Menschen verloren, um mehr Almosen zu verschenken, als es die Norm vorsah. Mit einer List ließ sich auch Gnade statt Recht durchsetzen. Selbst ein Diebstahl konnte als eine heilige Tat gelten, wenn der Heilige ihn zum Vorteil armer Menschen beging. So gibt es Anekdoten über einen Dekan von St. Andreas aus Köln, der aus der Küche halbe Schweineleiber stahl, um sie an die Armen zu verteilen. Die Biographien bieten ein breites Spektrum an Anekdoten, die allerdings oftmals erfunden sein dürften.

Sie gehen also davon aus, dass viele dieser Anekdoten nicht wahr sind?

Ja, das ist eine meiner Thesen. Ich gehe davon aus, dass diese Anekdoten vor allem einen sogenannten bewältigenden Charakter besaßen. Sie sollten genau das widerlegen, was die Menschen vielleicht vermutet haben, dass beispielsweise der Bischof oder Abt eben nicht asketisch oder demütig gelebt hat. Das wird vor allem dann klar, wenn es um Bischöfe geht, die berühmt dafür waren, deftigem Essen und alkoholischen Getränken nicht abgeneigt zu sein. Bei diesen finden sich häufig Anekdoten über ihre asketische Lebensweise.

Haben Sie ein Beispiel für einen solchen Fall?

Der englische Reichskanzler und spätere Erzbischof von Canterbury Thomas Becket war bekannt für einen luxuriösen Lebensstil und rauschende Feste. Nach seiner Ermordung wurde er zum Märtyrer erklärt. Um sein vorangegangenes Leben zu rechtfertigen, versuchte man, ihn mittels der eben geschilderten Anekdoten als frommen Menschen darzustellen. So gibt es unter anderem die Geschichte, dass die Mönche, die Beckets Leichnam bargen, unter seinem prachtvollen Gewand verwesende alte Kleidung fanden, die vermeintlich bewies, dass der Erzbischof heimlich viel strenger lebte als gedacht. Das Interessante daran ist, dass sich diese Anekdoten nicht widerlegen lassen, da die angeblichen frommen Handlungen ja angeblich heimlich und für die Öffentlichkeit im Verborgenen stattfanden. Thomas Becket wurde – auch durch diese Anekdoten – zu einem der berühmtesten Märtyrer im Mittelalter.

Über die Autoren der Abts- und Bischofsviten ist wenig bekannt. Kann man diesen Autoren denn überhaupt vertrauen?

Bischofs- und Abtsviten wurden nach dem Ableben der jeweiligen Personen verfasst. Die Autoren haben die Lebensläufe von Mönchen oder anderen Geistlichen mit der Intention verfasst, einen Heiligenkult zu stützen. Wenn jemand heiliggesprochen wurde, konnte das für die jeweilige Kirche enorme finanzielle Einnahmen durch Opfergaben bedeuten. Es handelt sich also sicher nicht um objektive Biographien. Somit sind die Schriften insgesamt nicht besonders glaubwürdig. Mir geht es in meiner Dissertation allerdings auch nicht primär um den Wahrheitsgehalt der Aussagen. Ich befasse mich in meiner Studie vielmehr mit der Wahrnehmung und Deutung listiger Handlungen und damit, wie Biographen wie die Thomas Beckets diese Anekdoten nutzten, um mit Kritik umzugehen. Egal wie wahr oder falsch die Geschichten letztendlich sind: Personen wie Thomas Becket zeigen, wie wichtig diese Anekdoten für den Prozess der Heiligsprechung waren.

Links zu dieser Meldung